Herr Vega, im vergangenen Herbst tauchte Ihr Name unter den Kandidaten fürs Fifa-Präsidium auf. Was ist aus diesen Ambitionen geworden?
Ramon Vega: Ich wurde damals von erfahrenen Topdiplomaten aufgefordert, mich der Wahl zu stellen. Aber bald musste ich einsehen, dass es für jemanden von ausserhalb der geschützten Werkstatt des Fussballs unmöglich ist, ans Ziel zu kommen. Sowohl Uefa als auch nationale Verbände blockierten meine Ambitionen.

Deshalb zogen Sie sich zurück?
Ich erhielt nie eine faire Chance. Dieses antidemokratische System muss gesprengt werden. Heute beobachte ich die Geschehnisse in der Fifa ganz genau – und wundere mich. Da werden die einfachsten Regeln aus der Privatwirtschaft mit Füssen getreten. Die Führungskräfte setzen sich über alle Prinzipien hinweg. Die grossen Verbände müssen wie Weltkonzerne geführt werden – mit den bestmöglichen Fachkräften aus allen Bereichen.

Woher nehmen Sie die Legitimation für diese Kritik?
Ich war 20 Jahre im Fussball – und 18 Jahre in der Finanzbranche. Es geht in einem modernen Sportverband um dieselben Dinge wie in der Privatwirtschaft: Management, Kontrolle, Compliance. Ich kenne den Spitzensport – und ich kenne die Geschäftswelt. Und ich habe mich auf beiden Feldern durchgesetzt – weil ich bereit war, hart zu kämpfen.

Mit dem Abgang von Sepp Blatter waren die Hoffnungen verbunden, dass der Reformprozess beschleunigt und der Ruf der Fifa wiederhergestellt wird. Es blieb beim Wunsch …
Blatter hat den Reformprozess ins Rollen gebracht. Doch sein grosses Problem war, dass er mit einer Regierung (dem Exekutivkomitee; die Red.) zu arbeiten hatte, über deren Zusammensetzung er kein Mitspracherecht besass. In der Privatwirtschaft wäre eine derartige Unternehmensstruktur nie möglich.

Ist eine solch heterogene Organisation wie die Fifa nach wirtschaftlichen Kriterien überhaupt zu führen?
Das System begünstigt Seilschaften, gegenseitige Gefälligkeiten und Absprachen. Der Vereinsstatus für die Fifa ist veraltet. Oder kennen Sie einen Verein mit einem Vermögen von 1,5 Milliarden Dollar? Wenn selbst die Fussballklubs heute als Aktiengesellschaft organisiert sind, müsste das auch für die grossen Verbände gelten – mit allen Kontrollmechanismen und Verantwortlichkeiten.

Nach Jahren des finanziellen Erfolgs droht der Fifa nun ein Defizit von 550 Millionen Dollar. Was tun?
Ein Schlüssel liegt in der Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit und der Wiederherstellung des Vertrauens – aber dazu ist ein konsequenter Neuanfang nötig. Nur mit neuem Personal – vor allem im geschäftlichen Bereich – kann das Vertrauen bei den Sponsoren wieder hergestellt werden. Der Fussball bietet für jede Firma die perfekte Plattform, sich weltweit präsentieren zu können. Solange das Spiel aber mit Korruption und Bestechung in Verbindung gebracht wird, funktioniert das nicht.

Wie beurteilen Sie die Arbeit von Gianni Infantino nach rund 100 Tagen als Fifa-Präsident?
Ich staune. Er trat das Amt in einer optimalen Startposition an. Er hätte eigentlich nur gewinnen können – wenn er den Reformprozess weiter vorangetrieben und sich selbst zurückgehalten hätte. Demut, Respekt und eine Low-Profile-Strategie wären die richtigen Stilmittel gewesen. Doch Infantino tat das Gegenteil. Zudem installierte er in der Person von Fatma Samoura eine Marionette als Generalsekretärin. Infantinos Weg ist der falsche Weg! Die Gewaltentrennung muss zwingend wieder eingeführt werden.

Wie denken Sie darüber, dass Infantinos Spesenrechnungen an die Medien gelangen?
Das macht vor allem deutlich, dass sich der neue Präsident innert kurzer Zeit im engsten Umfeld Gegner geschaffen hat. Und wer sich nicht mehr auf seine Mitarbeiter verlassen kann, ist als Chef faktisch gescheitert.

Hat ein Fifa-Präsident das Recht, die Möblierung seines Apartments dem Arbeitgeber mit 11 440 Franken zu verrechnen oder den Kauf von sechs Fussballschuhen mit 1256.70 Franken?
Ich kenne das Spesenreglement der Fifa nicht. Aber ich weiss, dass Adidas einer der Hauptsponsoren des Verbands ist. Es wäre mir neu, dass Fifa-Mitarbeiter für Adidas-Fussballschuhe den vollen Preis bezahlen müssen.

Offenbar liess sich Infantino Flüge im Privatjet von Gönnern bezahlen.
Das ist ein absolutes No-Go. Wer sich von involvierten Kreisen finanziell unterstützen lässt, begibt sich in eine fahrlässige Abhängigkeit und einen gefährlichen Interessenskonflikt. In der Privatwirtschaft würde das unter den Strafbestand der Bestechung fallen. Vor diesem Hintergrund kann man nachvollziehen, weshalb Infantino die Aufsichtsorgane köpfen liess. Als Fifa-Präsident muss man vor allem Nein sagen und auf angebotene Privilegien und Vorzüge verzichten können.

Immer wieder dringen Interna an die Öffentlichkeit. Worauf führen Sie das zurück?
Von Loyalität und Solidarität fehlt jede Spur. Infantino ist es nicht gelungen, die Angestellten hinter sich zu bringen.

Wäre es nicht sowieso das Beste, der Fifa-Präsident käme von ausserhalb des Systems?
Gegenfrage: Wie ist es möglich, dass der engste Verbündete des von der Fifa-Ethikkommission schuldig gesprochenen Uefa-Chefs (Michel Platini; die Red.) plötzlich der Präsident der Fifa ist? Dass er (Infantino; die Red.) mit Platinis Unterstützung und Uefa-Geldern die Fifa erobert? Das entbehrt jeglichem Rechtsempfinden und dem gesunden Menschenverstand. Das konnte doch nicht gutgehen. Infantino liess sich den Wahlkampf von der Uefa mit 500 000 Euro finanzieren. Er reiste auf seiner persönlichen Mission auf Uefa-Kosten um die Welt. Infantino spiegelt das faule, marode System. Die Fifa braucht einen Präsidenten ohne Altlasten – einen, der für Transparenz, Leidenschaft, Ethik, Professionalität und Moral steht.

Wären Sie unter den jetzigen Bedingungen am Amt des FifaPräsidenten noch interessiert?
Wie eingangs erwähnt, haben mich die letztjährigen Ereignisse irritiert, aber gleichzeitig in meiner Überzeugung gestärkt, dass sich etwas ändern muss. Ich verdanke dem Fussball sehr viel. Und ich möchte ihm und der Fifa das zurückgeben, was er mir geschenkt hat. Eine Führungsaufgabe auf höchster sportpolitischer Bühne wäre eine grosse Herausforderung. Und ja, sie würde mich reizen – auch weil ich die Erfahrungen aus meinen bisherigen Karrieren optimal einbringen könnte.

Es scheint, das Fifa-Präsidium führe unweigerlich zu einem übersteigerten Machthunger und erhöhtem Geltungsdrang. Wären Sie vor solchen Auswüchsen gefeit?
Ich muss mich nicht mehr profilieren. Das Scheinwerferlicht hatte ich als Fussballer zur Genüge.

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