Didier Cuche, das erste Rennen der Saison steht an. Was macht ein Ski-Fahrer im Sommer?
Didier Cuche: Wenn ich anfange übers Sommertraining zu reden, dann reichen 45 Minuten nicht. Sie müssen jetzt entscheiden, ob Sie auch noch über andere Dinge reden wollen.

Aber Sie haben sich früher darüber geärgert, dass man in der Öffentlichkeit wenig übers Sommertraining spricht. .
Mittlerweile ist mir das gleichgültig. Vor zehn Jahren hat mich das geärgert, weil alle das Gefühl hatten, wir seien im Sommer zu faul gewesen und deshalb im Winter zu langsam. Ich habe damals genauso hart trainiert wie jetzt.

Anders gefragt: Wie viel Ferien hat ein Skifahrer im Sommer?
Nach der Saison und den Tests im April kann man Ferien nehmen. Das ist von Mitte April bis Mitte Mai. Da mache ich kein Konditionstraining und treffe mich nur an vereinzelten Tagen mit den Sponsoren und Partnern. Ab Mitte Mai trainiere ich drei Monate Kondition. In diesem Zeitraum mache ich einen halben Tag pro Woche frei. Da golfe ich, gehe an den See, treffe Freunde, die nichts mit dem Training zu tun haben. Das sind schöne, aber auch harte drei Monate, denn man muss die ganze Kondition wieder aufbauen. Das ist ja der Grundstein für die ganze Saison.

Woher nehmen Sie mit 37 noch die Motivation für diese Schinderei?
Klar ist die Lust nicht immer gleich gross. Aber wenn man in Wengen Spass haben will, dann muss man da einfach durch. Gerade in Wengen braucht man in den letzten 30 Sekunden viel Saft.

Spüren Sie körperlichen Verschleiss?
Im Rückenbereich muss ich aufpassen und deshalb das Rumpftraining konsequenter als andere machen. Mit dem Rücken haben viele Athleten Probleme, denn wenn die Spannung im Körper nicht genau stimmt, kann man sich beim Skifahren schnell einen Hexenschuss einfangen. Ich bin zum Beispiel immer nach dem Fliegen total verspannt und kann mich dann die ersten Tage danach schlecht bewegen. Deshalb leiste ich mir immer auf eigene Kosten Business-Class.

Sind Sie körperlich so fit wie vor zehn Jahren?
Es wäre übertrieben zu sagen, dass ich fitter bin als vor zehn Jahren. Aber man wird durch das Training in all diesen Jahren sehr stark, physisch und mental.

Gibt es etwas, worauf Sie sich nach Ihrer Zeit als Skifahrer freuen?
Ich werde nicht mehr so hart trainieren. Auch ich mache lieber etwas anderes, als Stunden im Kraftraum zu verbringen. Aber ich muss schauen, dass ich auch nach meiner Aktivkarriere weiterhin meinen Rücken trainiere, sonst wird es mit den Jahren nicht besser.

Und sonst gibt es nichts, worauf Sie sich nach der Karriere freuen?
Nein. Mein Hobby ist zurzeit Golfen. Und das kann ich mit dem Training gut verbinden. Aber sonst fällt mir nichts ein, auf das ich im Moment verzichten muss.

Wie sieht Ihr Zeithorizont aus? Ist es möglich, dass Sie nach dieser Saison eine weitere anhängen?
Es ist möglich, dass ich nochmals fahre, es ist aber auch möglich, dass ich nicht mehr fahre. Ich schaue Jahr für Jahr, doch im Moment kann ich nicht sagen, dass dies meine letzte Saison ist. Es ist doch widersprüchlich, wenn du volle Leistung bringen sollst, aber gleichzeitig weisst, dass es deine letzte Saison ist. Gut möglich, dass einen dieser Gedanke zwar beflügelt und man versucht, noch einen Zacken zuzulegen. Aber einen Zacken zulegen erhöht auch das Risiko. Ich habe mich in den letzten Jahren sehr nahe an dieser Grenze bewegt und mir war das manchmal gar nicht mehr bewusst. Aber wenn ich jetzt beseelt vom Gedanken, dass es die letzte Saison ist, noch einen Zacken zulege, dann könnte es ein Zacken zu viel sein.

Gibt es Situationen, in denen Sie übers Limit gegangen sind?
Nein, denn mein Prinzip ist: 100 Prozent sind 100 Prozent und 1 Prozent über dem Limit bedeutet einen Sturz. Man kann auch stürzen, ohne dass man übers Limit geht, aber das ist dann blöd gelaufen.

Die Präparation der WM-Abfahrt, wo Sie die Silbermedaille gewonnen haben, war ziemlich gefährlich. Hätten Sie für Gold übers Limit gehen müssen?
Man kann nicht übers Limit gehen. Übers Limit gehen bedeutet einen Sturz. Meine 100 Prozent entsprechen vielleicht beim Kollegen, der gewinnt, 80 Prozent. In Garmisch standen wir sehr unter Spannung, weil die Piste äusserst anspruchsvoll war.

Ihnen hats nicht gepasst.
Jetzt muss ich mir gut überlegen, ob ich darüber rede oder nicht... In Garmisch haben wir nicht verstanden, dass eine Piste so viele Hügel drin haben muss und dadurch so schlagen muss. Die Verantwortlichen haben immer betont, dass keine andere Präparation möglich gewesen ist.

Wieso hört man nicht auf die Fahrer?
Jetzt müssen wir das Thema wechseln, sonst wird es heikel für mich.

Gut. Ihre Familie ist in den letzten Jahren medial immer mehr in den Vordergrund gerückt. Ihre Eltern wurden vom Schweizer Fernsehen an der Ski-WM begleitet. Stört Sie das?
Nein, mir ist wichtig, dass meine Eltern gesund sind und dass sie mich zu den Rennen begleiten können. Das konnten sie nicht, als ich jung war, weil sie damals die Beiz und den Bauernhof geführt haben. Da war zu wenig Zeit. Meine Eltern haben erst sehr spät mein erstes Rennen live gesehen. Jetzt führen sie die Beiz nicht mehr, sind in Pension und geniessen es im Winter, eine gesunde und schöne Beschäftigung zu haben. Warum sie heute mehr im Vordergrund stehen? Ich glaube, das Fernsehen musste sich irgendwann etwas Neues einfallen lassen. Ich weiss, dass meine Eltern nicht gerne im Mittelpunkt stehen.

Was hat Ihnen Ihre Familie auf den Weg zum Skifahrer mitgegeben?
Die Familie ist sehr wichtig für mich, aber sie hat nichts mit dem Sport zu tun. Es war überhaupt nicht so, dass sie mich gepusht hätten, ich habe das aus tiefstem Herzen selber gewollt.

Wenn Sie heute 10 Jahre alt wären – könnten Sie nochmals den gleichen Weg einschlagen?
Der einzige Punkt, der heute anders ist, sind die Schneeverhältnisse. Das Schneemanko, das heute zum Teil im Jura herrscht, habe ich nicht erleben müssen. Ein Jahr hatte es keinen Schnee. Da bin ich mit dem Bruder auf dem Moped losgefahren. Ich durfte damals noch nicht fahren, also sass ich hinten drauf, unter jeden Arm ein Paar Ski geklemmt. Ein Stück weiter haben wir eine Schneezunge gefunden und mit unserem Trainer 18 Slalomstangen festgeschraubt. Dort sind wir runtergefahren und dann wieder den Hügel raufgestiegen.

Und sonst konnten Sie gleich vor der Haustüre losfahren?
Ja, 400 Meter und dann war ich beim Lift. Die Skipiste war mein Spielplatz. Solange ich zu klein war, um im Restaurant zu helfen, war ich schon dort, bevor der Lift in Betrieb genommen wurde, und bin so lange geblieben, bis er wieder abgestellt wurde. Mit 10 Jahren war ich alt genug, um in der Beiz zu helfen. Dann bin ich über Mittag nach Hause und habe abgewaschen oder abgetrocknet und bin dann wieder zurück auf die Piste.

Wars für Sie immer klar, dass Sie zuerst die Ausbildung zum Metzger abschliessen wollen?
Es war immer klar, dass ich zuerst eine Ausbildung mache. Das waren aber auch harte Jahre. Ich hatte noch keinen Fahrausweis, deshalb musste ich viel mit dem Zug ins Wallis reisen – immer sechs bis acht Paar Ski und die Sporttasche dabei. Die fünf Wochen Ferien brauchte ich für Trainingstage und Skirennen. In diesen drei Jahren habe ich nur einmal um eine zusätzliche Woche Ferien bitten müssen, das hat mir der Chef zum Glück erlaubt. Der Chef war nicht unbedingt ein Sportfan. Aber solange ich bis zum Feierabend um 17 Uhr gearbeitet habe, war er zufrieden.

Zurück zum Schneemangel. Bereitet Ihnen die Klimaerwärmung Sorgen?
Wenn wir wirklich die Gletscher schützen wollten, dann müssten wir den ganzen Skizirkus abschaffen, alle Fussballer zu Hause lassen und dem Weltbusiness den Stecker ziehen. Der Mensch ist eine sehr kurze Zeit auf der Erde, aber natürlich sollte man in dieser Zeit rücksichtsvoll sein.

Machen wir uns zu wenig Gedanken, was nach uns kommt?
Vielleicht. Vielleicht machen sich andere aber sogar zu viele Gedanken. Derjenige, der eine PET-Flasche aus dem Fenster wirft, der macht sich zu wenig Gedanken. Derjenige, der überall nur das Böse und Schlechte sieht, macht sich zu viele Gedanken.

Sie sind zu einer Berühmtheit geworden. Aber sind VIP-Zonen Ihre Welt?
Man passt sich an. Das gehört zu dieser Welt. Meine Bodenständigkeit habe ich meinen Eltern zu verdanken.

Wie gehen Sie mit dem Ruhm um?
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es kein Vorteil ist, berühmt zu sein. Ich lebe ja teilweise von Partnerschaften und Sponsoren. Und die schauen natürlich, wie bekannt man ist. Der Ruhm gehört zu meinem Beruf. Und wenn ich nicht damit umgehen kann, dann sollte ich eher etwas anderes machen.

Sind Sie offen?
Das kommt immer auf die Art der Leute an. Ich kann sehr offen sein, aber ich kann auch verschlossen sein. Wenn man respektvoll angesprochen wird, dann bin ich offen. Wenn nicht, dann kann ich auch mal deutlich werden.

Haben die Medien Sie immer respektvoll behandelt?
Ich glaube schon. Das einzige Mal, als sie den Respekt verloren haben, war im Jahr 2000 gewesen, als gewisse Medien suggerierten, wir seien faul. Gewisse Bilder wie jenes mit den Eselsohren, die damals publiziert wurden, waren respektlos.

Lesen Sie überhaupt noch, was über Sie geschrieben wird?
Zurück ins Jahr 2000: Ich musste gar nichts lesen, denn die Leute sind auf mich zugekommen und haben mich auf die Artikel angesprochen. Und wenn man an der Migros-Kasse stand, hat man gemerkt, wie sich die Leute um einen herum nicht wohlgefühlt haben, weil wieder etwas Negatives in der Zeitung stand. Heute lese ich etwas, wenn ich Lust dazu habe. Aber ich glaube, ich würde es gar nicht schaffen, alles über mich zu lesen. (lacht)

Da wären wir wieder beim Thema Popularität. Wir glauben, dass Sie so populär sind, weil Sie so authentisch sind. Sie zeigen Tränen, Freude, Wut. Sie sind immer Sie selber.
Ja, das ist so. Ich habe zwar versucht, gewisse emotionale Ausbrüche einzudämmen, vor allem die Frustrationsmomente. Es ist nämlich wichtig, dass man auch ein wenig Abstand nehmen kann und nicht alles ganz so wichtig nimmt.

Können Sie heute besser mit Niederlagen umgehen?
Ich bin ausgeglichener geworden, es gibt jedoch auch weniger Frustmomente als früher (lacht).

Wenn wir in sieben Jahren mit einem kleinen Jungen ein Skirennen schauen und Sie da ein Interview geben. Was sollen wir diesem Jungen sagen, wer Sie sind?
Es kann auch sein, dass ich in sieben Jahren noch fahre (lacht). Sie müssen selbst wissen, was Sie ihm sagen. Am liebsten hört sicher jeder von uns, dass er ein guter Mensch ist.

Was sind die Ziele für nächste Saison? Der Gesamtweltcup?
Das wäre kein realistisches Ziel. Mein Ziel ist nochmals eine Kugel, egal in welcher Disziplin. Ausserdem ein Sieg in Beaver Creek und nochmals in Kitzbühel zu gewinnen. Und natürlich Wengen. Aber je weniger ich über Wengen spreche, umso besser werde ich in Wengen abschneiden. Jeder glaubt, dass ich weitergefahren bin, weil ich Wengen endlich gewinnen will. Aber in meinem Palmarès fehlen noch andere Siege. Spekulieren wir, dass ich nächstes Jahr aufhöre und Wengen nie gewonnen habe – dann ist das für mich völlig okay.

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