VON KLAUS ZAUGG AUS EDMONTON

Es ist fast nicht zu fassen: Das Alphatier Ralph Krueger sitzt in der zweiten Reihe und dient einem Chef.
Ralph Krueger: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir gar nichts ausmacht, dass sich nicht mehr alles um meine Person dreht. Ich stand gerne im Mittelpunkt, und die damit verbundene Herausforderung fehlt mir schon. Manchmal brauche ich eine Selbstdisziplin wie der Dalai-Lama um mich zurückzunehmen.

Dann können Sie jetzt ja endlich vorleben, was Sie in Ihrem Bestseller «Teamlife» beschrieben haben.
Ich höre eine gewisse Ironie in Ihrer Frage. Aber Sie haben schon recht: Ich bin jetzt nicht mehr Chef, ich bin ein Teil eines Teams und kann Teamlife leben.

Sie verdienen auch viel weniger.
Ja.

Wie viel weniger?
Das sage ich nicht.

Liege ich falsch mit der Schätzung, dass Sie nur halb so viel verdienen wie in der Schweiz?
Da liegen Sie nicht so falsch. Und wissen Sie was: Ich arbeite doppelt so viel.

Doppelt so viel?
Ich stehe jeden Morgen um 5.30 Uhr auf und bin um 6.30 Uhr im Stadion. Das Frühstück und das Mittagessen nehme ich im Stadion in unserem Trainerbüro ein. In der Regel komme ich erst zwölf Stunden später wieder aus dem Stadion heraus. Es gibt so viel zu tun mit Spielvorbereitungen und Spielanalysen oder Einzelgesprächen mit Spielern.

Worin liegt die Motivation, diese Mühsal auf sich zu nehmen und auf das angenehme Leben in der Schweiz zu verzichten?
Weil ich eine neue Herausforderung gebraucht habe. Es war an der Zeit, mich und meine Arbeitsweise zu hinterfragen. Ich bin sozusagen daran, mich als Coach neu zu erfinden, und ich bin sicher, dass ich nach diesen zwei Jahren hier der bessere Coach sein werde. Es wäre ja so einfach gewesen, in der Schweiz oder in Deutschland einen neuen Job anzunehmen. Aber ich wäre nicht mehr weitergekommen. Ich lebe jetzt in jeder Beziehung nicht mehr in der Komfortzone, und genau das brauche ich. Und ich wollte die NHL als Insider kennen lernen. Ich spielte ja nicht einmal in der NHL.

Sie sind Associate Coach und nicht Assistent. Was ist der Unterschied?
Ich bin bei allen Entscheidungen von Headcoach Tom Renney und General Manager Steve Tambellini mit am Tisch. Das wäre ich als Assistent nicht. Ich hatte Angebote als Assistent. Aber dann hätte ich Jahre gebraucht, um Cheftrainer zu werden. Als Associated Coach bin ich viel eher ein Thema für die Position des Headcoaches. Der Job als Assistent war deshalb für mich nie ein Thema.

Hätten Sie gleich als Headcoach in der NHL anfangen können?
Nein, und ich wäre völlig überfordert. Es hat noch nie einer ohne NHL-Erfahrung den Job als Headcoach bekommen. Es ist unmöglich, diese Arbeit ohne NHL-Erfahrung zu machen.

Auch nicht für ein charismatisches Alphatier wie Sie?
Völlig unmöglich.

Warum?
Weil mir für diesen Job das notwendige Wissen fehlt. Genauso wie mir das Wissen fehlt, um ein Herzchirurg zu sein. Ich kenne ja die NHL-Spieler noch gar nicht. Und alleine das Coachingteam hier umfasst neun Mann, die alle der Cheftrainer auswählt.

Warum müssen Sie die NHL-Spieler kennen?
Weil die Spieler während des Spiels auf der Bank immer wieder Fragen haben: Wer schiesst im Powerplay am besten? Worauf muss ich bei dem und dem Stürmer achten? Es ist besser, wenn man auf solche Fragen eine Antwort hat.

Sie haben einen Zweijahresvertrag. Was werden dann die Optionen sein?
Ich kann vielleicht hier in Edmonton bleiben, ich bekomme möglicherweise eine Chance, Headcoach in der NHL zu werden oder ich kehre in die Schweiz zurück.

Sie haben immer wieder betont, wie sehr es Ihnen in der Schweiz gefällt, dass Sie und Ihre Frau sozusagen Schweizer geworden sind – und doch haben Sie von einem Tag auf den anderen die Schweiz verlassen. Das hat mich ein wenig irritiert.
Nach Abschluss meiner Tätigkeit als Nationaltrainer hatte ich viele Angebote und es wäre so einfach gewesen, einen Job in der Schweiz oder in Deutschland anzunehmen. Aber nichts hat mich wirklich gereizt. Im Juli bekam ich dann erstmals einen Anruf von Edmontons Chefcoach Tom Renney. Da wusste ich sofort, dass dies die Herausforderung ist, die ich suchte.

Aber eben: Sie haben der Schweiz, die Sie immer so hoch gelobt haben, den Rücken gekehrt. Waren Ihre lobenden Worte über unser Land leere Worte?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin so schweizerisch wie eh und je und für meine Frau und mich ist klar, dass wir in der Schweiz alt werden wollen. Es gibt kein Land mit einer höheren Lebensqualität. Unsere Heimat ist nach wie vor die Schweiz. Wir haben unser Haus in Davos nicht verkauft, wir vermieten es nicht einmal und haben immer noch eine Wohnung in Wollerau, wo unsere Möbel stehen. Wir können jederzeit in die Schweiz zurückkehren. Ich lebe hier in Kanada mit einem Arbeitsvisum, ich bin lediglich Gastarbeiter.

Moment, Sie sind ja Kanadier, da brauchen Sie doch kein Visum.
Doch. Ich bin kanadisch-deutscher Doppelbürger und habe deshalb auch den deutschen Pass. Ich bin hier mit meinem deutschen Pass. Deshalb brauche ich ein Visum.

Ihr Abgang als Nationaltrainer nach dem olympischen Turnier 2010 wirft immer noch Fragen auf. Philippe Gaydoul wurde zwar erst im Sommer 2009 offiziell zum Präsidenten gewählt – aber im Rückblick fällt auf, dass sich das Klima mit dem Tag seiner Kandidatur im Februar 2009 verschlechterte und einen negativen Einfluss auf die WM 2009 hatte.
Das Umfeld der Nationalmannschaft veränderte sich.

Was heisst das?
Über die Jahre waren Verbandsdirektor Peter Zahner und der Verbandspräsident wichtige Bezugspersonen für mich. Die hatte ich nicht mehr.

Philippe Gaydoul hat nie mit Ihnen gesprochen?
Nein, nie.

Er hat sich nie für Ihre Meinung interessiert? Oder für Ihre Erfahrungen als Nationalcoach?
Nein, nie. Er hatte seine Meinung gemacht, ohne sich mit mir zu unterhalten. Eine Zusammenarbeit mit mir war nie ein Thema.

Wie kommt es, dass sich ein Verbandspräsident nicht für seinen wichtigsten und teuersten
Angestellten interessiert?

Diese Frage kann ich nicht beantworten.

Ist es womöglich so, dass sich da zwei Alphatiere begegnet sind? Dass Sie dem Multimillionär nicht wie die anderen Funktionäre mit der nötigen Unterwürfigkeit begegnet sind?
Das ist Ihre Interpretation.

Es war für Sie undenkbar, unter Gaydoul zu arbeiten?
Ja. Aber es war so oder so Zeit für mich, etwas Neues anzufangen. Aber der Wechsel hätte vielleicht ein wenig harmonischer ablaufen können. Letztlich bin ich froh, dass alles gut gelaufen ist: das olympische Turnier in Vancouver und schliesslich auch die WM 2010 in Deutschland.

Das kommt ja Ihnen zugute. Ohne den Erfolg in Vancouver hätten Sie den Job in Edmonton nicht bekommen.
Das ist richtig. Als ich im Herbst 1997 Schweizer Nationaltrainer wurde, konnte ich mir nicht einmal im Traum vorstellen, dass dieser Job mir die Türe zur NHL öffnen würde. Was zugleich eine grosse Anerkennung für das Schweizer Eishockey ist.

Wird unser Eishockey in Kanada wirklich respektiert?
Oh ja. Das breite Publikum mag wenig über unser Hockey wissen und die Medien mögen sich nicht für unser Hockey interessieren. Aber die Hockey-Entscheidungsträger in Kanada respektieren unser Eishockey sehr. Und jetzt, da ich weg bin, schätze ich das Schweizer Eishockey mehr denn je. Die Schweizer realisieren womöglich gar nicht, wie gut die Schweizer Eishockeykultur ist.

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