VON MARCEL KUCHTA

Arno Del Curto, Sie sagen von sich selbst, dass Sie sich mit Ihren Spielern über deren Musik, deren Slang und deren Kleiderstil unterhalten. Ist es die Basis Ihres Erfolges, dass Sie den Puls Ihrer Jungs so deutlich fühlen können?
Ich pflege ein sehr enges Verhältnis zu meinen Spielern. Aber es ist nicht nachahmenswert.

Wieso nicht?
Es ist gefährlich. (etwas verlegen) Man muss einfach Glück haben.

Moment: Wer seit 15 Jahren mit demselben Klub so viel Erfolg hat wie Sie, der muss mehr als Glück haben.
(blickt und zeigt mit dem Finger gen Himmel). Er da oben hat mir die Gene gegeben.

Das mag sein. Aber was bewirken diese Gene?
Die Spieler wissen, dass ich von einer Sekunde auf die andere anders sein kann, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es will. Sie wissen, dass ich nur so handle, weil ich höchste Ansprüche an mich selber stelle.

Das heisst?
Ich will immer besser werden, mich immer weiter entwickeln. Die Spieler wissen, dass ich ihnen nur helfen will, weiterzukommen. Sie wissen, dass ich recht habe. Und sie wissen um die Energie, die Leidenschaft und den Spass, die ich in unsere Zusammenarbeit stecke.

Also wenn Sie nicht zufrieden sind. . .
. . . dann wissen die Spieler, dass nicht gut Kirschen essen ist mit mir. Dass sie schleunigst etwas ändern müssen.

Und das funktioniert?
Ja, mal besser, mal weniger. Wenn sie dann ein gutes Training oder ein gutes Spiel zeigen, dann zaubert das sofort ein Lächeln auf meine Lippen. Dann wissen sie, dass ich wieder zufrieden bin. Genauso sieht man es mir auch sofort an, wenn ich sauer bin. Wie während der Viertelfinalserie gegen Fribourg.

Ihre Mannschaft hat diese Serie mit 4:0 Siegen dominiert. Verstehen die Spieler, wenn Sie trotzdem sauer sind?
Ich hoffe sie wissen, dass es auch anders hätte laufen können. Nach vier Spielen hätte es durchaus auch 2:2 stehen können. Aber ich verstehe meine Spieler ja: Wenn man so oft gewinnt, wie wir das seit dem Jahreswechsel getan haben (der HCD verlor noch 2 von 18 Meisterschaftsspielen, Anm. d. Red.), dann kommt irgendwann das Gefühl, dass es immer so weitergeht. Irgendwann muss ein Rückschlag kommen, damit man wieder Fortschritte machen kann.

Bei Ihnen können sich die Spieler also nie sicher sein, woran sie sind?
Im Gegenteil. Jeder Spieler weiss ganz genau, woran er ist.

Trotzdem sind auch Sie angewiesen auf die Leistungen Ihrer Spieler.
Das ist eine falsche Frage! Ich verstehe das nicht: Das Ziel ist es ja, dass wir, ich und die Spieler, gemeinsam, den Zuschauern, dem Verwaltungsrat und den Sponsoren ein gutes Produkt abliefern. Ich habe natürlich das Glück, dass bei uns Spieler wie Reto von Arx, Sandro Rizzi oder Josef Marha und andere mein Gedankengut kennen und die ganze Mannschaft mitziehen. Sie
alle wissen, dass es keinen anderen Weg geben kann. Aber dass ich das noch erklären muss, ist eigentlich wahnsinnig. Da haben wir in der Schweiz ein kulturelles Sportproblem.

Haben die Spieler bei Ihnen überhaupt ein Mitspracherecht?
Zu diesem Thema habe ich eine kleine Anekdote: Vor ein paar Wochen war ich vor einem Meisterschaftsspiel nicht zufrieden und habe meinen Spielern als Lernprozess die Entscheidung überlassen, welche vier unserer fünf Ausländer spielen sollen.

Und?
Sie haben natürlich nichts gemacht. Da habe ich sie noch mal darauf hingewiesen: «Ich will es jetzt wissen!» Eine Viertelstunde vor Spielbeginn musste ich trotzdem selber auswählen. Da sahen sie selber, wie schwierig so eine Entscheidung ist. Aber ich frage meine Spieler schon manchmal, wenn ich bei einer Entscheidung Zweifel habe.

Aber grundsätzlich wissen Sie ja stets selber, was Sie tun wollen.
Klar. Und während des Spiels reagiere ich sowieso schnell, wenn es nicht so läuft, wie ich es gerne hätte. Ich kann in so einer Situation nicht warten. Ich will, dass wir immer gut sind. Aber es gibt durchaus auch Spiele, in welchen ich dem Schicksal seinen Lauf lasse.

Tatsächlich?
Ja, um ein Exempel zu statuieren. Um den Spielern wieder mal zeigen zu können, was sie besser machen müssen. In solchen Situationen suchen wir die Fortschritte und machen sie oft auch.

Sie gelten ja spätestens seit dieser Saison als Meister des Time-outs. Fünfmal in Serie haben Ihre Spieler kurze Zeit nach Ihren mahnenden oder aufmunternden Worten ein Tor erzielt. Eine phänomenale Bilanz.
Dass sie reagiert haben, ist normal. Aber dass sie dann gerade noch Tore geschossen haben, ist Glück! Damit meine Worte während eines Time-outs etwas fruchten, muss primär die Basis stimmen.

Und wie schaffen Sie das?
Das Wichtigste ist: Teamspirit, Teamwork sowie Training, Training und noch mal Training. Das, was während des ganzen Jahres passiert, ist entscheidend. Der Schlüssel zu alldem ist der Faktor Spass. Die Spieler müssen Freude an ihrem Job haben. Und es ist so: Wenn ich spüre, dass keine Harmonie herrscht, dann muss schleunigst etwas geändert werden.

Wie kann man seinen Spielern nach 15 Jahren immer wieder neue Ziele setzen?
Weil ich nie zufrieden bin. Darum kann ich diesen Job auch heute noch erledigen wie am ersten Tag. Ich sehe immer wieder das nächste Ziel. Ich bin noch so weit weg von meiner Idealvorstellung, dass ich noch jahrelang genügend Arbeit habe, bis ich an einen Punkt komme, wo ich nicht mehr weiter weiss.

Können Sie diese Idealvorstellung beschreiben?
Es ist eine Kombination zwischen europäischem und nordamerikanischem Eishockey. Wenn ich nur schon an die
Härte denke, die bei uns fast völlig fehlt. Mein Ziel ist es beispielsweise, die Intensität der kleineren, nordamerikanischen Eisfelder auf unsere grösseren zu übertragen.

Das ist unmöglich.
Klar! Aber man kann es trotzdem versuchen und daran arbeiten! Jeden Tag!

Da muss man als Trainer aber auch ein sehr guter Verkäufer von Ideen sein.
Man muss die Spieler überzeugen. Wir spielen ja im Training phasenweise um Klassen besser als wir je in einer Meisterschaftspartie gespielt haben.

Woran liegt das?
Ich bin meinen Spielern im Training viel näher als während der Spiele und kann sie so entsprechend pushen. Wenn wir dieses Tempo mal in der Meisterschaft umsetzen würden. . . Wahnsinn!

Das A und O bei jedem Trainer ist die Kommunikation. Wenn man seine Ideen nicht vermitteln kann, ist man chancenlos.
Das stimmt. Die Kommunikation ist der wichtigste Bestandteil im Repertoire eines Trainers. Man muss die Worte so wählen, dass man die Spieler immer begeistern kann, und sie auch mitziehen. Bei der Teamzusammenstellung sollte man darauf schauen, dass man Persönlichkeiten, starke Charaktere und ausgeprägte Siegertypen wählt. Das ist die Idealvorstellung, aber natürlich nicht immer so leicht umsetzbar. Das alles ist ein Jahresprozess.

Wie muss man sich diesen Prozess konkret vorstellen?
Ich komme im Sommer in die Kabine und schildere unsere Ziele. Dann beginnt die Arbeit. Man muss die Spieler fordern, fördern, loben, Gespräche führen und an die Grenzen gehen. Man muss das Eishockey gemeinsam leben. Wir haben keinen Job, der morgens um acht beginnt und abends um fünf fertig ist. In den täglichen diversen Trainings müssen die Spieler voll da sein. Und sie müssen aber auch lernen, nicht beleidigt zu sein, auch wenn ich sie kritisiere. Es geht mir nur darum, dass sie besser werden und dass wir unser Spiel ständig weiterentwickeln.

Erzählen Sie doch mal, wie eine dieser extremen Trainingsübungen aussieht?
Das sind Übungen, in denen die Spieler alles im höchsten Tempo ausführen müssen und dabei teilweise so extreme Radien fahren, dass das Eis nach einer Viertelstunde kaputt ist. Und dann lass ich sie dieselbe Übung noch mal auf der ramponierten Unterlage mit tiefen Rillen machen. Dabei gebe ich ununterbrochen Vollgas, treibe sie an. Nur unter solch extremen Bedingungen schaffen es die Spieler, in schwierigen Situationen Lösungen zu finden. Und das machen sie teilweise sensationell!

Sie werden immer älter, Ihre Spieler immer jünger. Haben Sie in all den Jahren einen Mentalitätswandel bei Ihren Jungs festgestellt?
Ich habe den Eindruck, dass die Computer-, Handy- und Game-Generation grössere Konzentrationsschwächen hat. Früher musste man Sachen auswendig lernen. Heute googelt man schnell etwas im Internet und findet alle Informationen, die man braucht, um sie sogleich wieder zu vergessen. Man kann sie ja jederzeit wieder abrufen. Aber: Die Leidenschaft und die Leistungsbereitschaft sind deswegen nicht geringer geworden.

Mussten Sie entsprechend auch Ihre Umgangsformen anpassen?
Ja. Früher konnte man einem Spieler noch unverblümt die Meinung sagen. Wenn man das heutzutage macht, muss man aufpassen. Ich habe als junger Bursche ein paarmal «uf’d Schnörre» bekommen. Es hat mir nicht geschadet. (lacht)

Bussen gibt es bei Ihnen keine. Wie strafen Sie Ihre Spieler?
Mit Einzelgesprächen. In diesen Momenten bin ich hart. Dann sage ich dem Spieler in klaren und deutlichen Worten, was ich von ihm erwarte. Entweder ein super Match oder ein super Training. Erst kürzlich sass einer hier im Trainerbüro, nachdem er äusserst unkonzentriert trainiert hatte. Ich bin sicher, dass er in den nächsten Trainings so viel Power auf das Eis bringt, dass er erst auf dem Parsenn oben zum Stillstand kommt. (lacht)

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