VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL UND SEBASTIAN WENDEL

Ostermontag 2010. Der FC Basel tritt in Kriens zum Cuphalbfinal an. Rot-Blaue Ultras besetzen eine Zusatztribüne, für die sie keine Tickets haben. Sie würden diese erst räumen, wenn jene zehn Mitglieder, die wegen landesweiten Stadionverbots draussen bleiben müssen, eingelassen werden. Die Ordnungskräfte geben nach. Die zehn Ultras werden trotz Stadionverbot zugelassen und der Mob räumt die Zusatztribüne. Der Fussball im Würgegriff der Chaoten.

1. Mai 2009. Die am Tag der Arbeit gewohnte Szenerie auf der Zürcher Langstrasse. Prügelnde und wütende Chaoten. Ein Mann in schwarzem T-Shirt, hellen Hosen und Sonnenbrille wird gefilmt, wie er einem taumelnden Mann erst ins Gesäss und danach ins Gesicht tritt. Knapp ein Jahr später wird bekannt: Beim genannten Schläger handelt es sich pikanterweise um einen Angestellten des Sicherheitsdienstes Delta. Und exakt jener Delta-Mann soll am 20. März vor dem Spiel zwischen St. Gallen und dem FCB einem Basler Fan Rissquetschwunden und Prellungen am Kopf zugefügt haben. Auf Facebook hatte er geprahlt, «die Inzest-Buben vom Rhein richtig zu ficken». Unterdessen wurde der Delta-Mann entlassen. Zurück bleibt die Frage: Wer ist gut, wer ist böse?

Die Trennlinien sind unscharf. A-Fans sind unproblematisch und der Gewalt abgeneigt. B-Fans tragen die Farben ihres Klubs, zelebrieren Choreografien, brennen Pyros ab. Der Grossteil der B-Fans ist latent militant. Dieser Teil neigt zu Krawallen im und vor allem um das Stadion. Die meisten B-Fans nennen sich Ultra. Ein Ultra ist in der Regel zwischen 15 und 30 Jahre alt, männlich und kann aus allen sozialen Schichten stammen. Zugang findet der chauvinistische Lokalpatriot ebenso wie der Szenegänger, der System- und Kapitalismuskritiker, der Erlebnis-Fan oder der kiffende Hippie. Die Grosszahl der Ultras verachtet die Kommerzialisierung rund um den Fussball. Die dritte Gruppe, die C-Fans, sind die Hooligans. Diese sind bewusst auf Prügeleien mit anderen Hooligans aus. Äusserlich deutet nichts auf die Verbundenheit zu einem Klub. Der Hooligan trägt Markenklamotten. Und wie der Ultra lässt er sich nicht einer bestimmten sozialen Schicht zuordnen. Der Hooligan kann Banker, Chauffeur, Webdesigner, Journalist, Maurer oder Lehrer sein.

Doch im Gegensatz zum gewaltbereiten Teil der Ultras ist er nicht nur auf spontane Kämpfe aus, sondern spricht sich vor allem mit gegnerischen Hooligans zum Kampf ab. Bevorzugte Kampfplätze: weit entfernt vom Stadion. Womöglich auf einem abgelegenen Parkplatz oder in einem Waldstück. «Heute ist es schwieriger geworden, die Fans zu kategorisieren. Die Grenze zwischen B- und C-Fan ist fliessend geworden», sagt Adolf Brack, der 25 Jahre lang als Hooliganspezialist bei der Zürcher Stadtpolizei gearbeitet hat. «Die Muttenzer Kurve umfasst 3000, die FCZ-Südkurve 2500 Leute. Wenn etwas passiert, dann reagiert die ganze Kurve. Früher waren es in Zürich vielleicht 50 Hooligans, von denen ich jeden gekannt habe. Heute ist es viel unübersichtlicher und unkontrollierbarer geworden.»

Brack ist unterdessen im Ruhestand, aber immer noch aufdatiert. Während seines Aktivdiensts galt er als unkonventioneller «Bulle». Aber auch als einer, der von allen Seiten respektiert wurde. Daniel Ryser, dem Autor des Buchs «Feld, Wald, Wiese – Hooligans in Zürich» erzählt er eine Geschichte aus den Neunzigern, als fünfzig Basler Hooligans nach Zürich zum Spiel GC gegen YB reisten. Die Basler wollen die «Hardturm-Front» angreifen. Brack stoppt sie ein paar hundert Meter vor dem Stadion. «Ich sagte ihnen, wenn ihr nur einen Schritt näher kommt, setzen wir Tränengas ein.» Die Zürcher kommen und sagen, sie hätten mit den Baslern eine Schlägerei verabredet und dass sie unter sich bleiben wollen. Brack sagte: «Das Spiel dauert noch zwanzig Minuten, dann ist hier alles voller Zivilisten. Ihr habt drei Minuten hier an Ort und Stelle. Ich habe eine Trillerpfeife dabei. Wenn ich pfeife, ist die Schlägerei vorbei, sonst werdet ihr alle festgenommen und angezeigt.» Drei Minuten später ist die Schlägerei vorbei, die Hooligans ziehen ab und trinken zusammen ein Bier.

Die Hooligan-Romantik wie in dieser Geschichte ist gemäss Brack zur Rarität geworden. Einerseits weicht «Feld, Wald, Wiese», wie die Hooligans ihre gewalttätige Spielform unter Gleichgesinnten nennen, immer mehr dem Krawall auf der Strasse. Andererseits wird der Ehrenkodex unter den gewaltbereiten Fans immer mehr zur Makulatur. Dieser sieht die gleiche Truppenstärke zwischen den Parteien, den Verzicht auf Waffen und weitere Schläge, sobald einer am Boden liegend die Hand hebt, vor. «Es hat sich etwas geändert», sagt Buchautor und WOZ-Journalist Daniel Ryser. «Früher hatte man viel mehr Narrenfreiheit. Ältere Hooligans haben mir erzählt, dass sie 1992 in Deutschland eine riesige Schlacht mit mehreren hundert Teilnehmern veranstaltet haben. In den Zeitungen sei darüber aber kein Wort erschienen.» Heute indes würde jeder «Furz» gleich auf dem Online-Portal einer Zeitung erscheinen, sagt Ryser.

Die Rolle der Medien wird auch auf unserer Redaktion kontrovers diskutiert. Muss ein Medium Krawalle ignorieren, um den Chaoten keine Möglichkeit der Profilierung zu bieten? «Nein», sagt Ryser. «Glauben Sie mir: Keiner will sich am Tag nach dem Spiel mit einer brennenden Fackel in der Hand sehen. Selbst wenn er vermummt ist. Denn zu gross ist die Gefahr, dass er trotzdem erkannt wird.»

Entsprechend schwierig ist der Zugang in den Zirkel der gewaltbereiten Fans. Wir treffen Roman* auf dem Flugplatz Grenchen. Roman ist FCB-Fan. Nicht gewaltbereit, wie er behauptet. Trotzdem will er, dass wir ihn anonymisieren. War er am 13. Mai 2006, als der FCB zu Hause gegen den FCZ den Titel vergeigte, auch auf den Platz gestürmt? Das Bierglas in Romans feingliedriger Hand zittert: «Nein, ich hatte Stadionverbot.» Wie das? «Ich stand zum falschen Zeitpunkt dort, wo Steine flogen.» Eine Nacht habe er auf irgendeinem Polizeiposten in U-Haft verbracht. Eineinhalb Jahre später sei er in einem Gerichtsprozess freigesprochen worden.

Für Urs* ist es das höchste der Gefühle, Teil der Muttenzerkurve zu sein. Und es ist Normalität, wenn zwischen duellierenden Gruppen die Fäuste fliegen. «Wenn man die Basler reizt, dann chlöpfts einfach.» Auslöser für die «Lämpen» seien meist die Polizei oder die privaten Sicherheitsdienste. «Ausrede», entgegnet Brack. «Ich kenne ehemalige Schläger, die heute für Delta arbeiten. Aber das muss nicht schlecht sein. Denn sie kennen die Mechanismen. Ich habe nie einen Delta gesehen, der ausgerastet ist.» Ryser meint: «Es sind die privaten Sicherheitsdienste, die immer mehr polizeiliche Kompetenzen fordern.» Das gebe ihm ein schlechtes Gefühl. Wenn Sicherheit zum Geschäft werde, werde es schnell sehr viele Leute geben, denen viel daran gelegen sei, dass wir nicht sicher seien, damit das Geschäft mit der Sicherheit ein Geschäft bleibe.

Die Gewalt im Fussball hat längst jeden erfasst. Politiker profilieren sich mit Lösungsvorschlägen, Staatsanwälte wie der St.Galler Thomas Hansjakob als Hardliner. Brack sagt: «Die Ostschweizer sind Vorbild in der Gewaltbekämpfung. Die lassen sich vom Mob nicht erpressen.» Er spricht damit das Vermummungsverbot und Hansjakobs effizientes Schnellrichter-Verfahren an. Aber auch für die jüngsten Massnahmen, dem Verbot von Choreografien und Fahnen im Stadion, klatscht Brack Beifall. «Auf gewaltbereite Fans kann man allein schon aus wirtschaftlicher Sicht verzichten. Der FC Zürich zahlt pro Saison mehrere hunderttausend Franken Busse für das Fehlverhalten der Fans.»

Dass ein Schnellrichter Krawallbrüder an Ort und Stelle verurteilt, ist richtig. Doch nach der Delta-Affäre bleibt ein schaler Nachgeschmack, wenn Hansjakob dem WOZ-Reporter sagt: Für einen Strafbefehl in einem Schnellverfahren gegen Fans genüge ihm die Aussage eines Sicherheitsdienst-Mitarbeiters. Oder wenn Peter Landolt, Stadionmanager im Letzigrund, für das heutige Spiel wegen der Delta-Geschichte Ausschreitungen befürchtet. «Wenn die FCB-Fans auf Delta-Leute treffen, sehe ich ein grosses Gefahrenpotenzial.»

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