Von Markus Brütsch aus Barcelona

Das Interview neigt sich dem Ende entgegen, als Ivan Rakitic sagt: «Meine Liebesgeschichte könnte ich für viel Geld nach Hollywood verkaufen.»

Das ist untertrieben. Sein ganzes Leben würde Stoff bieten für einen Film, der happy macht. Der von einem Jungen handelt, der im kleinen Möhlin im Fricktal aufwächst, der Legende nach in einem einzigen Spiel 18 Tore schiesst und früh zum FC Basel geht. Der Streifen würde einen vifen Schüler zeigen, der später auch ein guter Bauzeichnerlehrling ist, seine Ausbildung jedoch abbricht, um Fussballprofi zu werden. Der schon als Teenager und Schweizer Juniorenauswahlspieler von Arsenal, Chelsea und Juventus umworben gewesen ist und als 19-Jähriger ins Ausland zu Schalke 04 wechselt. Der sich entscheidet, für Kroatien zu spielen und hierzulande dafür Prügel bezieht. Der Regisseur würde zum Familienmenschen Rakitic schwenken, der die Amateure des NK Pajde aus Möhlin unterstützt, bei dem sein Vater Luka Präsident und sein Bruder und Berater Dejan ein erfolgreicher Spielertrainer ist. Der Filmemacher würde auch den früheren Schweizer Nationalcoach Ottmar Hitzfeld zu Wort kommen und ein Loblieb auf den Aargauer anstimmen lassen. Wie vor drei Wochen, als Hitzfeld zu «Spiegel-Online» sagte: «Ivan kann das Spiel lesen, den Rhythmus bestimmen und intelligente Pässe spielen.»

Und dann würde das Filmwerk dem emotionalen Höhepunkt zusteuern und schildern, wie Ivan seine Frau kennen lernt, als Captain des FC Sevilla die Europa League gewinnt und kurz vor der WM in Brasilien verkündet, dass er für den FC Barcelona spielen werde. Und der Journalist der Sportzeitung «Marca» würde enthüllen, dass Barça dafür 20 Millionen Euro an Sevilla überwiesen habe und Rakitics Fünfjahresvertrag acht Millionen Euro wert sei – pro Jahr.

Bald ist ein Jahr seit dem aufsehenerregenden Deal vorbei. Frisch geduscht erscheint Ivan Rakitic zum Gespräch mit der «Schweiz am Sonntag». Hinter sich hat er das Morgentraining in der Ciutat Esportiva Joan Gamper, dem Trainingszentrum des Klubs. Vor ihm liegen noch zwei Saisonhöhepunkte: Der Final der Copa del Rey gegen Athletic Bilbao (in der Nacht auf heute) sowie der Final in der Champions League am nächsten Samstag in Berlin gegen Juventus Turin.

Ivan, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie vor acht Tagen mit Ihrer kleinen Tochter auf dem Arm auf dem Rasen des Camp Nou standen und von 94 000 Menschen für den Gewinn der Meisterschaft gefeiert wurden?
Ivan Rakitic: Es kamen unglaubliche Emotionen hoch. Mit Basel, Schalke und Sevilla war es mir nie gelungen, Meister zu werden. Umso mehr genoss ich diesen Moment mit meiner Tochter und nachher auch mit meiner Frau. Sie war zu jeder Zeit meine grösste Unterstützung.

Ihre erste Saison für den FC Barcelona verläuft traumhaft.
Ich geniesse jeden Tag die besten Spieler der Welt. Die Organisation im Verein ist perfekt. Ich komme am Morgen mit einem Lachen und gehe nach der Arbeit mit einem Lachen. Und, so Gott will, das Schönste kommt ja noch: Der Sieg im Champions-League-Final.

Mit Barcelona als klarem Favoriten.
Nein! In einem Champions-League-Final gibt es das nicht! Juve hat sich den Final erarbeitet und verdient. Es hat unseren maximalen Respekt. Es wird schwer, in Berlin den Titel zu holen.

Sie spielen auf der rechten Seite mit Lionel Messi zusammen. Das muss ein Genuss sein.
Seine Spielweise ist einzigartig gut. Daher denken alle, es sei für mich einfach, mit Messi und Dani Alves, dem vielleicht besten Rechtsverteidiger, zusammenzuspielen. Dies kann aber genauso gut der schwierigste Job sein. Ich muss manchmal Aufgaben übernehmen, die normalerweise nicht zu meinen Pflichten gehören. Aber exakt dies macht die Stärke unserer Mannschaft aus. Jeder arbeitet für jeden.

Und für Lionel Messi.
Es wäre dumm, wenn wir dies nicht tun würden. Er ist wahrscheinlich der Beste aller Zeiten. Ich erlebe ihn täglich als flotten Typen. Der offen ist und lachen kann. Einer eben, der gut in unsere Familie passt.

Und die Aufstellung macht? Zu Beginn der Saison spielte Messi im Zentrum, Luis Suarez rechts. Dann wurde umgestellt, und es lief schnell besser. Wer war dafür verantwortlich? Trainer Luis Enrique oder Messi?
Natürlich der Trainer. Wir vertrauen ihm. Aber er ist klug genug, von Spielern, die in ihrer Laufbahn alles gewonnen haben, die Meinung einzubeziehen.

Juckt es Sie in den Füssen, wenn es einen Penalty gibt und Messi sich den Ball holt?
Nein. Klar, in Sevilla habe ich alle Freistösse und Elfmeter getreten. Wenn ich mit nach vorne ging, wurde ich gesucht und es kamen viele Bälle zu mir. Dass es hier anders ist, ist nur logisch. Ich selber hätte schon das Selbstvertrauen, die Penaltys zu schiessen. Aber wenn ich einen wie Messi im Team habe und er ihn reinhaut, freue ich mich so sehr, als hätte ich ihn selber geschossen.

Würden Sie zu den fünf Schützen gehören, wenn es gegen Juventus zu einem Elfmeterschiessen käme?
Auf der Liste bin ich die Nummer 2.

Wie können Sie von Weltstars wie Messi, Iniesta oder Xavi profitieren?
In dem ich jeden Tag genau hinschaue, was sie tun und wie sie sich verhalten.

Sie schauen sehr gut hin. Immerhin haben Sie einen wie Xavi aus der Mannschaft verdrängt. Haben Sie kein schlechtes Gewissen? Xavi ist eine Institution.
Nein, wir haben ein super Verhältnis. Ich spüre seinen Respekt. Natürlich wäre es für uns alle schön, wenn Xavi noch so spielen könnte wie mit 25 Jahren. Aber jetzt ist er 35, die Jahre sind auch an ihm nicht spurlos vorbeigezogen. Wer weiss, wie viel Xavi dem FC Barcelona und Spaniens Nationalmannschaft gegeben hat, versteht, dass alle Fussballliebhaber Xavi-Fans sind.

Der Spielstil des FC Barcelona hat sich im Vergleich zu den Zeiten unter Pep Guardiola schon etwas verändert, er besteht nicht mehr «nur» aus dem Tiki-Taka. Guardiola selber hat sogar gesagt, Barcelona sei die beste Kontermannschaft der Welt.
Die Art und Weise, wie Barcelona spielt, ist seit vielen Jahren dieselbe. Aber natürlich analysieren wir auch, welche Massnahmen der nächste Gegner erfordert. Wenn dieser zum Beispiel Räume offeriert, wäre es dumm, wenn man diese nicht zum Kontern nützen würde.

Sie tragen bei Barcelona die Nummer 4, weil Guardiola sie früher trug.
Mir wurden verschiedene Nummern angeboten. Ich entschied mich tatsächlich für die «4», weil es speziell ist, Guardiolas Nummer zu tragen. Nach dessen grossen Erfolgen ist es für mich eine Riesenehre, in dieses Trikot zu schlüpfen.

Wie schwer ist es, die Bodenhaftung zu behalten in einem Klub, der mehr als ein Klub ist – més que un club?
Für mich ist das nicht schwierig. Ich weiss, woher ich komme. Ich weiss, dass mir nichts geschenkt wurde und ich mir alles Schritt für Schritt erarbeitet habe.

Viele Barcelona-Stars leben abgeschottet ausserhalb der Metropole. Sie aber leben mit Ihrer Familie im Stadtzentrum. Wie funktioniert das?
Ja, ich bin mittendrin, statt nur dabei … Ich möchte mein privates Leben nicht zu sehr ändern wegen des Berufs. Ich habe auch zwei Hunde, gehe mit ihnen ganz normal raus. Ich spaziere mit meiner Tochter in den Park und gehe mit ihr auf die Schaukel wie jeder andere Vater auch. Es stört mich nicht, wenn dann Leute ein Foto machen wollen.

Was hat sich in Ihrem Leben verändert, seit Sie Vater geworden sind?
Alles. Ich trage riesige Verantwortung, aber im positiven Sinn.

Stimmt die Geschichte, dass es nur eine Stunde gedauert hat, bis Sie nach Ihrer Ankunft in Sevilla Ihre Frau kennen gelernt haben?
Ja, wenn wir unsere Liebesstory nach Hollywood verkaufen würden, gäbe es einen Riesenhit. Ich flog am 27. Januar 2011, kurz vor Transferschluss, nach Spanien. Es war ein Donnerstag, am Dienstag hatte ich noch mit Schalke im Pokal gegen Nürnberg gespielt und ein Tor geschossen. Ich kam um elf Uhr abends in Sevilla an und musste am nächsten Morgen die medizinischen Tests absolvieren. Die Klubvertreter des FC Sevilla hatten mich abgeholt und ins Hotel gebracht. Ich war aber aufgeregt und konnte nicht einschlafen. Denn ich hatte zu jenem Zeitpunkt einige Offerten verschiedener Vereine vorliegen. Da ging ich runter an die Hotelbar und sah die Kellnerin. Sofort habe ich zu meinem Bruder Dejan gesagt: Wir bleiben hier. Wir unterschreiben den Vertrag und die Kellnerin wird meine Frau werden. So ist es dann zwar gekommen, aber ich musste zuvor während vielen Monaten dafür kämpfen.

Gibt es noch Kontakte zum FC Basel?
Ich pflege einen guten Draht zu Herrn Heusler. Natürlich verfolge ich den Weg des FCB und freue mich, dass er schon wieder Meister geworden ist.

Können Sie sich vorstellen, Ihre Karriere in ein paar Jahren beim FC Basel zu beenden? Wie Benjamin Huggel, Alex Frei und Marco Streller?
Mal schauen, was sich ergibt. Das ist eine Idee. Aber ich habe inzwischen halt eine ganz spezielle Beziehung zu Sevilla.

Sie sind in der Schweiz aufgewachsen, haben Wurzeln in Kroatien und spielen für dieses Land, fühlen sich jetzt aber in Spanien pudelwohl und sind auch mit einer spanischen Frau verheiratet. Was bedeutet für Sie Heimat?
Wenn ich in die Schweiz und nach Möhlin komme und dort mit meiner Tochter auf demselben Spielplatz bin, auf dem auch ich gespielt habe, dann ist das Heimat. Das geht durch Mark und Bein. Was das Privatleben angeht, sind aber auch die Jahre in Sevilla ganz speziell. Ich habe hier meine Frau kennen gelernt, meine Tochter ist da zur Welt gekommen, und ich habe ein Haus gekauft. Wenn ich heute sage, ich gehe nach Hause, dann meine ich Sevilla.

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