Wie die Zeit vergeht! Zwölf Jahre ist es her, als die «Mittelland Zeitung» im Vorfeld der Olympischen Spiele in Athen eine Serie publizierte, in welcher die Sportredaktoren jeweils ein Training mit einem Olympioniken absolvierten. Meine Wahl fiel auf Fabian Cancellara, dessen Stern am Radsporthimmel damals erst aufging. Er ist 23 Jahre jung und in seinem zweiten Jahr als Radprofi unterwegs. Ich mit 32 auch noch knapp in der Blüte des Lebens und als Journalist noch etwas grün hinter den Ohren.

Treffpunkt mit Cancellara ist Schönbühl bei Bern, wenige Kilometer von seiner Heimat Ittigen entfernt. Ich fahre gemeinsam mit «Fäbu» Velo. Damals ging das noch ohne Probleme. In späteren Jahren wäre so ein Experiment kaum mehr machbar gewesen.

Damals: So also muss sich Alessandro Petacchi fühlen. Wenn der italienische Starsprinter in der Schlussphase von seinen Teamkollegen in die bestmögliche Ausgangslage für den finalen Spurt manövriert wird, dann blickt er bisweilen auch auf das Hinterteil von Fabian Cancellara, dem Schweizer Radprofi im FassaBortolo-Team.

Nun befinden wir uns zwar nicht im Endspurt, sondern nur auf einer Landstrasse zwischen Schönbühl und dem Dörfchen Mattstetten, dennoch lässt sich erahnen, wie viel Power in den Beinen des vor mir pedalenden Radprofis steckt. Während der 23-Jährige einigermassen gemütlich dahinradelt, verfluche ich in seinem Windschatten die läppischen 38 Trainingskilometer, die ich in dieser Saison absolviert habe.

Vor zwölf Jahren hatte Fabian Cancellara all seinem Talent zum Trotz eine Hauptaufgabe. Er musste für den besten Sprinter jener Tage, den Italiener Alessando Petacchi, als Teil des «Treno» (Zug) den Endspurt lancieren. Es dauerte allerdings nicht lange, ehe sich Cancellara eine andere Rolle im Team sicherte. Dass er ein Radprofi mit besonderen Qualitäten ist, wurde schnell ersichtlich. Aus dem Wasserträger wurde bald ein begnadeter Zeitfahrer. Und später einer der besten Klassiker-Fahrer. Es war die Geburt von «Spartacus», wie ihn seine Fans bald einmal nennen.

Damals: Den ersten moralischen Niederschlag gabs bereits beim Einsetzen des Vorderrads. «Verkehrt», belehrt mich der 23-Jährige. Der Spanner müsse wie am Hinterrad auf der linken Seite sein, nicht wie bei mir rechts. «Aber das Rad dreht sich ja trotzdem», entgegne ich verständnislos. «Ja, das schon. Aber es bewegt sich so eigentlich rückwärts», erklärt der Berner Radprofi. Ich nehms achselzuckend zur Kenntnis und versuche nun als Nächstes, in die Klickpedale zu kommen, ohne mitsamt dem Velo umzukippen. «Fäbu» hat schon 500 Meter Vorsprung, ehe ich überhaupt richtig im Sattel sitze. «Das kann ja heiter werden», denke wohl nicht nur ich.

Heiter wurde es erst eine halbe Stunde später. Unser gemeinsames Ausfährtchen ist ohne Unfall beendet. Bei einem Glas Rivella wird über die grossen Ziele des Fabian Cancellara geplaudert. Erst die Tour de France, dann Olympia.

Der Perfektionismus, den er schon zu Beginn seiner Karriere durchblicken liess, hat ihm später zu vielen ganz grossen Siegen verholfen. Wie am vergangenen Mittwoch in Rio, als er vor dem Zeitfahren nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überliess. Als er 2004 in Athen beim Strassenrennen wegen der schlechten Organisation innerhalb des Schweizer Teams einen Hungerast erlitt, legte er sich mit Rad-Nationaltrainer Jean-Claude Leclercq an, worauf dieser sein Amt zur Verfügung stellte. Vier Jahre später bereitete sich Cancellara in Peking minuziös auf seine Einsätze vor, brachte sogar einen eigenen Koch mit. Das Resultat: Gold im Zeitfahren, Silber im Strassenrennen.

Damals: Während er bei der Frankreich-Rundfahrt nur ans Durchkommen denkt, hat er bei den Olympischen Spielen in Athen anderes im Sinn. In seiner Lieblingsdisziplin, dem Zeitfahren, will der Berner Edelmetall gewinnen. Der olympische Gedanke, «dabei sein ist alles», ist ihm ein Gräuel. Fabian Cancellara will immer gewinnen – das Maximum aus sich herausholen. Er pflegt seine Winnermentalität und lässt grossen Worten in der Regel auch Taten folgen. «Manchmal bin ich vielleicht ein Schnurri», bemerkt er selbstkritisch, doch er geniert sich nicht, dieses Selbstvertrauen an den Tag zu legen. «Viele Rennfahrer haben verlernt, gewinnen zu wollen», ist Cancellara überzeugt. In Italien, beim Mapei-Team, wo er seine zweijährige Lehre im Profizirkus absolviert hat, wurde auf den psychologischen Aspekt viel Wert gelegt.

Fabian Cancellara hat auch im weiteren Verlauf seiner Karriere selten ein Geheimnis gemacht um seine Ziele. Und in den allermeisten Fällen setzte er erfolgreich um, was er sich vorgenommen hatte. Er gewann als grosser Favorit je dreimal die Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix. Viermal holte er sich den Zeitfahr-WM-Titel. Am Druck zerbrach er selten. Nur einmal wurde ihm sein Selbstvertrauen zum Verhängnis. Vor der Heim-WM 2009 rückte er sich mit seinen Aussagen, den Titel vor eigenem Publikum holen zu wollen, derart in den Fokus der Konkurrenz, dass die ihn während des Rennens nie aus den Augen liess und er schliesslich nur 5. wurde.

Damals: Sowieso – Die italienische Mentalität liegt Fabian Cancellara. Deshalb fühlt er sich auch im Fassa-Bortolo-Team wohl, auch wenn er mit dem bisweilen altmodischen Sportlichen Leiter Giancarlo Ferretti nicht immer einer Meinung ist. Und deshalb hat er auch Mühe mit dem Gedanken, für das Schweizer Phonak-Team zu fahren. Klar sei es schön, mit vielen Schweizer Kollegen in einer Mannschaft zu sein. Momentan schätze er es aber, auch mal alleine aus seiner Heimat ins Ausland zu den Rennen zu reisen, wo er dann mit seinem Team zusammentreffe. «Bei mir muss alles leben. Ich habe in den letzten drei Jahren viele Leute kennen gelernt und konnte meine Fremdsprachenkenntnisse verbessern», gewinnt er seiner Situation viele positive Seiten ab.

Bis zum Schluss seiner Karriere hat es Fabian Cancellara immer vorgezogen, für ausländische Teams zu fahren. Sein Fokus war immer international. Es erstaunt deshalb auch nicht, dass er zuerst einen eigenen Fanklub in Flandern hatte, ehe fünf Jahre später auch in der Schweiz einer gegründet wurde. Apropos Fremdsprachen: Seine englischen Tweets mit den bisweilen kuriosen Ausdrücken haben inzwischen Kultcharakter.

Gleichzeitig wurde ihm seine Nähe zu Ferretti und der italienischen Radsportszene sowie später zu Bjarne Riis, einem der schlimmsten Betrüger der 1990er-Jahre, auch immer wieder im Zusammenhang mit Doping-Vorwürfen vorgehalten. Sogar der grösste Schurke der Radsport-Geschichte, Lance Armstrong, sah sich nach Cancellaras Triumph in Rio bemüssigt, via Twitter einen Seitenhieb zu verteilen. «Luigi!» lautete sein Tweet, in welchem er Bezug nimmt auf «Epo-Doktor» Luigi Cecchini, mit welchem der Schweizer eine Zeit lang zusammenarbeitete.

Damals: Nichtsdestotrotz wird er in Athen das rote Renndress mit dem weissen Schweizerkreuz voller Stolz tragen. «Es wird ein spezielles Gefühl sein», freut sich Fabian Cancellara. Und auch das Zusammentreffen mit den anderen Schweizer Athleten ist für ihn wichtig, «einfach mal erleben, wie das so ist». Sein Wunsch-Zimmerpartner im olympischen Dorf wäre Tennisstar Roger Federer. Auch in dieser Beziehung setzt Cancellara die Messlatte hoch an.

Roger Federer wird in der Schweizer Sportgeschichte wohl für immer einen unerreichbaren Status einnehmen. Doch Fabian Cancellara hat sich dank seiner erfolgreichen Karriere ebenfalls einen Platz im Schweizer Sport-Olymp gesichert. Es ist kein Zufall, dass beide gleich alt sind. 2008 feierten Federer und Cancellara gemeinsam in Basel ihre Olympia-Goldmedaillen.

Damals: Inzwischen ist das Rivella getrunken. Der Magen knurrt. Fabian Cancellaras Freundin, die in Bern in einem Coiffeur-Salon arbeitet, hat ihrem Liebsten ein gemüsereiches Mittagessen vorbereitet. Zwischendrin, wenn ihm die Teigwaren fast zu den Ohren rauskommen, freue er sich auch mal über andere Kost, erklärt er, schwingt sich elegant auf sein Rad und braust davon.

Aus der damaligen Freundin ist 2006 seine Ehefrau Stefanie geworden. Er ist Vater zweier Mädchen (Giuliana, 10, und Elina, 5). Die Familie ist auch der Hauptgrund, dass er schon jetzt einen Schlussstrich unter seine Karriere zieht. Die langen Phasen der Abwesenheit machten Fabian Cancellara je länger, je mehr Mühe. Jetzt möchte er ganz für seine Frau, die ihm jahrelang den Rücken freigehalten hat, und für seine Kinder da sein.

Damals: Allem Trainings-Ungemach zum Trotz. Eine gewisse Genugtuung konnte ich nicht verhehlen, als Fabian Cancellara fünf Tage nach unserem gemeinsamen Training den Tour-de-France-Prolog in Lüttich gewann und das Maillot jaune holte. Vermutlich wurde er sich angesichts meiner zweifelhaften Fahrkünste wieder bewusst, wie gut er Velo fahren kann. Hoffentlich krallt sich diese Erinnerung bis zum olympischen Zeitfahren in seinem Gedächtnis fest.

Im Zeitfahren von Athen wird er nur Neunter. Meine «Magie» war also bereits wieder verpufft. Nun durfte ich hier in Rio de Janeiro Zeuge werden, wie der inzwischen 35 Jahre alte «Fäbu» noch einmal triumphierte. Eine Karriere, die vor zwölf Jahren so vielversprechend begann, wird schon bald zu Ende gehen. Wirklich verrückt, wie schnell die Zeit vergeht!

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