Die Sonne scheint über Niederbuchsiten, als Roger Federer auf dem direkt an der A1 gelegenen Gelände seines Sponsors «Jura» auf die Bühne tritt. Elegant gekleidet in einem dunklen, dezent karierten Anzug, Rollkragenpulli und leichten Turnschuhen. Der Schweizer Tennis-Star zeigte sich zwei Tage vor dem Auftakt der «Swiss Indoors» in Basel erstmals wieder in der Schweizer Öffentlichkeit. Auf dem Tennis-Court wird er in der kommenden Woche allerdings nicht zu sehen sein. Seinen Titel wird er an seinem Heimatturnier bekanntlich nicht verteidigen können. Roger Federers Saison 2016 ist schon seit Ende Juli offiziell zu Ende. Auch deshalb kann er an diesem Nachmittag entspannt über Gott und die Welt plaudern.

Mutter Lynette und Vater Robert sind ebenfalls präsent und lauschen am Rande der Bühne dem Gespräch zwischen Moderator Bernie Schär und ihrem Sohn, der gut gelaunt die Fragen des Radiomanns beantwortet. Am meisten interessiert natürlich, wie es dem «Sorgenknie» geht, welches für den vorzeitigen Saisonabbruch verantwortlich war. «Es ist noch nicht hundertprozentig in Ordnung. Wenn dem so wäre, dann würde ich in Basel spielen», sagt Federer, der ansonsten mit dem Heilungsprozess sehr zufrieden ist. «Es ist auf jeden Fall gut, dass ich jetzt noch zwei Monate Zeit habe, voll zu trainieren.» Am Freitag bestritt er sein erstes, richtiges Konditionstraining nach der Verletzungspause. «Ich muss spätestens im Januar in Australien wieder in der Lage sein, alle zwei Tage fünf Stunden Tennis zu spielen.» Und wenn er schon morgen gegen Andy Murray spielen müsste, wie käme das heraus? «Das wäre sicher lustig für Andy», meint Roger Federer lachend. «Ich würde vielleicht den einen oder anderen Punkt gewinnen, aber mir fehlen derzeit sowohl die Kraft als auch die Koordination. Und vor allem würde ich am Tag danach unglaublich leiden.»

Im Gespräch wird schnell klar, mit wie viel Leidenschaft Roger Federer immer noch bei der Sache ist. Gedanken an ein Karrierenende sind bei ihm Fehlanzeige. Im Gegenteil: «Ich möchte noch viele Jahre spielen», unterstreicht er und erntet für diese Aussage frenetischen Jubel von den Zuhörern. Besonders der Traum, sein Lieblingsturnier Wimbledon ein achtes Mal zu gewinnen, treibt ihn an. «Dafür arbeite ich jeden Tag.» Sowieso ist dem Superstar während seiner Verletzungspause wieder bewusst geworden, wie sehr er den Alltag als Tennisprofi vermisst. «Die Tour fehlt mir. Ich habe mein halbes Leben auf ihr verbracht. Ich liebe es, um die ganze Welt zu reisen. Das finde ich immer noch total lässig.»

Wer Roger Federer zuhört, der merkt bald, wie viel Feuer, wie viel Ehrgeiz immer noch in ihm steckt. Aber gleichzeitig auch, wie sehr er Mühe damit hat, wenn andere ihr Talent verschleudern, nicht alles tun, um erfolgreich zu sein. Sondern im Gegenteil mit ihrem Verhalten für Ärger sorgen. Dazu gehört eine Aussage, die dem australischen Enfant terrible Nick Kyrgios gilt – auch wenn er ihn nicht namentlich erwähnt: «Anderen ist es wichtiger, dass sie auf Instagram 1000 Follower mehr haben, anstatt sich um ihre Vorhand zu kümmern. Damit habe ich Mühe.» Federer, der seit Jahren von seinen Mitkonkurrenten und dem Publikum zum beliebtesten Spieler der ATP-Tour gewählt wird, sind solche Allüren fremd, ja er verachtet sie. «Ich habe die Popularität bei den Zuschauern und bei meinen Gegenspielern nie gesucht. Vermutlich hat meine Beliebtheit damit zu tun, dass ich allen Leuten mit Respekt begegne und demütig bin. Ich habe nie betrogen auf dem Platz, nie versucht, den Gegner mit Mätzchen aus dem Konzept zu bringen», bemerkt er dezidiert.

Respekt und Demut
Dieselben Werte wie Respekt und Demut versucht er nun auch seinen Kindern weiterzugeben – so wie er sie von seinen Eltern auf den Lebensweg mitbekommen habe: «Ich hoffe, dass sie möglichst viel von der Welt mitbekommen und das Gute mitnehmen können.» Die beiden Zwillings-Mädchen Charlene und Myla (7 Jahre alt) sind inzwischen in einem Alter, dass man sich «seriös unterhalten und versuchen kann, ihnen die Welt ein wenig zu erklären. Auch die weniger schönen Seiten», erzählt Roger Federer nachdenklich. Das Publikum in Niederbuchsiten spendet warmen Applaus – und wartet voller Vorfreude auf die Autogramm- und Selfie-Tour, welche der Star zum Abschluss mit einer Engelsgeduld und einem Lächeln auf dem Gesicht hinter sich bringt.

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