Die Auferstehung des Lazarus können wir nur als Wunder erklären. Ambris Wiedererweckung, das erstaunlichste Comeback seit Lazarus von Bethanien, ist ein Hockey-Wunder. Aber sportlich, kulturell und vor allem politisch leicht zu erklären.

Beginnen wir mit der sportlichen Analyse. Eishockey ist ein unberechenbarer Zeitvertreib, der erst noch auf einer glatten Unterlage gespielt wird. Wer jedoch ein paar Grundsätze respektiert, kann das Spiel einigermassen berechenbar machen. Genau das hat Ambris neuer Sportdirektor und Trainer Serge Pelleiter getan. Diese Grundsätze heissen: starke Torhüter, gute Verteidiger, eine Mittelachse aus leistungsfähigen Mittelstürmern und gutes ausländisches Personal.

Ambri setzt als einziges NLA-Team regelmässig zwei Goalies ein. Bei der Belastung aus 50 Qualifikationsspielen kommt einer alleine früher oder später an die Belastungsgrenze. Bei Ambri sind Nolan Schaefer und Sandro Zurkirchen (den Zug verschmähte) immer bei Kräften. Beide weisen eine Fangquote von über 90 Prozent aus. Mit dem Kanadier Maxim Noreau organisiert in Ambri der beste Verteidiger der Liga die Abwehr und vorne sind sechs Stürmer dazu fähig, in der Centerposition einen Block zu stabilisieren.

Eishockey ist nicht nur ein unberechenbares, sondern auch ein emotionales Spiel. Sehr oft triumphiert nicht die spielerische Überlegenheit, sondern die grössere Leidenschaft. Das Rezept für diese Leidenschaft ist die richtige Chemie. Will heissen: die richtige Mischung aus verschiedenen Spielertypen. Leitwölfe, die sehr viel Geld kosten, gehören dazu. Die Differenz machen indes oft die «Desperados» der Mittelklasse: Spieler, deren Talent andernorts nicht mehr geschätzt wurde, die eine letzte Chance bekommen oder die als Einheimische einen starken emotionalen Bezug zum Unternehmen haben. Ambri hat davon eine ganze Reihe: Reto Kobach, Paolo Duca, Fabian Lüthi, Alain Miéville, Marc Reichert, Roman Schlagenhauf oder Daniel Steiner sind alle auf ihre ganz besondere Art und Weise solche Desperados. Und schliesslich spielt auch der Trainerwechsel eine Rolle. Serge Pelletier weiss nicht mehr über Hockey als sein Vorgänger Kevin Constantine. Aber der Amerikaner wollte das Manko an Talent mit einem Übermass an Zucht und Disziplin, noch mehr Training und Video-Sitzungen kompensieren. Das führte dazu, dass Ambri Eishockey immer mehr arbeitete und nicht mehr spielte und schliesslich zweimal in die Liga-Qualifikation tauchte. Der kluge, weltgewandte Serge Pelletier hat es verstanden, Arbeit wieder in Spiel und Spass zu verwandeln, und ist bereits mit einer Vertragsverlängerung bis 2016 belohnt worden.

Aber den wohl wichtigsten Grund für Ambris Auferstehung finden wir in der nationalen Politik und draussen in der weiten Welt. Soeben ist Ständeratspräsident Filippo Lombardi durch seine ausufernde Reisetätigkeit in die nationalen Schlagzeilen geraten. Er dinierte in Argentinien, schmauste im Morgenland, diskutierte in Südostasien, verhandelte in Kasachstan. Filippo Lombardi ist seit 2009 auch Präsident des HC Ambri-Piotta. Es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Ambris Auferstehung und der Reisetätigkeit seines Obmannes. Ambri verdankt seinem charismatischen, grossen Vorsitzenden die wirtschaftliche Rettung. Aber Lombardi hat die Bühne, die ihm Ambri bietet, eben auch reichlich für seine Auftritte genutzt. Auch um seine Wiederwahl in den Ständerat zu sichern und um sein Ego im Rampenlicht zu wärmen.

Wenn aber in einem Sportunternehmen nicht mehr der Sport im Mittelpunkt steht, wird es gefährlich. Langnau stieg ab, weil sich alles um den Stadionneubau drehte und aus einem Sport- ein Bauunternehmen wurde. Ambri stürzte in seine tiefste Krise des 21. Jahrhunderts, weil sich auf einmal alles um den Präsidenten und Politik und nicht mehr um Sport drehte. Vorübergehend inszenierte Präsident Lombardi die wirtschaftlichen Probleme als grosse Politshow, schwadronierte über Strukturen und Stadien, über die Abschaffung des Abstieges und sonstigen Unsinn.

Erst im Laufe dieses Jahres ist es rund um Ambri auf wundersame Weise ruhig geworden. Lombardi ist nämlich Präsident des Ständerates geworden und er hat das hohe Amt genutzt, um die Welt zu bereisen. Weshalb er kaum mehr Zeit fürs Eishockey findet. Und so reden in Ambri alle wieder über Eishockey und nicht mehr über Politik, Subventionen für Stadionsanierungen oder finanzielle Probleme – und der Präsident steht nicht mehr ständig in der Kabine. Je ferner der Chef, desto näher der Erfolg: Ambri ist zu den Wurzeln des Eishockeys zurückgekehrt. Aber Achtung: Filippo Lombardis Jahr als Ständeratspräsident ist demnächst zu Ende. Bald geht es in Ambri wieder los mit Politisieren, Intrigieren und Lamentieren.

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