VON SIMON STEINER UND URS ZURLINDEN

Viktor Röthlin, sind Sie ein gläubiger Mensch?
Also – ich bin im katholischen Kanton Obwalden aufgewachsen und meine Eltern haben mir eine katholische Erziehung angetan. Ich glaube an Gott, aber Gott hat für mich nichts mit dem Papst oder mit dem Pfarrer in der Kirche zu tun.

Was ist stärker: Ihr Glaube an Gott oder an sich selbst?
Gott hat definitiv anderes zu tun als dafür zu sorgen, dass ich schnell Marathon laufe...

Im März 2009 sind Sie beinahe gestorben. Wie erlebten Sie diese Grenzerfahrung?
Verletzungen am Bewegungsapparat sind für mich als Spitzensportler und Physiotherapeut fassbar und heilbar. Diese Lungenembolie aber war für mich etwas völlig Neues. Das hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich geriet in einen luftleeren Raum und wusste wirklich nicht mehr, ob es gut kommt.

Was hat letztlich Ihr Leben gerettet?
Mein starkes Herz und meine gute Kondition. Wäre ich nicht so fit gewesen, hätte ich die zweite Lungenembolie nicht überlebt.

Haben Sie gebetet?
Gebetet im eigentlichen Sinne nicht. Aber ich habe mit meinem Gott geredet, was er da mit mir vorhabe. Dann habe ich sofort angefangen, um mein Leben zu kämpfen.

Was hat sich für Sie geändert?
Nichts. Mein Leben vor der Embolie war ein gutes Leben. Also wollte ich unbedingt dieses Leben wieder zurück: Ich wollte wieder laufen, ich wollte wieder erfolgreich laufen! Ich war vom Top-Profisportler plötzlich unter das Niveau eines Amateurs gerutscht. Meine erste sportliche Aktivität nach den Embolien war eine Velotour mit meinem Physiotherapeuten. Dabei wurden wir von einer Frau mit einem Einkaufskorb ein- und überholt. Ich hatte einen Puls von 180 – und konnte dieser Frau nicht folgen. Das war doch sehr ernüchternd!

Sie haben genetisch bedingt ein erhöhtes Thromboserisiko. Fordern Sie das Schicksal heraus?
Im Gegenteil. Weil ich jetzt weiss, dass ich anfälliger bin für Thrombosen, muss ich für einen fitten Körper sorgen und möglichst wenig Zeit meines Lebens in sitzenden Positionen verbringen. «Born to run», kann man sagen: Ich sollte immer in Bewegung sein!

Sie müssen sich auch prophylaktisch Blutverdünner spritzen. Wie gross ist das Risiko eines Rückfalles?
Die Spezialisten haben das Risiko berechnet: In zehn Jahren wird es fast nicht mehr vorhanden sein. Völlige Gewissheit hat man leider nie.

Jeder Marathon belastet den Körper bis über den Grenzbereich hinaus. Muss das sein?
Das frage ich mich auch immer wieder... Vor allem, wenn ich als Fan von GC sehe, wie Fussballspieler trainieren, wie viel sie verdienen und wie wenig sie eigentlich leisten. Aber eben: Ich konnte nur laufen – und nicht Fussball spielen. Darum bin ich halt Läufer geworden. Rückblickend könnte ich meinen Eltern vorwerfen, dass sie mir kein Tennisracket in die Wiege gelegt haben...

Nach dem Hitze-Marathon 2007 in Osaka sagten Sie selber: «Ich war fast tot und sah aus wie eine Leiche.» Sind Marathonläufer Masochisten?
Es braucht eine gewisse masochistische Veranlagung. Marathon tut irgendwann weh. Das ist genetisch bedingt: Wir sind für maximal etwa 30 Kilometer gebaut. Das war schon so beim Homo sapiens, der täglich 30 Kilometer laufen musste, um die Nahrung für sich und seine Mitmenschen sicherzustellen. Die restlichen 12 Kilometer liegen nicht mehr drin – und die tun weh.

Zu Ihren Vorbildern gehört der ehemalige Schwergewichts-Boxweltmeister George Foreman. Weil er viel einstecken konnte?
Wie Foreman einstecken konnte, war für mich tatsächlich eindrücklich. Aber fasziniert hat mich vor allem sein Wille, wie er im hohen Alter noch einmal Boxweltmeister wurde. Ich bin in einer von Afrikanern dominierten Sportwelt zu Hause; und ich habe es immer wieder mit meinem Willen geschafft, als Schweizer etwas gut zu können, was nicht von einem Schweizer erwartet wird.

Nach jedem Marathon sind Mikrofrakturen in den Knochen nachweisbar – Vorzeichen von Ermüdungsbrüchen.
Das ist richtig. Deshalb empfehle ich, in den ersten sechs Wochen nach einem Marathon Spitzenbelastungen zu vermeiden. Nach diesen sechs Wochen sind die Mikrofrakturen wieder verheilt. Ich selber mache nach jedem Marathon eine dreiwöchige absolute Laufpause.

Den olympischen Marathon von 2004 mussten Sie wegen eines solchen Ermüdungsbruchs aufgeben. Dennoch rennen Sie weiter?
Das war damals kein Ermüdungsbruch, sondern nur eine Vorstufe dazu. Im Nachhinein war es aber ein Fehler zu starten.

Ihr Körper hat Sie schon mehrmals im Stich gelassen. Wie können Sie ihm noch vertrauen?
Verglichen mit anderen Spitzensportlern hatte ich in meiner bisherigen Karriere wenig gesundheitliche Probleme. Das kommt auch davon, dass ich als Physiotherapeut einen anderen Bezug zu meinem Körper entwickelt habe. Man kann aber nicht an der Weltspitze mitlaufen, wenn man immer am unteren Limit trainiert. Man muss Grenzen überschreiten und Grenzen verschieben. Da bewegt man sich auf einem schmalen Grat, von dem man auch mal runterfallen kann.

Was bringen Ihnen alle die Strapazen an Lebensqualität?
Grundsätzlich trainiere ich fürs Leben gern. Von meinen bis zu 220 Trainingskilometern pro Woche sind nur etwa 25 Prozent intensiv. Während der restlichen drei Viertel kann ich es geniessen, kann philosophieren, kann mit meinen Trainingspartnern diskutieren oder einfach nur dahinfliegen. Das ist auch das, was ein bisschen süchtig macht: Zeit für mich zu haben in der Natur.

Hat Laufen mit Sinnsuche zu tun?
Das ganze Leben hat mit Sinnsuche zu tun, und mein Leben besteht halt zu einem grossen Teil aus Laufen. Der Mensch, der nicht auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist, hat doch nicht begriffen, warum man auf dieser Welt ist!

Man spricht von der Einsamkeit des Langstreckenläufers.
Als Langstreckenläufer musst du gern allein sein, denn du verbringst viel Zeit allein. Wer damit ein Problem hat, wählt nicht diese Sportart.

Was geht Ihnen alles durch den Kopf während der 42,195 Kilometer?
Wie komme ich am schnellsten vom Start zum Ziel. Das ist alles. Und wenn es wie in Barcelona um Medaillen geht: Wie kann ich das tun, ohne dass mir jemand folgen kann. Würde ich während eines Marathons überlegen, was ich meiner Frau zum Hochzeitstag schenken soll, wäre das fehl am Platz.

Ihre Autonummer ist «OW 42195». Sind Sie ein Marathon-Fan?
Eigentlich bin ich gar nicht so ein Leichtathletik-Fan. Ich mache diese Sportart und liebe sie, aber bin nicht der, der sich am Fernsehen jedes Marathonrennen oder jedes Diamond-League-Meeting anschaut. Die Autonummer war ein Geschenk des Kantons Obwalden.

Kann Rennen süchtig machen?
Ja. Und mein übergeordnetes Ziel ist es, möglichst viele Menschen mit dem Laufvirus anzustecken. Es erschreckt mich, dass heute so viele Menschen übergewichtig sind und die Kinder im Schulturnen keinen Purzelbaum mehr schlagen können. Darum möchte ich auch «Viktor bewegt die Schweiz» sein und nicht nur «Viktor, der Supersportler».

Sie sitzen zwei Personen gegenüber, die ihr Knie beim Joggen lädiert haben. Was haben wir falsch gemacht?
Vielleicht war Ihre Ausrüstung nicht optimal. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Menschen in normalen Sneakers laufen gehen. Dann ist die Frage, ob das Ziel und die Realität übereingestimmt haben. Wenn man einen Marathon laufen will, dann sollte man das schrittweise planen – und nicht von 0 auf 42 Kilometer in einem halben Jahr. Noch wichtiger sind aber erbliche Faktoren: Ich habe als Physiotherapeut über hundert Patienten mit künstlichen Kniegelenken nachbehandelt. Darunter war ein einziger, der zu viel Sport gemacht hat.

Woran erkennen Hobby-Läufer, dass ihr Körper beschädigt wird?
Am Schmerz. Er zeigt uns unsere Grenzen an und sollte ernst genommen werden. Ich würde deshalb nie Schmerztabletten nehmen, um einen Wettkampf laufen zu können.

Wie haben Sie sich nach den beiden Lungenembolien wieder aufgerappelt?
Ich hatte ein gutes Leben davor und wollte dieses Leben wiederhaben. Geholfen hat mir dabei die Gewissheit, dass mein Umfeld mich für den gleich guten oder schlechten Menschen hält, ob ich nun jemals wieder einen Marathon laufe oder nicht. Es macht mir manchmal Angst, wenn ich andere Spitzensportler höre, die sich nur über den Sport identifizieren.

Ihre Frau ist Kinderärztin. Was sagt Sie zu Ihrem selbstzerstörerischen Beruf?
Als über 16-Jähriger falle ich nicht in ihr Fachgebiet... Natürlich ist sie mir gegenüber ab und zu kritisch, aber sie ist meine Frau, nicht meine medizinische Betreuerin.

Sind Sie übermässig ehrgeizig?
Als Spitzensportler muss man ehrgeizig sein, um seine Ziele zu erreichen. Überehrgeizig bin ich nicht. Ich kann mich auch gut mal etwas durchschlängeln. Bei meiner Ausbildung zum Physiotherapeuten beispielsweise ging es mir nicht darum, der Beste zu sein, sondern die Diplomprüfungen zu bestehen. So war es möglich, im gleichen Jahr die Ausbildung abzuschliessen und in Sydney bei den Olympischen Spielen dabei zu sein.

Von der Lungen-Intensivstation zum Europameister. Woher nehmen Sie Ihre mentale Stärke?
Sie wurde mir in die Wiege gelegt und dann von meinem langjährigen Jugendtrainer gefördert: Der Wettkampf war immer die Belohnung. Dafür trainiere ich und deswegen bin ich jeweils mental bereit, wenn es darauf ankommt.

Machen Sie mentale Trainings?
Nicht im üblichen Sinne mit Mental-Coach und Anleitungen. Ich fokussiere und visualisiere viel, aber immer praxisbezogen. Und ich rede lieber mit meinem langjährigen Masseur als mit irgendeinem Mentaltrainer, der seine Theorien gelernt hat, aber mich nicht kennt.

Nach der missglückten Standortbestimmung am GP von Bern haben Sie trotzdem auf die EM in Barcelona hintrainiert. Wie haben Sie die Zweifel ausgeblendet?
Tatsächlich war ich enttäuscht und hatte etliche Fragen, auf die ich aber Antworten gefunden habe.

Ihr Motto lautet: «If you can dream it – you can do it.» Das tönt selbstbewusst.
Ja. Allerdings geht es bei diesem Spruch weniger darum, ob ich irgendein Traumdeuter oder selber ein Träumer sei. Sondern: Wenn ich etwas wirklich will, dann muss es sogar in meinem Träumen Platz finden – es muss völlig in mir drin sein. Wenn ich das Ziel so verinnerlicht habe, dann kann ich es auch erreichen.

Sie haben mehrmals die richtige Platzierung vorausgeträumt...
... ja, das habe ich.

Auch jetzt den Sieg in Barcelona?
Ich habe entschieden, nicht mehr über meine Träume zu reden. Denn einerseits wurde ich medial als Träumer bezeichnet, und vor allem haben mir komische Leute aus der esoterischen Ecke Briefe und Bücher geschickt, die mich abgeschreckt haben.

Ist ein starker Durchhaltewille eine typische Innerschweizer Charaktereigenschaft?
Wir haben ja schon 1291 Gutes getan – das habe ich nun einige Jahre später wiederholt... Wir Innerschweizer haben sicher starke Köpfe.

Denken Sie während eines Marathons auch ans Geldverdienen?
Nein. Denn wäre ich nicht gut unterwegs, könnte ich meine Rechnungen nicht mehr bezahlen. Komisch ist nämlich: Man bekommt auch als Marathonläufer Rechnungen ins Haus geschickt.

Ihr Jahreseinkommen wird zurzeit auf eine mittlere, sechsstellige Summe geschätzt. Einverstanden?
Das wäre schön! Wer immer das schreibt, der darf von mir einen Einzahlungsschein verlangen.

Sie sind mit Abstand der am besten verdienende Schweizer Leichtathlet. Wie wichtig ist Ihnen das Startgeld?
Abgesehen davon, dass Laufen meine Lieblingsbeschäftigung ist, ist für mich überlebenswichtig, dass ich damit Geld verdiene. Ich bin zwar jetzt verheiratet, möchte aber weiter für meinen eigenen Lebensunterhalt selber aufkommen.

Was halten Sie vom Einkommen anderer Spitzensportler wie Roger Federer oder Tiger Woods?
Ich freue mich für sie! Sie haben wie ich als Kind etwas gerne gemacht, haben diese Leidenschaft zur Perfektion getrieben und verdienen jetzt sehr viel Geld damit. Sie hatten halt das Glück, dass sie sich im richtigen Umfeld von der richtigen Sportart anstecken liessen. Aber keiner dieser Sportler hat zuerst ans Geld gedacht.

Wie lange wollen Sie noch laufen?
Bis ich eines Morgens aufwache und mich zwingen muss zu trainieren.

Was kommt danach?
Ein anderer Lebensabschnitt, der hoffentlich ebenso spannend sein wird und der mich auch bei meinem weiteren Ziel glücklich macht: Menschen bewegen.

Wie sieht Ihre Familienplanung aus?
Wir wünschen uns Kinder. Aber das ist nicht so planbar wie ein EM-Erfolg.

Wie wollen Sie Ihren Kindern erklären, dass Sie dauernd weglaufen?
Ich laufe ihnen ja nicht weg, sondern ich laufe ihnen dauernd entgegen: Wenn ich irgendwo hingehe, möchte ich möglichst schnell wieder bei meinen Kindern sein!

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!