Murat Yakin, wenn Sie Künstler geworden wären, welche Art von Kunst würden Sie ausüben?
Murat Yakin: Ich wäre wohl ein technischer Zeichner geworden, das habe ich gelernt. Ich bin mehr der Konsument als der Macher. Sehr gerne schaue ich Artisten zu, wie sie es beherrschen, verschiedene Facetten zu spielen. Aber ich als Künstler? Das kann ich mir nicht vorstellen, ich gehöre in den Fussball.

Ist Fussball nicht auch eine Kunst?
Absolut.

Und der Trainerjob?
(Überlegt lange.) Vielleicht, weil man als Trainer auch verschiedene Facetten beherrschen muss.

Die Mannschaft als Gesamtkunstwerk.
Wenn man die Handschrift des Trainers erkennt, kann man es so nennen.

Überall, wo Sie bisher Trainer waren, hat man relativ schnell Ihren «Pinselstrich» erkannt.
Schon als Profi konnte ich ein Spiel lesen. Dadurch habe ich heute den Drang, das perfekte Spiel zu erreichen. Dafür muss ich in meinen Entscheidungen kreativ und mutig sein.

Was ist denn der Fussball für Sie? Ein Spiel, Unterhaltung oder purer Ernst?
Immer noch ein Spiel, so wie ich den Fussball als kleiner Junge gesehen habe. Dass er auch Unterhaltung ist, habe ich mit den Jahren akzeptiert. Ich lasse mich auch gerne unterhalten, aber lieber im Theater.

Wie ernst sollten Ihre Spieler den Fussball nehmen?
Ich sehe bei einigen, dass sie es entweder zu ernst oder zu spassig nehmen.

An wen denken Sie?
Zum Beispiel die Degens. Man kann sie auf den Pausenhof schicken und sie spielen einfach immer weiter. Es braucht aber auch ein gewisses Verantwortungsbewusstsein, weil es am Ende nur um den Erfolg geht. Und ums Geld, Fussball ist ihr Beruf. Ich habe mir oft die Frage gestellt: Brauche ich Freude, um Erfolg zu haben? Oder braucht es Erfolg, um Freude zu haben?

Oder Freude am Erfolg.
Dieses Gleichgewicht muss jeder für sich finden.

Wie viel Freude ist bei Ihnen dabei? Sie tragen die Gesamtverantwortung.
Ich brauche die Freude, verbunden mit Ernsthaftigkeit, um den Jungs meine Ideen zu vermitteln. Ich habe es als Spieler ja erlebt: Für den Erfolg muss man nicht immer nur malochen. Freude ist die Basis des Selbstvertrauens.

Ihr Vorgänger Heiko Vogel war auch ein Kumpel für die Spieler. Bei Ihnen spüren wir, dass Sie eine gewisse Distanz wahren. Machen Sie das bewusst?
Heiko war Assistent, bevor er Cheftrainer wurde. Ich habe es unter Joachim Löw in Stuttgart erlebt, auch er ist vom zweiten ins erste Glied gerutscht. So ist es schwer, Autorität zu schaffen. Ich gehe nicht bewusst auf Distanz, das kommt wegen meiner Vergangenheit: Als Spieler fühlt man sich wohler, wenn der Trainer distanzierter ist. Ich will mir Respekt verschaffen, indem ich Bewegungsraum lasse. Ich kann nicht als Kumpel auftreten, dafür ist meine Verantwortung zu gross.

Viele sagen, im Fussball drehe sich alles nur ums Finanzielle. Welche Bedeutung hat Geld für Sie?
Jetzt oder als Spieler? (Lacht.)

Sowohl als auch …
Ich war kürzlich auf der Autobahn, da haben mich zwei, die sich ziemlich ähnlich sehen, in ihren Sportwagen überholt. Da dachte ich: Das war schon eine coole Zeit, als ich selber noch Ferrari gefahren bin. Ich habe aber auch realisiert, dass in der Schweiz das Protzen nicht gut ankommt. Anders als in Italien, wo die Fans erwarten, dass du im Ferrari und nicht im VW Polo oder Cinquecento vorfährst. Das hat mich Pflichtbewusstsein gelehrt und die Gewissheit, dass es in erster Linie um Liebe in der Familie und um Wärme im Umfeld geht. Das ist mir und Hakan in die Wiege gelegt worden und nicht die Angeberei. Geld ist Glückssache.

Sie haben als Spieler viel Geld verdient, den Knochenjob Trainer müssten Sie sich nicht mehr antun.
Nachdem der erste Profilohn auf mein Konto geflossen war, dachte ich: Wow, jetzt noch ein bisschen mehr und dann zurücklehnen. Lehnstuhl-Fussballer wurde ich auch mal genannt. Als ich meine Karriere beenden musste, hat mich der Ehrgeiz gepackt, etwas Neues zu erleben. Emotionen im Fussball sind unbezahlbar.

Haben Sie erwartet, dass der Trainerjob so anstrengend ist?
Viele Trainer, mit denen ich gesprochen habe, haben mir gesagt: Es ist härter, als du es dir erträumen kannst. Ich wollte das nicht wahrhaben und habe aus Neugier die Diplome gemacht. Immer mit dem Ziel: Irgendwann gehe ich wieder als Angestellter des FCB durch die Senftube.

Sie haben Ihren Ehrgeiz angesprochen. Und trotzdem sieht bei Ihnen alles so leicht aus.
Ich muss nicht um sieben Uhr morgens das Büro aufmachen und bis spät abends bleiben. Der Fussball funktioniert anders. Ich lebe vom Bauchgefühl und von meiner Erfahrung. Ich muss auf Knopfdruck bereit sein, wenn die Spieler, die Vorgesetzten, die Medien und die Zuschauer auf mich schauen. Unter der Woche kann man gewisse Dinge lockerer angehen, aber sobald der Schiedsrichter das Spiel anpfeift, lege ich den Schalter um.

Andere Trainer verbeissen sich richtiggehend in ihrem Job. Sie haben in St. Petersburg Zeit, Ihrer Mutter den Mantel im Hotelzimmer zu holen, obwohl der Bus abfahren sollte.
Warum soll ich gestresst sein, wenn es alle anderen eh schon sind? Ich glaube, dass es eine Fähigkeit von mir ist, über mehrere Dinge gleichzeitig den Überblick zu behalten. Ich habe früh gelernt, Verantwortung zu tragen. Für jedes Problem gibt es eine Lösung.

Wie sieht es in Ihnen aus, wenn der Schiedsrichter in die Pfeife bläst?
Es ist eine Mischung aus Genuss und der Qual, machtlos zu sein. Von der Seitenlinie hat man keinen grossen Einfluss, die Dinge werden unter der Woche einstudiert. Und wenn ich zufrieden mit der Umsetzung bin, halte ich mich zurück.

Wie zufrieden sind Sie?
Auch beim FC Basel gilt: Er ist ein Ausbildungsklub. In der Super League kann man kein perfektes Spiel erreichen. Aber man kann es immer besser machen.

Der FCB gewinnt momentan fast jedes Spiel, Sie werden überall gefeiert. Die Kehrseite des Erfolgs ist, dass Sie auf vieles verzichten müssen.
Ich weiss aus meiner Aktivzeit, welches Pensum man für den Erfolg erfüllen muss. Wer nicht selber dabei ist, kann das nicht nachvollziehen.

Haben Sie das Gefühl, etwas zu verpassen?
Klar ist es schwierig, die vielen Kontakte von früher zu pflegen. Aber das sind sich die Leute in meinem Umfeld auch gewohnt. Ich sorge schon dafür, dass es allen gut geht.

Dem Platzwart begegnen Sie mit dem-selben Respekt wie Ihrem Vorgesetzten. Woher kommt diese Bodenständigkeit?
Viele sehen in mir den Unantastbaren, aber das bin ich nicht. Solange jemand Respekt mitbringt, ist es mir so lang wie breit, wie viel er verdient. Ich muss mit jemandem an den Tisch sitzen und es lustig haben können. Am besten lerne ich die Menschen auf dem Golfplatz kennen.

Was lernt man dort?
Hämmert ein Spieler seinen Schläger gegen den Baum oder bleibt er ruhig, wenn ein Schlag misslingt?

Aus Ihnen hätte ein Psychologewerden können.
Das ist ein grosser Teil meines Jobs. Mich interessiert der Mensch hinter dem Spieler, seine Kultur, seine Vergangenheit. Mit diesem Wissen fällt es einfacher, ihn zu entwickeln.

Ein Spieler, der sich unter Ihnen enorm entwickelt hat, ist Fabian Frei. Vom Mitläufer zum Leader. Wie haben Sie das geschafft?
Es war ein Vorteil, dass ich schon bevor ich in Basel angefangen habe, die halbe Mannschaft kannte. Bei Fabian sehe ich tagtäglich im Training, dass er alles mitbringt. Die Position im Zentrum war von Anfang an eine Baustelle, die Position im defensiven Zentrum ist absolut geeignet für sein Profil.

Fabian Freis Vater Markus war Ihr Trainerausbildner. Man könnte Ihnen Befangenheit vorwerfen.
Fabian bringt alle Fähigkeiten mit, um ein Grosser zu werden. Sein Vater versteht als Ausbildner, dass es alleine um die Karriere von Fabian geht. In Luzern habe ich mit Hakan bewiesen, dass ich keine Kompromisse eingehe. Als Trainer entdeckt man auch am eigenen Bruder ganz neue Seiten.

Fussballerisch oder menschlich?
Beides. Ich war nach meiner Ankunft in Luzern erschrocken über seinen Zustand, nachdem ich sechs Jahre nicht mehr mit ihm zusammengespielt habe. Gespannt war ich darauf, wie er auf mein System reagiert, das er nicht kannte. Wir waren beide im Fokus. Im Klub musste ich klarmachen, dass es nicht um den FC Yakin, sondern um den FC Luzern geht. Wir haben diese schwierige Aufgabe erfolgreich gemeistert, indem wir unsere persönliche Angelegenheiten in den Hintergrund gestellt haben.

Machen Sie sich überhaupt Gedanken über die Risiken bei Personalien wie Hakan Yakin oder Fabian Frei?
Risiko ist ein gutes Stichwort. Ohne Risiko gewinnt man nichts, normal bleibt normal. Man muss über Grenzen hinausgehen und die Spieler sticheln.

Wie im Trainingslager mit der Dreierkette.
(Lacht.) Ein brisantes Thema ... Mir war klar, dass ich dieses System mit dieser Mannschaft nicht spielen kann. Aber: Die Jungs haben sich plötzlich über Fussball statt über irgendwelche Belanglosigkeiten unterhalten.

Haben die Spieler Fortschritte in der Auseinandersetzung mit ihrem Beruf gemacht?
Auf jeden Fall. Fussball ist nicht ein Best-of-Video von Lionel Messi auf Youtube. Mich interessiert das nicht. Es steckt viel mehr dahinter.

Hätte der Spieler Murat Yakin Freude am Trainer Murat Yakin?
(Überlegt lange.) Ja.

Wieso?
Ich vermittle den Jungs Sachen, die ich als Spieler gerne gesehen hätte.

Was würden Spieler des FC Basel antworten, wenn man sie nach der Philosophie von Murat Yakin fragt?
Das müssen Sie die Spieler fragen (lacht). Sie waren im Trainingslager ein wenig erstaunt.

Das heisst, bis im Winter hat die Mannschaft Ihre Philosophie nicht gekannt?
Als ich angefangen habe, haben viele Spieler vom Erfolg der Vorjahre gelebt. Sie mussten lernen, wieder demütig zu sein gegenüber dem Publikum, das Woche für Woche bezahlt, um sie siegen zu sehen.

Ihr Vorgänger Heiko Vogel war beliebt im Team. Gab es Probleme für Sie, sofort akzeptiert zu werden?
Was heisst beliebt? Beliebt verbinde ich mit Bequemlichkeit. Ich hatte hier in Basel einen Trainer (Christian Gross; d. Red.), der mir Tag für Tag gesagt hat, ich soll mich anstrengen.

Sie waren eher ein bequemer Spieler.
Ja, bis zum Moment, als der Schiedsrichter in die Pfeife geblasen hat. Man kann es nicht mit früher vergleichen. Ich muss meinen eigenen Weg gehen und werde nur an den Resultaten gemessen. Heute leuchtet mir ein, warum meine Trainer früher so und so gehandelt haben.

Der FCB ist ein gut geführter Klub, das Kader ist gross genug. Sind Sie vorbereitet auf eine Phase des Misserfolgs?
Muss ich auf diesen Moment warten?

Er wird wohl irgendwann kommen.
Ich denke positiv und schaue zielorientiert nach oben. Ich habe als Spieler und als Trainer immer um den Erfolg gespielt. Da kommt mir der Sommer 2005 in den Sinn …

Ja?
Köln wollte mich unbedingt verpflichten. Ich habe den Vertrag bekommen und beim Durchlesen eine Klausel entdeckt: Nichtabstiegsprämie. Es war sehr viel Geld. Aber mein Kopf hat nicht zugelassen, dass ich eine Nichtabstiegsprämie erhalten sollte.

Nach dem 4:0 in Luzern haben Sie gesagt: Wenn wir so spielen, haben wir gegen Tottenham eine Chance. Wir waren erstaunt, wie sicher Sie gewirkt haben.
Ich kenne keine Zweifel.

Was ist nun gegen Chelsea möglich?
Wenn André Villas-Boas (Trainer von Tottenham; d. Red.) sagt, er habe noch nie eine so gute Mannschaft wie den FCB gesehen, dann haben wir gegen Chelsea eine grosse Chance.

Ist die Europa League für den FCB ein Spiel ohne Grenzen?
Die Mannschaft hat grosse Qualitäten, alles ist möglich.

Dem Trainer Murat Yakin scheinen auch keine Grenzen gesetzt. Vorausgesetzt, er lernt einige Fremdsprachen.
Das stimmt, ich werde es in der nächsten Zeit angehen.

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