Es ist der Rausch, der süchtig macht. Alles oder nichts. «In ein paar Wochen spricht niemand mehr über Top-Ten-Plätze. Nur die Siege bleiben in Erinnerung», sagt Christof Innerhofer. Darum geht er in dieser Saison grössere Risiken ein. «Lieber stehe ich einmal auf dem Podest und klassiere mich in den anderen Rennen weit hinten.» Gestern ist es wieder aufgegangen, wie schon im November in der Abfahrt von Beaver Creek. Keiner war schneller als der Mann aus dem Südtirol.

Der 28-Jährige erlebt keine einfache Zeit. Seit 14 Monaten schluckt er vor jedem Training und vor jedem Rennen Schmerzmittel. Ohne geht es nicht. Es sind anhaltende Rückenschmerzen, die den dreifachen Medaillengewinner der WM 2011 in Garmisch plagen. Noch im Sommer war unklar, ob er überhaupt weiter Ski fahren kann. Er hat Gewicht verloren, fast 10 Kilogramm. Für einen Spitzensportler ist das viel. Der Grund: «Ich konnte mich kaum bewegen, nur Nordic Walking war möglich.» Erst ein Physiotherapeut aus Deutschland fand einen Weg. Zwar hat Innerhofer noch immer starke Schmerzen, muss Zusatzpräparate schlucken, um dem Magen die Schmerzmittel erträglicher zu machen, aber er kann wieder Ski fahren – und sogar gewinnen.

Innerhofer hat seine eigene Methode gefunden: «Ich trainiere jetzt weniger, dafür lebe ich mehr.» Früher, da war er immer in den Trainings schnell, doch im Rennen konnte er es nicht umsetzen. «Ich war Trainingsweltmeister, das hatte ich satt.» Nun diktieren Schmerzen das Trainingsprogramm. Seine neue Devise: alles oder nichts – wie im Rausch. Aber es sind nicht die Tabletten, die süchtig machen, es ist der Erfolg, der Innerhofer schweben lässt. Weniger trainieren – dafür im Rennen das Letzte aus sich herausholen. «Ich wollte die Schlüsselpassagen nicht nur defensiv überstehen, sondern dort die Differenz machen», sagt er. Es hat funktioniert. Klaus Kröll blieb drei Zehntel zurück: «Christof hat die perfekte Linie getroffen, da konnte ich gar nichts machen.» Der Österreicher komplettierte mit Landsmann Hannes Reichelt das Podest.

Der schnellste war gestern aber ein anderer. Der Franzose Johan Clarey hat im Haneggschuss einen Weltrekord aufgestellt. Mit 161,9 km/h wurde er gestoppt. Damit hat er Carlo Jankas Bestmarke (158,8 km/h) nochmals gesteigert. Die Tempojagd geht weiter. Doch Innerhofer sieht darin kein Problem. «Wir fahren Abfahrt und nicht Riesenslalom», sagt er. Überhaupt sei der Haneggschuss keine problematische Passage. «Wengen ist sehr selektiv, man muss die richtige Mischung finden zwischen Aggressivität und Gefühl», so Innerhofer. Das ist ihm gelungen.

Die Mischung nicht gefunden hat Aksel Lund Svindal. Der Norweger legte einen Blitzstart hin und verlor direkt nach dem Hundschopf kurz die Kontrolle und den rechten Ski. Das Resultat: Abflug in die Fangnetze. Unverletzt kletterte er zurück auf die Piste und gab sofort Entwarnung. Damit wartet der 30-Jährige weiter auf einen Podestplatz in Wengen. Kurioses Detail: Schon in der Superkombination verloren zwei Head-Piloten einen Ski. Das sieht man im Ski-Weltcup selten. Da müssen die Ski-Techniker der Marke Head wohl noch genaue Analysen durchführen.

Solche Probleme kennt Innerhofer nicht. Sein Material funktioniert gut. So gut sogar, dass der Schweizer Abfahrtstrainer in französischen Diensten, Patrice Morisod, den Verdacht hegte, dass die Italiener mit einem Wunderanzug unterwegs sind. «Das hoffe ich doch», scherzt Innerhofer. Betont aber: «Wir fahren mit dem gleichen Anzug wie im letzten Jahr, da geht alles mit rechten Dingen zu und her.» Und dann geht er. Schmerzfrei in den siebten Himmel. Zumindest für eine Nacht.

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