Das Gepäck ist eingecheckt, als Simon Ammann am Flughafen Zürich zum Gespräch erscheint. Der 34-Jährige ist unterwegs nach Finnland – zur zweiten Station in seiner 19. Weltcupsaison. Noch ist die Umstellung seiner Landung nicht abgeschlossen, die er nach seinem schweren Sturz im Januar in Bischofshofen vorgenommen hat. Dennoch strahlt Ammann Zuversicht und Tatendrang aus.

Simon Ammann, wären Sie heute noch Skispringer, wenn Ihr schwerer Sturz im letzten Winter nicht passiert wäre?
Simon Ammann: (überlegt lange) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Aber eigentlich fällt mir kein Grund ein, warum ich nicht mehr Skispringer sein sollte, wenn die Saison anders verlaufen wäre.

Seit 17 Jahren landen Sie mit dem linken Bein vorne. Jetzt stellen Sie auf das rechte Bein um. Warum tun Sie sich das an?
Eigentlich stelle ich nur zurück auf das stärkere Bein. 1998 wechselte ich nach einem Innenbandriss aufs linke Bein, das korrigiere ich jetzt. Das Erstaunliche an der Sache ist, dass es mit dem falschen Bein 17 Jahre lang funktioniert hat.

Bis zum letzten Winter …
Der Wechsel zurück sollte eigentlich die einfachere Aufgabe sein als die ursprüngliche Umstellung. Die Schwierigkeit geht darauf zurück, dass ich diese Korrektur nicht früher vorgenommen habe. Ein Muster, das sich über eine so lange Zeit eingeschliffen hat, lässt sich nicht so einfach aufbrechen. Dabei liegt das Problem eigentlich gar nicht bei der Landung selber.

Sondern?
Mit dem Wechsel auf das linke Bein habe ich unbewusst auch die zweite Hälfte meiner Flugphase verändert. Das habe ich selber erst im Herbst gemerkt, darum bin ich im Umstellungsprozess noch nicht so weit wie erhofft. Bei der Arbeit an der Landung habe ich zudem dem Absprung zwischenzeitlich zu wenig Beachtung geschenkt, sodass ich nun auch in diesem Bereich noch einige Details zu justieren habe.

Sie sind seit bald zwei Jahrzehnten im Weltcup dabei und müssen immer noch an solchen Details feilen. Müssen Sie sich als Skispringer jedes Jahr neu erfinden?
Für mich ist es extrem interessant, dass ich noch solche Defizite finde. Als ich im Frühling überlegte, wie es weitergehen soll, hat es mich sehr gereizt, herauszufinden, ob mir die Landeumstellung gelingen würde – gegen alle Schwierigkeiten. Um nicht stehenzubleiben, braucht man den Wandel bis zu einem gewissen Grad, und wenn ich an einem solchen Projekt arbeite, bin ich zu hundert Prozent bei der Sache.

Sie brauchen die Herausforderung.
Ja, die braucht man als Athlet. Ich weiss genau, woran ich arbeiten muss, deshalb bin ich mit der gegenwärtigen Ausgangslage trotz allen Schwierigkeiten ziemlich glücklich. Skispringen darf nie zur Routine werden. Jede Saison tauchen wieder junge, frische Springer auf, die stark springen.

Von aussen betrachtet wirkt das Skispringen oft extrem als Psycho-Sportart. Wie viel spielt sich beim Skispringen im Kopf ab?
Die Frage ist vielleicht eher: Wie viel anderes ist noch dabei? (Lacht.) Ein grosser Teil der Arbeit findet im Kopf statt. Ich stelle mir den idealen Sprung immer zuerst vor. Gerade in meinem Alter kann ich im Training nicht mehr unbegrenzt üben. Ich brauche mehr Erholung als früher und kann deshalb nicht mehr so viele Sprünge absolvieren.

Fliegen Sie auch im Traum?
Im Moment nicht, und da bin ich auch froh drum. Wenn es im Kopf zu drehen beginnt, dann wird es schwierig. Davon bin ich noch ziemlich weit entfernt.

Sie sagen, dass Sie mehr Erholung brauchen als früher. Wo spüren Sie sonst noch, dass Sie älter werden als Skispringer.
Der Sport hält mich jung. Natürlich brauche ich länger beim Aufwärmen. Aber ich fühle mich auch nach diesen vielen Jahren noch frisch, gerade jetzt zum Saisonstart. Ich habe einen schönen Beruf.

Sie sind seit einem Jahr Vater. Hat Sie diese Erfahrung zu einem anderen Athleten gemacht?
Meine Ausdauer wird zweifellos stärker beansprucht. Ich bin schon mehr auf den Beinen als vorher und muss noch mehr auf die Erholung achten. Es macht den Sport vielleicht nicht einfacher, aber ich geniesse die Vaterrolle sehr – auch als Ausgleich neben dem Skispringen. Mit der Familie habe ich eine schöne neue Welt entdeckt.

Inwiefern hat die Familie einen Einfluss auf Ihre Saison?
Darüber mache ich mir gar nicht so viele Gedanken. Ich bin einfach froh, dass es so ist. In Mitteleuropa haben wir den Vorteil, dass viele Weltcuporte in der Nähe sind und wir deshalb vergleichsweise oft zu Hause sein können. Die Japaner haben es in dieser Beziehung schwieriger.

Zurück zur Skisprung-Familie. Im Schweizer Team ist Ihre Nachfolge noch nicht so richtig geregelt. Wie wichtig ist Ihnen Ihr sportliches Vermächtnis?
Mir ist das wichtig. Ich würde den Stab gern auf einem hohen Niveau weiterreichen. Auch ich habe aber den Eindruck, dass die Jungen im Team noch etwas Zeit brauchen, um an die Spitze zu kommen. Ich helfe gern mit, sie vor dem öffentlichen Druck abzuschirmen und ihnen auch im Training ein gewisses Level aufzuzeigen. Das war zuletzt allerdings schwieriger als auch schon, weil ich stark mit meinen eigenen Baustellen beschäftigt war.

Der grosse Skisprung-Boom ist nach Ihren Olympiasiegen ausgeblieben. Wie erklären Sie sich das?
Die Athleten, die wegen mir angefangen haben, springen jetzt mit mir. Die nächste Generation beginnt dann vielleicht wegen ihnen ... Aber Sie haben recht, man kann nicht von einem Boom sprechen. Das Hauptproblem liegt meines Erachtens bei der mangelnden Infrastruktur. Ich bin deshalb sehr froh, dass jetzt einige Anlagen erneuert werden, wie in Kandersteg und hoffentlich auch in St. Moritz, wo noch einmal über das Budget abgestimmt werden muss. Für unseren Sport ist dieses Projekt enorm wichtig. Ich hoffe deshalb, dass ich das Abstimmungsresultat mit guten Leistungen in diesem Winter etwas beeinflussen kann (lacht).

Sie haben kürzlich eine Agentur für Sportmarketing gegründet – gemeinsam mit Ihrem früheren Konkurrenten Martin Schmitt und Ihrem langjährigen Manager Hubert Schiffmann. Ist Ihr Leben nach der Karriere damit nun geregelt?
Eigentlich ist es gefährlich: Je mehr aufgegleist ist, desto entspannter kann ich in die Zukunft blicken. Dann gibt es gar keinen Grund mehr, mit dem Skispringen aufzuhören (lacht). Im Ernst: Wir möchten andere Sportler auf ihrem Weg begleiten. Die Athletinnen und Athleten werden immer früher vermarktet, und ich bin sicher, dasswir unsere Erfahrung da einbringen können.

Mit dem Weltmeister und Weltcupsieger Severin Freund gehört einer Ihrer schärfsten Konkurrenten zu Ihren Kunden. Drücken Sie ihm jetzt die Daumen, wenn er auf der Schanze steht?
Das ist schon eine spezielle Situation. Aber an den Wettkämpfen ändert sich dadurch nicht viel, da sich primär Hubert Schiffmann um sein Management kümmert. Ich bin sehr glücklich, dass wir einen solchen Ausnahmesportler wie Severin für unser Projekt gewinnen konnten.

Sehen Sie im Sportmarketing Ihre Haupttätigkeit in der Zukunft?
Es ist ein Standbein von mehreren. Auch im Toggenburg, wo ich im Verwaltungsrat der Bergbahnen bin, hat sich in den letzten drei Jahren eine schöne Geschichte entwickelt. Wir konnten in kurzer Zeit ein Bergrestaurant und eine neue Bahn bauen und das Tourismusgebiet damit aufwerten. Der Toggenburger ist in mir drin immer noch stark verankert.

Jetzt, wo das Restaurant gebaut ist, könnten Sie ja auch noch Wirt werden – so wie Ihr Mit-Toggenburger Toni Brunner.
Ich würde wohl weniger zum Wirt taugen als zum Landwirt, weil ich gern draussen bin. Aber die Fliegerei habe ich ja auch noch, wenn ich auch noch nicht so abschätzen kann, wie weit das noch führt. Ich stecke immer noch mitten in der Airline-Theorie-Ausbildung. Dafür war zuletzt neben Familie und Sport nicht mehr so viel Platz.

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