VON MARKUS BRÜTSCH

Es wird eng in der Bar. Das Westschweizer Fernsehen ist an die Avenue d’Ouchy gekommen und hat im «Chez Richard» die Kameras installiert. Jetzt lässt es den Beizer erzählen, wie es früher war, im Schweizer Cup. Richard Dürr, in der Ostschweiz als Sohn des Präsidenten vom SC Brühl aufgewachsen, hat es später mit einem Meistertitel und zwei Cupsiegen zu einem der grössten Fussballer von Lausanne-Sports gebracht. Jetzt muss er wieder einmal erklären, wie es 1967 im Final gegen Basel zum berühmten Sitzstreik gekommen ist. Die Stammgäste schauen amüsiert zu, wie der Pa-tron auf dem Barhocker sitzend in seinen Erinnerungen kramt.

Einer seiner Besucher betrachtet derweil interessiert die Pokale und Bilder, die in einer Ecke beim Stammtisch von glorreichen Lausanner Zeiten berichten. Nicolas Marazzi ist zum ersten Mal hier. Im Gegensatz zu den vielen Weissweintrinkern hat er ein Rivella bestellt, ohne deswegen gleich verständnislos angeschaut zu werden. Die Leute wissen, dass es sich nicht gehört, vor einem Cupfinal Alkohol zu trinken. Marazzi ist Spieler von Lausanne-Sport und muss beim grössten Spiel seiner Karriere topfit sein. Der 29-Jährige ist waschechter Lausanner und, wie es der 71-jährige Dürr einst gewesen ist, ein Mittelfeldstratege mit feiner Klinge. «Ich kenne Richards Reputation in der Stadt», sagt Marazzi, «persönlich habe ich ihn aber noch nicht kennen gelernt.»

Dürr selbst hat Marazzi – dessen Cousin David spielt beim FC Aarau – schon oft spielen sehen. Manchmal sind es mit Hosp, Hertig, Hunziker, Kerkhoffs, Armbruster und Dürr nicht weniger als sechs frühere «Könige der Nacht» (die Helden der Sechzigerjahre wurden so genannt, weil sie abends unter Flutlicht am besten spielten), die hinauf ins Stade Olympique de la Pontaise fahren, um sich unter das spärliche Publikum zu mischen. Lediglich 1396 Zuschauer haben hier in dieser Saison im Schnitt die Challenge-League-Spiele sehen wollen. «Gegen Servette hatten wir einst 34000 Zuschauer», sagt Dürr. Er zeigt an ein Bild an der Wand. «In einem vollen Stadion ist die Motivation viel höher, deshalb sind wir im Cup bei den Siegen gegen YB und St.Gallen auch über uns hinausgewachsen», sagt der frühere U21-Internationale. In der Meisterschaft belegt Lausanne zwei Runden vor Schluss den enttäuschenden 11.Platz.22 Punkte hinter Leader Lugano.

Bisher noch nie – auch nicht in seiner Zeit beim Cupspezialisten FC Sion – ist Nicolas Marazzi über einen Achtelfinal hinausgekommen. Heute Sonntag will er die Bühne nützen, um Werbung in eigener Sache zu machen. Sein Vertrag läuft aus und wie die anderen Leistungsträger Bertrand Ndzomo, Rodrigo Tosi und Gaspar fühlt sich auch Marazzi bereit für die Super League.

Ja, die Super League. 1999 als frischgebackener Cupsieger nach einem Herzschlagfinal gegen Servette noch Tabellendritter und ein Jahr später gar Vizemeister, ist Lausanne-Sports 2002 aus finanziellen Gründen zusammen mit Lugano und Sion in die Nationalliga B relegiert worden. Nur ein Jahr später war der siebenmalige Schweizer Meister und neunfache Cupsieger dann so sehr heruntergewirtschaftet, dass er Konkurs anmelden musste. «Präsident Waldemar Kita hat Lausanne kaputtgemacht», sagt Dürr bitter.

Unter dem marginal modifizierten Namen Lausanne-Sport – am Ende ohne «s» – startete der Nachfolgeverein im Sommer 2003 in der zweiten Liga interregional in die Saison. «Sieben Jahre nach der grossen Krise in einem Cupfinal zu stehen, kommt unerwartet, ist aber umso schöner», sagt Jean-François Collet. Der Unternehmer ist seit 2007 Präsident und hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2014, wenn unten am See das neue Stadion bezogen wird, eine Super-League-taugliche Mannschaft auf die Beine zu stellen. Mit der Verpflichtung von Fabio Celestini von Getafe ist Collet ein erster Coup gelungen. Nach zehn Jahren im Ausland kehrt der Lausanner im Sommer auf die Pontaise zurück. Er kann sein Know-how zuerst als Spieler – Lausanne ist als Cupfinalist bereits für die Europa League qualifiziert –, später als Sportdirektor, einbringen. Die sensationelle Teilnahme am 85.Cupfinal kommt gelegen. «Er gibt uns viel Sauerstoff», sagt Collet. 1,2 Millionen Franken spült diese Cupsaison in die Kasse. Ein wahrhaft stolzer Betrag angesichts eines Budgets von 3,2 Millionen Franken für die erste Mannschaft.

Noch im Dezember hat Collet aber – wegen des Cups! – ein eisiger Wind ins Gesicht geweht. Für 150000 Franken hatte er den Young Boys im Viertelfinal das Heimrecht verkauft. Die Fans gingen auf die Barrikaden, boykottierten schweren Herzens das Spiel und sahen den 4:1-Triumph beim Leader der Super League nicht vor Ort. Dass der Verzicht den eingefleischtesten Anhängern schier das Herz gebrochen hat, wird am Beispiel von Yves Martin deutlich. Wie wichtig dem Präsidenten des Fanklubs Blue White Fanatic Kop die Präsenz im Stadion ist, hat er 2008 bewiesen. Weil ein Spiel von Lausanne kurzfristig anders terminiert worden war, hat er zwar die zweiwöchigen Ferien auf La Réunion angetreten, seine Frau aber zwischendrin drei Tage allein gelassen, weil er schnell zum Spiel gegen Servette in die Schweiz gereist ist. Kostenpunkt: 2300 Franken.

Yves Martin ist sich bewusst, dass er ein bisschen «verrückt» ist. Mit seinen Copains des 120 Mitglieder zählenden Fanklubs will er heute im St.-Jakob-Park dafür sorgen, dass der Sektor mit den Lausanner Fans ganz in Blau und Weiss gehalten ist. Doch nur 5200 der 17000 zugeteilten Tickets sind in Lausanne verkauft worden. Martin sagt: «Heute ist Lausanne keine Fussballstadt mehr. Die Jungen gehen lieber zum Eishockey.» Die Lokalzeitung «24 heures» hat ihre Leser verzweifelt mit dicken Buchstaben aufgefordert: «Waadtländer, füllt das Stadion!» Collet sagt: «8000 werden uns in Basel unterstützen.»

Zur Präsentation des neu kreierten Cupfinal-Trikots hat sich Collet etwas Besonderes einfallen lassen. Er hat die Medien zur vielleicht ersten Pressekonferenz überhaupt in einer Umkleidekabine eingeladen. Jeder der Lausanner Spieler wird einzeln in die Garderobe gerufen, wo er aus den Händen eines Altstars – von Hertig über Parietti bis zu Hottiger – sein Leibchen erhält. Auch der bedauernswerte, weil gesperrte Guillaume Katz bekommt dieses Erinnerungsstück. Der Verteidiger, der beim 2:1-Sieg in St.Gallen Torschütze gewesen ist und bei Lausanne-Sport den Fanshop führt, tröstet sich mit einer reizvollen Aufgabe: Er dreht, wie 1998 die Franzosen bei der WM, einen Dokumentarfilm rund um den Cupfinal: «Les yeux dans les bleus... et blancs».

Die Kamera von Regisseur Katz wird dabei ausgiebig auf den Trainer gerichtet sein. Auf dem Übungsplatz ist Arpad Soos ein lautstarkes Energiebündel, abseits davon ein sachlicher Analytiker. Am 18.März hat er John Dragani abgelöst, weil dieser mit seiner Mannschaft seit der Winterpause nicht mehr gewonnen hatte. «Ich musste es tun, wenn wir im Halbfinal eine Chance haben wollten», sagt Collet. Soos, der vor ein paar Jahren Nyon in die Challenge League geführt hatte und seit dieser Saison im Nebenamt die U18-Equipe von Lausanne trainierte, kam, sah und siegte in der St.Galler AFG-Arena. «Er hat dem Team das Selbstvertrauen zurückgegeben», sagt Collet. Dragani, immerhin bei vier Cuprunden im Amt, ist vom Präsidium mit einer VIP-Karte zum Final eingeladen worden. Er hat akzeptiert.

Ob Arpad Soos, 48 Jahre alt, ungarisch-schweizerischer Doppelbürger, dreifacher Familienvater und Chef einer im Bereich Beratung und Outsorcing tätigen Firma mit 80 Angestellten, auch in der neuen Saison die erste Mannschaft betreuen wird, ist noch offen. «Gegenwärtig macht er einen 200-Prozent-Job», sagt Collet. Der passionierte Schachspieler Soos sagt: «Meine Aufgabe ist es, die Chance auf den Sieg zu maximieren.» Und: «Nicht immer gewinnt jene Mannschaft, die zu 70 Prozent im Ballbesitz ist. Vor allem aber dürfen wir keine Furcht vor den grossen Namen haben.»

Damit spricht er Richard Dürr aus dem Herzen. Wegen gesundheitlicher Probleme hat dieser sein bereits gekauftes Finalbillett zurückgeben müssen. Mit Freunden schaut er sich das Spiel in der Bar an. Am Ende von Nicolas Marazzis Besuch hat er diesem auf den Weg mitgegeben: «Mit der nötigen Grinta ist ein Exploit möglich.» Marazzi hat ihm versprochen: «Wir fahren nicht nach Basel, nur um dabei zu sein. Wir werden gewinnen.» Er und seine Mannschaft würden Dürr glücklich machen. «1961 bin ich von YB nach Lausanne gekommen. Nach zehn Tagen schon ist mein Herz blau und weiss gewesen.»

Yvette Jaggi ist heute weder in Lausanne noch in Basel, sondern in Paris – im Theater. Die Kulturfrau und jahrelange Präsidentin der Pro Helvetia hat nicht damit gerechnet, dass an diesem 9.Mai der FC Lausanne-Sport im Cupfinal steht. «Fussball ist mein Lieblingssport, ich bin von klein auf Fan von Lausanne-Sports», sagt die 69-Jährige. Während acht Jahren, von 1990 bis 1997, ist sie Stadtpräsidentin von Lausanne gewesen, eine Feier mit ihrem Verein ist ihr vergönnt geblieben. «Ein Jahr nach meinem Rücktritt ist Lausanne Cupsieger geworden, und eine Saison später sogar gleich noch einmal; mein Nachfolger Jean-Jacques Schilt hat Glück gehabt», sagt Jaggi. «Aber bei der Feier bin ich auch dabei gewesen.» Jaggi ist Lausannerin durch und durch. «Ich liebe die Freiheit, die wir hier haben. Es lässt sich herrlich entspannen», sagt Jaggi. Ihr gefällt es, dass sich Ideen und grosse Projekte verwirklichen lassen. «Lausanne ist mitten in einer Metamorphose»,sagt Jaggi, «diese wird aber sicher noch zwei Jahrzehnte andauern.»

Die Ökonomin und Geisteswissenschaftlerin, jahrelang für die SP im Nationalrat und im Ständerat und heute Präsidentin der «Mikrokredit Solidarität Schweiz», ist stolz darauf, dass Lausanne die Olympische Hauptstadt geworden ist. Unzählige Weltverbände haben neben dem IOK ihren Sitz in Lausanne. «Wir Einheimische profitieren davon sehr», sagt Jaggi. Dass Lausanne, mit 123000 Einwohnern, keine Fussballstadt mehr ist, begründet Yvette Jaggi mit den wirtschaftlichen Problemen der Region. Immerhin: Wenigstens für einen Tag steht Lausanne heute im Mittelpunkt. «Ich werde in Paris mitfiebern», sagt Jaggi.

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