Von Markus Brütsch

Herr Koller, welche der beiden Nationalhymnen werden Sie singen, wenn Sie am 17. November in Wien als Nationaltrainer von Österreich die Auswahl Ihres Heimatlandes Schweiz empfangen?
Marcel Koller: Das habe ich mich auch schon gefragt. Aber ich denke, ich werde gar nicht singen …

… aber Sie wollen natürlich gewinnen. In der Weltrangliste hat Österreich die Schweiz überholt. Ist Ihre Mannschaft inzwischen tatsächlich besser?
Aktuell haben wir einen Lauf, sind gut drauf. Wir haben in der EM-Qualifikation von zehn Spielen neun gewonnen und einmal Unentschieden gespielt. Die Schweiz hat natürlich viel mehr Konstanz. Sie ist seit langer Zeit – mit Ausnahme der EM 2012 – bei jedem Turnier dabei gewesen. Dies ist schon eine andere Duftmarke.

Sie standen schon zweimal auf der Wunschliste des Schweizer Fussballverbandes, 2000 und vor zwei Jahren. Würden Sie gerne mal noch Schweizer Nationaltrainer werden?
Für mich war immer wichtig: Dort, wo ich gerade bin, gebe ich alles. Ich habe nie gedacht: Da möchte ich mal hin und jenes wäre auch noch cool. Ich denke, wenn ich einen guten Job mache, dann kommen generell interessante Anfragen. Dann muss man schauen, ob es passt. Das kann auch die Schweiz sein.

Als Sie vor zwei Jahren dem SFV abgesagt haben, begründeten Sie dies damit, dass Ihre Mission in Österreich noch nicht zu Ende sei. Wird dies nun nach der EM der Fall sein?
Nicht zwangsläufig. Zu Beginn meiner Tätigkeit wurde gesagt, die WM 2014 in Brasilien zu erreichen, wäre schön, sei aber kein Muss. Bei der EM in Frankreich müsse man dann aber unbedingt dabei sein. Das haben wir geschafft. Danach schauen wir weiter.

Spielt Österreich eine starke EM, wäre dies die beste Werbung für einen Trainervertrag bei einem grossen Klub. Wann werden Sie mit dem Österreichischen Fussballbund über eine Vertragsverlängerung sprechen?
Für mich muss nichtschon vor dem Turnier klar sein, wie es danach weitergeht. Der Präsident hat allerdings erklärt, er möchte vor der Euro wissen, wer nach der Euro Teamchef ist.

Sie haben gesagt, es sei nicht besonders relevant, dass Österreich – anders als die Schweiz – keine Turniererfahrung habe. Wie meinen Sie das?
Wir können daran ja nichts ändern. Wir haben aber immerhin fünf Spieler im Kader, die bei der EM 2008 schon dabei waren. Wichtig wird sein, zwischen den Spielen gut zu regenerieren. Viele Spieler wie beispielsweise David Alaba von Bayern München sind einen hohen Rhythmus gewohnt und spielen meist jeden dritten Tag auf einem sehr hohen Level.

Was liegt in Frankreich drin?
Im Dezember nach der Gruppenauslosung kann ich sicher mehr sagen. Aber klar reisen wir nicht nach Frankreich, um bloss dabei zu sein und ein Baguette zu essen. Es ist eine Plattform für alle, um sich zu präsentieren.

Was Sie in Österreich aufgebaut haben, erinnert an die Ära Roy Hodgson in der Schweiz, auch wenn Ihr Projekt schon länger andauert. Aber auch Sie haben eine klare Stammmannschaft und vertrauen Ihren Spielern auch dann, wenn sie in ihren Klubs
Probleme haben.

Der Vergleich mit Roy Hodgson hat etwas. Auch er setzte auf «seine» Gruppe. Ich selber wäre damals als Spieler gerne dabei gewesen, doch die Folgen meiner schweren Beinverletzung im Jahre 1991 verunmöglichten dies. Als ich wieder fit wurde, hatte Hodgson dann sein Team schon beisammen. Dafür war ich 1996 bei der EM dabei. Im Wissen, dass ich danach aufhören würde, genoss ich dies extrem, saugte alles wie ein Schwamm auf und war auf Wolke sieben.

Sie sind ein Trainer, der seinen Stammspielern das Vertrauen schenkt. Gibt es da überhaupt noch einen gesunden Konkurrenzkampf?
Ja, den gibt es. Ich habe der gesamten Mannschaft gesagt, dass wir es uns nicht erlauben könnten, uns zurückzulehnen. Aber ich konnte im Training gut beobachten, wie sich alle voll reingehauen haben, statt aufzumucken. Es ist für einen Trainer gut und wichtig zu sehen, dass die Spieler Freude haben, in dieser Gruppe dabei zu sein und im Training Gas geben.

Sie sagen, Sie bräuchten als Nationaltrainer drei Jahre, um eine Mannschaft zu formen, als Klubtrainer ein halbes Jahr.
Als Nationaltrainer musste ich die Erfahrung machen, dass es nicht einfach ist, den Spielern etwas zu vermitteln. Nach einem Länderspiel sind sie wieder mehrere Wochen weg und beim Verein. Wenn sie dann wieder kommen, dann weiss niemand mehr, was beim letzten Mal gesagt wurde. Es ist wie in der Schule: Man muss immer und immer wieder repetieren. Selbst wenn die Nationalmannschaft vielleicht die besseren Spieler hat als ein Klub, braucht es seine Zeit, bis alles drin ist.

Sie sind ein Perfektionist. Stimmt es, dass Sie sich als Vorbereitung auf das Spiel gegen Liechtenstein 15 Mal ein Spiel der Liechtensteiner angeschaut haben?
Ja, es war vielleicht ein bisschen trocken. Ich wusste am Beispiel meiner Vorgänger, wie eng solche Begegnungen gegen Liechtenstein sein können. Mir ging es darum, mich ins Thema hineinzulegen: Haben sie etwas Spezielles? Machen sie etwas anders? Wer glaubt, er sei besser, denkt man, er müsse weniger tun. Das ist eine grosse Gefahr. Man ist nicht fokussiert. Wenn jeder etwas weniger macht, hat man plötzlich noch fünfzig Prozent seines Leistungsvermögens, und das reicht dann nicht. Es war wichtig, meinen Spielern das vorzuleben und zu vermitteln. In Österreich geht es schnell von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt, das ist die Mentalität hier. Das wollte ich klarmachen. Es war ein weiterer wichtiger Schritt in unserer Entwicklung.

Ihr Markenzeichen ist das Pressing.
Das habe ich mit dem FC St. Gallen schon gemacht. Jetzt ist es einfach noch ausgefeilter. Ich will agieren. Auch dann, wenn wir den Ball nicht haben. So habe ich schon als Spieler gedacht.

Sie wurden Trainer, weil Sie gegen Ende Ihrer Spielerkarriere einmal einen Trainer hatten, der nicht mit den Spielern sprach.
Ich hatte bereits während meiner Laufbahn eine Trainerausbildung gemacht, fragte mich aber, ob ich wirklich Trainer werden wolle. Nach einem Training ist diese Idee in mir gereift und ich habe dann mal gesagt: So, und jetzt werde ich Trainer und möchte einiges anders machen. Aus meiner Sicht sollte ein Trainer doch vermitteln, wie er spielen will.

Als einer der wenigen Trainer sind Sie auf Facebook aktiv. Warum?
Ich mache dies nun seit fünf Jahren. Es hat sich bewährt. Es ist gut für die Fans, zu wissen, was wir tun. Sonst kann ich als Trainer ja höchstens noch in einem Interview mit den Medien meine Ideen präsentieren. Facebook ist eine gute Plattform, um näher an die Fans heran zu kommen.

Auf Facebook zeigten Sie auch schon Ihre Begeisterung über die Wiener Philharmoniker. Woher kommt diese Liebe?
Sie klingen perfekt in meinen Ohren. Ich kann völlig abschalten und bin in einer anderen Welt. Jeder Musiker weiss, was er zu tun hat, und zusammen mit dem Dirigenten, der den Takt angibt, passt alles perfekt zusammen.

Im Fussball gibt es keine Perfektion.
Natürlich, ich versuche, sie anzustreben. Die Philharmoniker brauchen nicht zu befürchten, dass ihnen jemand das Instrument wegnimmt. Wir Fussballer müssen dagegen ständig aufpassen, dass uns niemand mit einer Grätsche das Spielgerät klaut. Ab und zu denke ich: Wow, das war ein super Spiel, da hat vieles gepasst. Wenn ich es mir dann noch einmal anschaue, sehe ich allerdings viele Dinge, die nicht gepasst haben.

Täuscht der Eindruck, dass Sie in den letzten Jahren nahbarer geworden sind?
Man wird älter und hat mehr Erfahrung. Ich habe gleichwohl nicht das Gefühl, dass ich so viel anders bin als früher. Kann sein, dass es von aussen etwas anders wahrgenommen wird. Ich denke aber, dass es wichtig ist, eine gewisse Distanz zu wahren. Der Österreicher kennt die «Freunderl-Wirtschaft», da wird oft ein bisschen vermischt zwischen Job und Freundschaft: Kannst du dies für mich tun? Kannst du mir noch da helfen? Und dies führt meist zu Konflikten. Deshalb versuche ich zu trennen zwischen Job und Freundschaften.

In der Schweiz sind rund um die Nationalmannschaft Diskussionen im Gang, ob es zu viele Spieler mit Migrationshintergrund im Team hat. Zu wenige mit Namen wie Müller, Meier, Bünzli. Auch der Spieler Stephan Lichtsteiner hat diese Debatte befeuert. Wird in Österreich auch eine solche geführt? Es stehen mehrere Spieler in Ihrem Team, die ihre Wurzeln anderswo haben.
Eine solche Diskussion haben wir nicht. Geschichtlich betrachtet war Wien zum Beispiel schon immer eine Stadt mit ausgesprochen viel Migration. Die Eltern einiger Spieler sind nach Österreich gekommen, sie selber aber sind hier geboren. Der einzige meiner Mannschaft, der mit seinen Eltern eingewandert ist, ist Zlatko Januzovic. Er kam als Vierjähriger aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Ihre Mannschaft hat sich vor dem Qualifikationsspiel gegen Moldawien mit einem Statement für Flüchtlinge starkgemacht.
Die Spieler sind gekommen und haben gesagt, sie wollten etwas machen. Für mich ist dies ein starkes Zeichen. Es zeigt, dass Fussballer durchaus nicht immer nur an Fussball denken.

Sie erleben derzeit die wunderbare Seite des Trainerlebens. Nach der Entlassung bei Bochum waren Sie längere Zeit arbeitslos. Hilft Ihnen das, nun nicht abzuheben?
Es gab damals die eine oder andere Anfrage. Ich wollte aber nicht einfach etwas annehmen, das nicht das Richtige war. Es sollte eine Mannschaft sein, die eine gewisse Qualität hatte und die ich weiterentwickeln konnte. Aber ich bin sowieso keiner, der über dem Himmel schwebt. Es haben momentan viele das Gefühl, ich müsse das tun. Aber ich weiss eben auch, wie schnell man hinunterfallen kann, wenn man oben ist. Aber klar, ich möchte nun noch eine Zeit lang oben bleiben.

Hören Sie es gern, wenn die Österreicher Sie als «Wunderwuzzi» bezeichnen?
Ich wusste zuerst ja gar nicht einmal, was es bedeutet. Dass ein Wunderwuzzi einer ist, der alles kann. Doch ich weiss, welch intensive Arbeit hinter unserem Erfolg steckt und dass ich nicht einfach nur einen Zauberstab nehmen konnte.

Was ist Ihre Meinung zu den ganzen Geschichten um die Fifa?
Das ist zuerst einmal ganz natürlich schlecht für den Fussball. Es ist Zeit, dass alles aufgedeckt wird. Die Leute, die ins Stadion gehen, müssen Vertrauen haben in jene Personen, die den Fussball führen.

Was können wir Schweizer von den Österreichern lernen?
Österreich und die Schweiz sind zwei wunderschöne Länder mit fantastischen Menschen. Es gibt natürlich Unterschiede, aber ich kann es mit beiden gut. Zürich und Wien zählen zu den lebenswertesten Städten der Welt. Wenn ich in beiden zu Hause sein darf, ist das extrem schön.

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