Dieses Bild, es ist Stephan Lichtsteiner fast ein bisschen unangenehm. Es ist ein Frühsommerabend Anfang Juni in Lugano, die EM in Frankreich ist noch nicht ganz so nah. Das Schweizer Nationalteam lädt zur Schifffahrt. Lichtsteiner wird in die Kommandobrücke gebeten, die Fotografen knipsen eifrig, als er seine Hände ans Steuer legt, er der neue Captain dieses Teams.

Bald sagt Lichtsteiner: «Es ist egal, wer Captain ist. Wir sind zehn oder elf Captains im Team.» Er ist froh, als er wieder normaler Passagier sein darf.

Es gibt nur eine Szenerie, die den wahren Lichtsteiner zeigt. Jene auf dem Rasen. Und da erkennt der Betrachter in jeder Faser seines Gesichts Willen und Ehrgeiz. Und vielleicht auch ein wenig, warum Lichtsteiner eine Figur ist, die polarisiert.

Als kleiner Bub wollte Lichtsteiner einmal Polizist werden. Später, als er bei GC an der Pforte zum Profifussball stand, absolvierte er eine Banklehre. Er wollte nicht mit leeren Händen dastehen, falls es aus unerfindlichen Gründen doch nicht klappen sollte mit dem Fussball.

Jetzt ist der 32-Jährige der erfolgreichste Schweizer Fussballer. Das geht manchmal ein bisschen vergessen vor lauter Hype um die Shaqiris oder Xhakas oder wie sie alle heissen. Mitte Mai ist Lichtsteiner zum fünften Mal italienischer Meister geworden mit Juventus Turin. Als Stammspieler.

Schicksalsschläge
Dass es Lichtsteiner so weit brachte, verdankt er vor allem seinem eisernen Willen. Er hat einen Karriereweg hingelegt, den man als perfekt bezeichnen darf. GC, Lille, Lazio Rom, Juventus Turin. Er hat Hürden bezwingen müssen, an denen andere gescheitert wären. «Jeder unterschätzt die Schweizer. Es reicht nicht, nur ein kleines bisschen besser zu sein als der Franzose oder der Italiener. Man muss fast doppelt so gut sein, um den Platz zu erhalten», hat er der «Schweiz am Sonntag» einmal erzählt.

Vielleicht hat er sich auch durchgebissen, weil er früh mit Schicksalsschlägen konfrontiert war. Zwei seiner Cousinen haben früh ihre Mutter verloren. Lichtsteiner hat viel Zeit mit ihnen verbracht. Als er 13 Jahre alt war, erlitt seine Mutter einen Hirnschlag. Sie hat sich mit viel Geduld und Willen ins Leben zurückgekämpft.

Manchmal, das spürt man deutlich, leidet Lichtsteiner noch heute darunter, ein bisschen geringgeschätzt zu werden. In Italien haben sie ihn anfangs «Liggde-stainer» genannt. Und wenn er an einer Medienkonferenz vor dem ersten EM-Auftritt mit der Schweiz als «Lichtensteiner» angekündigt wird, wie das eben passiert ist, kann er ziemlich böse schauen.

Lichtsteiner wirkt häufig, als wäre er im Namen des Schweizer Fussballs unterwegs. Er leistet einen Beitrag dazu, das Ansehen des Schweizer Fussballs im Ausland zu erhöhen. Nichts wäre ihm lieber, als wenn einige der Jungen einen ähnlichen Weg einschlagen würden wie er selbst. Darum hat er sich sehr über Granit Xhakas Transfer zu Arsenal gefreut. Und nichts hasst er mehr, als wenn jemand eine Niederlage fast schon gleichgültig zur Kenntnis nimmt. Auch darum sehnt sich wohl keiner so sehr wie Lichtsteiner danach, endlich einen Viertelfinal zu erreichen.

Die Captain-Binde als Bürde?
Trotzdem fällt es manchem Zuschauer schwer, sich mit Stephan Lichtsteiner zu identifizieren. Sein Hang zum Reklamieren und Korrigieren mancher Teamkollegen hilft ihm nicht nur in seinem Ansehen. Gerade, wenn er Spiele hinter sich hat, wie die letzten beiden an dieser EM. Spiele, in denen man sich Gedanken macht, warum er bei Juventus so viel Wirkung entfaltet? Gedanken, ob die Captain-Binde nicht doch zu viel Bürde ist? Weil Lichtsteiner nicht mehr jener aufbrausende Lichtsteiner sein darf, der er vielleicht sein muss, um sein Spiel zu entfalten.

Und natürlich ist da diese Diskussion um Identifikation und Integration, die rund um das Schweizer Team latent geworden ist. Auch Lichtsteiner beteiligt sich daran. Er scheut sich nicht, darüber zu reden, obwohl er für gewisse Äusserungen viel Kritik einstecken musste. Dabei geht es Lichtsteiner vor allem um dies: Es beschäftigt ihn, wenn 2009 in einem Heimspiel gegen Israel 38 500 Zuschauer kommen – dann aber im vergangenen Sommer im Basler St. Jakob-Park bei der entscheidenden Partie gegen Slowenien nur 25 750 Fans vor Ort sind.

Lichtsteiner ist auch einer, der sich Gedanken um die Schweiz macht. Als es um das Verhältnis mit Europa geht, sagt er: «Unser Land ist mit seinem Weg gut gefahren. Wir haben viele gut ausgebildete Leute, die Arbeitslosigkeit ist tief – warum sollten wir etwas ändern?» Wer will, könnte Lichtsteiners Worte ähnlich auslegen wie damals seinen Denkanstoss um «echte» Schweizer im Team und solche mit einem «anderen» ethnischen Hintergrund. Man sollte darauf verzichten. Wer es trotzdem tut, dem entgegnet Lichtsteiner unaufgeregt: «Zuwanderung und Einbürgerungen sind nie ein Problem, solange sich die Leute den Werten und der Kultur des Landes anpassen, in dem sie leben.»

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