VON FELIX BINGESSER

Mit ein wenig Fantasie konnte man selbst bei Eiger, Mönch und Jungfrau ein Lächeln im ansonsten versteinerten Gesicht erkennen, als sich Carlo Janka oben auf der Lauberhornschulter aus dem Starthaus katapultierte. Carlo Janka, der Tausendsassa. Dieser Stilist, dieses Naturtalent mit dem untrüglichen Renninstinkt, dieses Goldfüsschen mit dem Gespür für die richtige Linie. Nicht nur die monumentalen Viertausender, die dem Lauberhorn seine einzigartige Kulisse bescheren, waren verzaubert.

Janka begeisterte auch die 32 000 Zuschauer, die den Veranstaltern einen neuen Publikumsrekord bescherten. Ja er verzückte bei diesem prestigeträchtigen Klassiker erneut die ganze Schweizer Sportwelt. Und sich selber. «Ich bin sehr überrascht von mir», so Janka nach seinem Triumph gewohnt emotionslos. Vielleicht hätte ihn Bode Miller fordern können. Miller verzichtete auf die Streckenbesichtigung und fuhr gemütlich morgens um 10 Uhr in charmanter weiblicher Begleitung mit dem Zug Richtung Kleine Scheidegg. Warum er nicht bei der Besichtigung sei, wurde Miller gefragt. «It’s always the same», lautete seine Antwort. Im Ziel-S rutschte er aus.

Doch auch Miller hätte Janka wohl nicht in Schach halten können. Zuzutrauen war dem 23-jährigen Bündner aus Obersaxen schon länger fast jedes Husarenstück. Und trotzdem überrascht der Mann, der einst mehr als achtzig Europacuprennen bestritt, aber keines davon gewann, immer wieder von Neuem. Gerade am Lauberhorn, wo das Alter und die Routine vermeintlich entscheidende Kriterien sind, war es halt doch wieder erstaunlich, mit welcher Kaltblütigkeit Janka die Piste und die Gegner kontrollierte.

Vor Jahresfrist hat er am Lauberhorn auf der Originalstrecke debütiert. Bei seinem zweiten Start hat er bereits zugeschlagen. Janka ist nicht mehr der Skiprinz, er ist bereits im jugendlichen Alter zum König aufgestiegen. Auch diese Saison wird für ihn zum Spiel ohne Grenzen. Der Sieg im Gesamtweltcup wird immer mehr zum Thema und auf seinem geliebten nordamerikanischen Schnee ist dem Bündner bei Olympia alles zuzutrauen. «Vielleicht flippe ich dann da einmal aus», so der Stoiker aus dem Bündnerland.

Janka schrieb an diesem Tag die eine Geschichte, der 38-jährige Marco Büchel die andere. «Ich bin am Morgen aufgestanden, habe aus dem Fenster geschaut und gewusst: Das gibt ein Skifest.» Ein Skifest war es denn auch, mit dem Liechtensteiner auf dem Podest. Mit Standing Ovations wurde «Büxi» nach der Pressekonferenz und nach seinem letzten Auftritt am Lauberhorn gefeiert. «Hört auf. Sonst muss ich weinen», so der bunte Vogel aus dem Fürstentum, der dem Skisport in der nächsten Saison fehlen wird.

Büchel war ein Farbtupfer bei dieser gigantischen Skiparty. 32 000 Zuschauer, so viel wie die Bahnen maximal zur Strecke befördern können, sorgten für eine grossartige Stimmung entlang der Strecke. Die Helikopter kreisten wie Bienenschwärme vor der Eigernordwand und es ist zur Unsitte geworden, dass sich bald jeder neureiche Wichtigtuer auf die Lauberhornschulter fliegen lässt, um danach ins VIP-Zelt zu stöckeln, statt die Wanderschuhe zu schnüren oder die Ski anzuziehen. So wie es beispielsweise der ehemalige Lauberhornsieger Paul Accola gemacht hat. Viel ist in diesen Tagen des 80-Jahr-Jubiläums von Tradition und Geschichte gesprochen worden. Doch die Kommerz-Spirale dreht sich halt auch ums Jungfrau-Massiv. Das war früher anders.

Als Toni Sailer in den Fünfzigerjahren mit dem Zug aus Österreich anreiste, hatten er und seine Teamkollegen an der Grenze die Wahl. Entweder sie erhielten zwei Franken und fünfzig Rappen in bar, oder ein Wurstbrot oder eine Tafel Schokolade. Mehr gab es nicht. Das grösste Glück für die Fahrer war es damals, dass sie nach der Zieldurchfahrt so viel Ovomaltine trinken durften, wie sie wollten. So war es einst. Toni Sailer ist im vergangenen Jahr gestorben.

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