VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTEL

Sie behaupten, die Rettung des FC St. Gallen sei zu 90 Prozent gesichert. Was gibt Ihnen diese Zuversicht?
Als Namensgeber des Stadions war ich schon immer involviert, wenn es darum ging, Gelder aufzutreiben. Ich weiss, mit wem man nun gesprochen hat. Deshalb konnte ich diese Aussage machen.

Am Dienstag, nachdem das Stadtparlament eine Zahlung von 2 Millionen Franken verweigert hatte, wurde der FC totgeschrieben. Wie erklären Sie nun diese wundersame Rettung?
Als mir die Herren das Rettungsprojekt Futura vorgestellt haben, sagte ich gleich, das geht in die Hosen. Ich fragte, was macht ihr personell? Dann sagten sie, man würde keine Personalpolitik führen. Dabei steht diese im Mittelpunkt. Solange jene Leute, die das Debakel verschuldet haben, weiterhin in einem Gremium sitzen, ist eine Rettung undenkbar. Und wie ist es nun rausgekommen? Futura hat Schiffbruch erlitten, wie ich es prophezeit habe.

Was ist seit Dienstag geschehen, dass es nun nach einer Rettung aussieht?
Es sind ungewohnte Kräfte generiert oder regeneriert worden. Da bezahlt einer 1 Million Franken, den ich nicht mal kenne.

Wer?
Peter Schildknecht. Er hat einige Beizen in und um St.Gallen. Das ist gut so. Denn ich habe immer gesagt, der FC dürfe nicht zum Spekulationsobjekt für Ausländer werden.

Es scheint, als hätten Sie nun das Bekenntnis erhalten, dass man sich eben von jenen trennt, die das Debakel verschuldet haben.
Das war für mich von Anfang an eine Bedingung. Ich nenne keine Namen. Aber ich habe von Beginn an gesagt: Der und der und der muss weg. Wenn diese Leute noch etwas Ehrgefühl und Verbundenheit zum FC hätten, wären sie schon längst gegangen.

Sie haben schon vor vier Jahren die damalige Führung mit Dieter Fröhlich an der Spitze als Trachtengruppe bezeichnet. Doch man hat sich nie distanziert. Fröhlich ist mit seinen Spezies in der Betriebs AG untergekommen. Warum helfen Sie einer Institution, die Ihre Empfehlungen nicht befolgt?
Ich würde doch die Falschen strafen. Wenn ich mich abwenden würde, gäbe es keinen Spitzenfussball mehr in St. Gallen. Aber wenn der FC St. Gallen gewinnt, ist die Stimmung in der Ostschweizer Bevölkerung sofort positiver. Mein Support für den FC ist eine Unterstützung für die gesamte Region.

Stopfen Sie die Löcher beim FC jeweils aus dem Privatvermögen?
Ja.

Was sagt Ihre Familie dazu?
Das ist eigentlich kein Thema. Wenn man von einer Region politisch stets getragen worden ist, bleibt man ihr stark verbunden. Ich habe mich beispielsweise auch dafür eingesetzt, dass in Heerbrugg eine Kantonsschule gebaut wurde.

Früher skandierten die Fans im Espenmoos «Ostschweiz». Heute scheint die Bevölkerung in der Causa FC nicht mehr einer Meinung zu sein.
Ich wusste früher auch nicht, wohin ich gehöre. Mal ging ich an die Spiele des SC Brühl, mal zum FC St. Gallen. Zugegeben: Das Espenmoos war schon heimelig. Doch das Stadion ist aus allen Nähten geplatzt. Von der Sicherheit ganz zu schweigen. In der AFG-Arena ist die Atmosphäre städtischer, distanzierter. Krethi und Plethi begegnet sich nicht mehr. Aber der Kitt ist trotzdem noch vorhanden.

Der FC St. Gallen ist verfilzt.
Da gebe ich Ihnen recht. Das ist ein Grund, weshalb ich nie ein Amt beim FC übernommen habe. Das gilt übrigens auch für Leute aus meinem Umfeld. Ich will unabhängig bleiben und mir nicht den Vorwurf gefallen lassen, ich würde den FC als Vehikel benutzen, Eigeninteressen zu verfolgen. Vielleicht bin ich mit meinem Stil ein Aussenseiter.

Aber es ist doch problematisch, wenn einer wie Rainer Sigrist, der als VR- Präsident von Stadionbauer HRS im Verwaltungsrat der Betriebs AG Einsitz nimmt. Schliesslich stiegen die Kosten für das Stadion von 2006 bis 2009 von 52 auf 72 Millionen Franken.
Als Momentaufnahme mögen Sie recht haben. Aber wir müssen weiter zurückschauen. Vor zehn Jahren hat Hans Hurni das Projekt mit dem neuen Stadion in Angriff genommen. Später, während der Hochkonjunktur, gaben die Banken für alles Geld. Ausserdem herrschten Euphorie und Aufbruchstimmung. Danach kam aber die verdammte Finanz- und Wirtschaftskrise, die alles geplättet hat. Man darf in Sachen Stadion nicht in Schwangerschafts-Perioden denken.

War es ein Fehler, dass Sie nicht aktiv beim Projekt Stadion dabei waren?
Ich war damals nicht gefragt. Ich habe einzig dafür gesorgt, dass Ikea nicht nach Steinach, sondern nach St.Gallen kommt, was dem Projekt viel Luft verschafft hatte. Ich kam erst dazu, als es um die Namensrechte ging. Ich wäre wohl auch gar nicht erwünscht gewesen.

Wer Geld bringt, ist immer erwünscht.
Damals war Geld gar nicht gefragt. Aber schlau, wie ich bin, habe ich später bei der Frage nach dem Namensrecht subito gesagt, das machen wir. Natürlich ist in der Planung nicht alles optimal gelaufen. Man hat grosse Konzerte versprochen, doch passiert ist nichts. Rückblickend muss man sagen: Die Konzert-Pläne waren ein Kaffee.

Sie sagten mal, Sie würden bei der jungen Generation die physische Leistungsbereitschaft vermissen. Gilt das auch für den FC?
Die Jungen beim FC haben schon Pfupf. Die wollen alle Karriere machen. Aber ich sehe auch ältere Spieler, die vorne nur auf den Ball warten. Dabei gibt es sowohl im Sport als auch in der Wirtschaft ein Holprinzip.

Sie sind 68. Delegierter des Verwaltungsrats der AFG. CEO der AFG. Und interimistisch Leiter der Division Küchen. Woher nehmen Sie die Energie?
Ich schlucke jeden Tag 50 Tabletten. Ein Apfel entspricht 15 Tabletten und eine Banane deren 35. Ich habe immer so gelebt. Mit 16 habe ich vier 6-Familien-Häuser verkauft. Als Student führte ich eine Gipserfirma mit 40 Angestellten. Nach dem Studium war ich Chefredaktor der «Ostschweiz», führte weiterhin meine Firma und machte parallel dazu Karriere in der Politik und im Militär.

Dabei hatten Sie im Dezember 2008 eine schwerwiegende Blutvergiftung erlitten.
Damals traf ich einen sehr guten Entscheid. Der Arzt sagte mir, ich müsse vier bis acht Wochen im Spital bleiben. Also habe ich die Disketten ausgetauscht: Arbeit raus, Ferien rein.

Aber Sie haben letztes Jahr angekündigt, 2010 einen Nachfolger zu präsentieren.
Nächstes Jahr gibt es sicher einen Nachfolger.

Wissen Sie schon, wer es sein wird?
Nein. Aber ich muss auch mal aufhören. Jeden Morgen stehe ich um fünf auf und bin um sechs im Büro.

Wollen Sie nicht mal die Beine hochlagern und eine Weltreise machen?
Das wäre langweilig. Denn ich bin das nicht gewohnt. Als ich CVP-Nationalrat war, sagte man mir: Nach zwölf Jahren solltest du aufhören. Ich sagte: Das Volk entscheidet. Ich habe vorgängig schon Ferienhäuser gebaut. Aber das Volk hat mich immer wiedergewählt. Bis man in St. Gallen die Lex Oehler einführte, wonach man nur noch 16 Jahre im Parlament vertreten sein durfte. Damals war ich schon 24 Jahre dabei. Einfach nur rumhängen ist dem lieben Gott den Tag gestohlen.

Wofür bauen Sie denn Ferienhäuser?
Damals dachte ich, ich würde sie mal benützen.

Wissen Sie überhaupt, wie viele Häuser Sie besitzen und wo sie stehen?
Ich weiss alles. Ich weiss sogar über die Materialen in jeder Ecke dieses Hauses Bescheid.

Dem heutigen Bundesrat wird Führungsschwäche vorgeworfen – eine berechtigte Kritik?
Früher – jetzt spreche ich schon wieder von früher – wählten wir bewusst Leute in den Bundesrat, zu denen wir Parlamentarier hochschauen konnten. Das waren keine Politiker, die sich herumkommandieren liessen. Heute werden die Bundesräte schon vor den Wahlen demontiert.

Haben starke Persönlichkeiten gar keine Chance oder gar kein Interesse mehr an einem Amt als Bundesrat?
Das will ich so nicht stehen lassen. Aber jene, die den Bundesrat wählen, missbrauchen ihre Macht. Früher hat man sich auch überparteilich geachtet. Politisch muss ein Ruck durchs Land.

Wie kann man diesen Ruck auslösen?
Woran die Politik krankt, sieht man am Beispiel FC St. Gallen. SVP und SP sind sich eigentlich spinnefeind. Wenn aber beide aus diametral entgegengesetzten Gründen gegen ein Finanzpaket sind, ist alles blockiert. So wird ein Land unregierbar.

Die Allianz SVP/SP wird wohl bis zur Abwahl von Eveline Widmer-Schlumpf weitergeführt.
Das entspricht dem Prinzip von Machiavelli. Was steht denn im Interesse des Staats? Das Parteiprogramm oder das Wohl des Volks? Ich habe den Kaffee, der im Parteiprogramm steht, nie gelesen. Bei Grundsatzfragen muss man einen Kompromiss finden, sonst lässt sich dieses Land nicht mehr regieren. Das sehen wir beispielsweise auch bei der Ausschaffungsinitiative, wo man eigentlich nicht weit auseinanderliegt.

Themenwechsel: Im Mai verunglückten Ihre Frau und eine Ihrer vier Adoptivtöchter bei einem Autounfall in Spanien schwer. Wie gehts Ihrer Frau?
Eigentlich besser. Sie macht auch heute noch moralische Tiefs durch. Bei der einen oder anderen kommen die Bilder des Unfalls immer wieder mal hoch. Die Tochter hatte beide Hände unter einem Rad und schrie: «Mutter, ich sterbe!» Doch die Arme der Mutter waren in der Türe eingeklemmt. Sie hatten beide einen starken Überlebenswillen, wie ich ihn bei der Blutvergiftung auch haben musste. Psychisch werden sie den Unfall wohl nie ganz verarbeiten. Eine Reise nach Spanien kommt wegen der Ereignisse für sie beide nicht mehr infrage.

Aber beide fahren noch Auto?
Ja, und das ist auch wichtig. Das Selbstwertgefühl meiner Frau hat sich enorm gesteigert, als sie nach vier Monaten wieder ins Auto gestiegen ist. Denn erst kürzlich hat sie ihren Mercedes so umbauen lassen, dass sie ihn nur mit der linken Hand steuern kann. Am Donnerstag aber kam sie mit der Bieridee, auch den Porsche umbauen zu lassen.

Warum?
Porsche und behindertengerecht. Das passt doch nicht zusammen. Aber meine Blutvergiftung und der Unfall in Spanien sind nicht die einzigen Schicksalsschläge geblieben. Bei der ältesten Tochter wurde Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert, als sie ihr viertes Kind erwartete.

Und wie gehts Ihrer Tochter?
Sie brachte ein gesundes Kind zur Welt. Die Tochter ist so stark wie der Vater. Aber sie lebt natürlich mit sehr viel Druck auf den Ohren. Denn man kann heute noch nicht sagen, ob sie geheilt ist.

Wie gehen Sie mit diesen Schicksalsschlägen um?
Das Glück wollte es, dass ich der Erste war. Ende 2008 hat man mir noch 24 Stunden gegeben. Mir ging dann sofort durch den Kopf: Am Montag ist Schluss, am Dienstag wirds veröffentlicht und am Freitag ist die Beerdigung. In solchen Momenten wird man kalt. Wenn man das erlebt, wird man existenziellen Fragen gegenüber abgebrüht, aber nicht gefühllos. Das hat mir bis jetzt geholfen.

Haben Sie den Raser-Prozess von Schönenwerd mit besonderem Interesse verfolgt?
Ja und nein. Eigentlich will ich gar nichts davon hören. Aber ich kann mich in die Angehörigen der Opfer hineinversetzen. Ich bin nicht rassistisch. In Spanien raste ein Algerier in den Wagen meiner Frau und meiner Tochter. Er war mehrfach vorbestraft, das Auto gestohlen, im Auto gestohlenes Geld. Den Unfall verursachte er mit Absicht, um der Polizei zu entkommen. Für viele war es vielleicht tröstlich, dass es auch eine Familie wie die unsere erwischt hat. Dass auch wir Schicksalsschläge zu verarbeiten haben.

Es gibt Leute, die eine höhere Macht für Glück oder Unglück verantwortlich machen.
Ich bin zwar ein gläubiger Katholik. Aber er müsste ein mieser Typ sein, wenn er alles auf uns abladen würde. Der Unfall in Spanien war Schicksal. Bei mir führten drei Fehldiagnosen dazu, dass ich dem Tod so nahe gekommen bin. Ich glaube nicht, dass eine höhere Macht Regie geführt hat.

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