VON RAPHAEL HONIGSTEIN

Die Weltmeisterschaft in Südafrika begann ohne Wayne Rooney: Der Manchester-United-Stürmer verschlief die Fernsehübertragung von der Auslosung in Cape Town und erfuhr erst fünf Stunden später Englands Gruppengegner. «Wir kamen um 17 Uhr ins Team-Hotel, da habe ich mich ein bisschen hingelegt und bin eingeschlafen», erzählte der 24-Jährige hinterher. Schlaf ist für den Multimillionär ein echter Luxus geworden, seit im November sein erstes Kind, Söhnchen Kai, zur Welt kam. Aber Rooney wirkt auf dem Feld keineswegs müde. Mit 33 Toren in allen Wettbewerben spielt er gerade die Saison seines Lebens. Gestern beim 4:0 in Bolton, wurde er geschont. «Er kann England zur Weltmeisterschaft schiessen», glaubt nicht nur Franz Beckenbauer.

Rooneys Leistungsexplosion kündigte sich schon die ganze Spielzeit immer wieder an, erreichte jedoch zuletzt eine neue Dimension. In den vergangenen zwölf Spielen traf er siebzehnmal. Nun schwärmt die ganze Welt von ihm. «Ich sehe die anderen Nationaltrainer sehr oft», sagt England-Coach Fabio Capello, «sie sagen immer das Gleiche zu mir: Du hast einen fantastischen Spieler. Vicente Del Bosque, Giovanni Trapattoni – alle fragen nur nach Rooney.» Vom deutschen Coach Jogi Löw ist die Einschätzung überliefert, der Angreifer sei «nicht zu stoppen».

Rooney will da nicht widersprechen. «Das stimmt, ich bin momentan nicht zu stoppen», sagte er neulich, «ich bin bereit.» Er wüsste, dass England bei der Weltmeisterschaft weit kommen könnte, solange er selbst nur gut spiele. Das klang überhaupt nicht arrogant. Sondern einfach nur ehrlich.

Rooneys Aufstieg in die absolute Weltklasse hat im Wesentlichen zwei Gründe. Zum einen ist er ein Paradebeispiel für Alex Fergusons These, dass Profis früh heiraten sollten. Vergessen sind seine Eskapaden in Liverpooler Hinterhof-Bordellen und Handgreiflichkeiten in Nachtclubs; als frischgebackener Vater geht er nach eigener Aussage nicht mehr aus, sondern jede Nacht so früh wie möglich ins Bett. «Mein Lebensstil hat sich total verändert», sagt er. Wenn man sich persönlich mit Rooney unterhält, merkt man, dass die vielen britischen Zeitungsartikel über seine «neue Reife» und «Ruhe» nicht übertreiben. Aus dem etwas einfältigen, nur mit Mühe längere Sätze formulierenden Rabauken aus dem Arbeitslosenviertel Croxteth ist ein selbstbewusster, intelligenter junger Mann geworden.

Auf dem Rasen sieht man nach dem Weggang von Cristiano Ronaldo ebenfalls einen besseren, reiferen Rooney. Seine überbordende Spielfreude und Bereitschaft, für andere zu laufen, führten in der Vergangenheit dazu, dass Sir Alex ihn auf die linke oder rechte Aussenbahn abschob. Rooney gab den Ball-Lieferanten für Ronaldo und rieb sich im Dienst des Teams oft in der Peripherie auf. «Wahrscheinlich haben wir ihn falsch eingesetzt», gab Ferguson neulich zu. Ein solches Eingeständnis des Schotten ist rar.

In dieser Spielzeit aber darf Rooney als echter Mittelstürmer viel näher am Tor stehen und sich ganz aufs Toreschiessen konzentrieren. Sein Versprechen gegenüber Ferguson, in Zukunft mehr Tore mit dem Kopf zu erzielen, hat er auch schon erfüllt: Die Flanken von Antonio Valencia und Nani sind nun für ihn bestimmt, nicht mehr für Ronaldo. Seine Bewegungsabläufe im Strafraum hätten sich enorm verbessert, erklärte Ferguson, «er trainiert das auch ständig in Extraschichten». Anstatt selbst den entscheidenden Pass zu spielen, kann er nun warten und seine Kräfte besser einteilen. Der neue «Roo» ist, wenn man so will, «reduced to the max», ganz auf das Wesentliche konzentriert. In erster Linie liegt es an ihm, dass United in der entscheidenden Phase der Saison in der Premier League und in Europa weiter zu den Top-Favoriten zählt.

«Ich habe Spass am Fussball und Spass an mir selbst», sagt der Mann, für den die englischen Medien langsam, aber sicher keine Superlative mehr finden. Am Dienstag müssen sich die Bayern-Verteidiger etwas einfallen lassen, oder zumindest hoffen, dass es in der Allianz-Arena plötzlich unerträglich heiss wird: Der abergläubische Rooney müsste dann vielleicht seine schwarzen Glücks-Handschuhe ausziehen, die laut einem Kabinen-Insider mitverantwortlich für seine fantastische Form sein sollen.

«Vergessen sind seine Eskapaden in Hinterhof-Bordellen und Handgreiflichkeiten in Nachtclubs.»

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