VON FELIX BINGESSER AUS SÖLDEN

Didier Cuche, Sie sind nach wie vor der Fahrer, mit dem die Fans wohl am meisten mitfiebern und mitleiden. Hat dies mit Ihrer wechselhaften Karriere und mit Ihren vielen unglücklichen Hundertstel-Entscheidungen zu tun? Oder mit Ihrer offen gelebten Emotionalität?
Didier Cuche: Ich bin einfach authentisch. Wenn mich jemand nervt, dann sage ich es. Und ich zeige halt meine Freude und Enttäuschung. Und ich habe gelernt, den Sport zu relativieren. Man muss das, was man tut, nicht allzu wichtig nehmen. Mit zunehmendem Alter merke ich auch immer mehr, dass der Ski-Weltcup auf dieser Welt eine Nebensache ist. Wenn man einmal das Podest verpasst, ist das keine Tragödie. Ich habe viele andere Schicksale gesehen.

Wie schnell es geht, zeigt der Unfalltod von Rocksänger Steve Lee. Hat Sie das auch schockiert?
Extrem. Ich habe diese Musik von Gotthard sehr gerne. Steve Lee hat eine wunderbare Stimme gehabt. Ich war noch in diesem Sommer an einem Konzert beim Altstadtfest in Aarberg. Da bin ich mit einigen Kollegen hin. Ich bin froh, dass ich da noch dabei war. Den Gittaristen Leo Leoni habe ich im Tessin einmal kennen gelernt. Und Steve Lee habe ich in diesem Jahr am AC/DC-Konzert getroffen. Ich habe ihm die Hand geschüttelt und habe ihm zu seiner Karriere gratuliert. Das Leben ist eine verrückte Geschichte. Es heisst ja, gute Leute sterben zu früh. Bei Steve Lee konnte ich das lange gar nicht richtig begreifen. Ich dachte zuerst an einen schlechten Witz, als ich das im Radio gehört habe. Und dann war ich richtig schockiert. Und mir sind viele Gedanken durch den Kopf gegangen.

Welche?
Ich engagiere mich ja beispielsweise stark für die Stiftung Porte Bonheur, die Waisenkinder unterstützt und ihnen einmalige Erlebnisse ermöglicht. In der Woche nach den Weltcuprennen in Sölden gibt es wieder sehr viele Aktivitäten, das Programm findet man im Internet unter www.porte-bonheur.ch. Ursprünglich war da geplant, dass bei dieser Gelegenheit auch Gotthard spielen. Es hat dann aber nicht geklappt. Wer weiss, vielleicht hätte Steve Lee dann einen anderen Terminplan gehabt. So spielt halt das Schicksal. Darum mach ich gar keine Fünfjahrespläne mehr. Morgen kann alles vorbei sein.

Bei der Stiftung Porte Bonheur werden Sie auch nach Ihrer Karriere weiter aktiv sein?
Ja. Es macht Spass, für so etwas Geld zu sammeln. André Marty ist der Präsident. Er macht auch das Design für meine Rennhelme. Das ist ein Mann mit einem riesigen Herzen. Er ist selber ein Waisenkind. Kinderträume zu erfüllen, ist auch für mich das Schönste, was es gibt.

Sie sind irgendwie der Hanspeter Pellet des Skisports. Der Schwinger Pellet war in Frauenfeld der König der Herzen.
(lacht) Ich empfinde das als grosses Kompliment. Ich habe dieses Fest verfolgt. Es war herrlich, wie er seine Hosen in die Luft warf. Vielleicht hat er sich das bei mir abgeschaut. Ich mache das ja mit meinen Ski auch so.

Kennen Sie ihn?
Nein.

Vor zwei Jahren haben Sie gesagt, die Olympischen Spiele in Vancouver wären ein schöner Abschluss der Karriere. Jetzt sind Sie noch immer dabei. Ist die kommende Ihre Abschiedssaison?
Es gibt Leute, die kündigen ihren Rücktritt frühzeitig an. Marco Büchel hat das so gemacht. Das entspricht nicht meiner Art. Ich stehe jetzt nicht bei jedem Rennen am Start und denke: «Da fahre ich jetzt zum letzten Mal.» Ich glaube, das ist auch gefährlich und nicht gut für die Konzentration in diesem gefährlichen Sport. Und man setzt sich unnötig unter Druck.

Also treten Sie im Frühling nicht zurück?
Ich bin froh, dass Sie das so konkret fragen. Denn ich möchte jetzt nicht die ganz Saison die gleiche Frage beantworten. Also: Ich lasse alles offen, weil ich es selber noch nicht weiss. Ich werde das im Frühling vor dem Weltcupfinal definitiv entscheiden. Wenn man 36 ist, dann ist jede Saison ein Geschenk. Entscheidend wird sein, ob ich im Kopf noch bereit bin, diese Risiken einzugehen, und ob der Körper noch mitmacht. Weniger entscheidend werden die Resultate in dieser Saison sein.

Jetzt sind Sie aber der Methusalem des Skisports und der Senior auf der Weltcup-Tour.
Nein, das bin ich nicht. Es gibt ja noch den Schweden Patrik Järbyn. Der wird schon 42 und fährt nochmals eine Saison.

Sind Sie froh darüber?
Ach, ich hab kein Problem mit dem Alter. Ich geniesse meine Rolle als Teamsenior und helfe den Jungen in der Mannschaft gern. Die kommen immer öfter und fragen mich um Rat. Das macht mir Spass.

Aber das Freizeitverhalten und der Musikgeschmack der Jungen im Team sind schon anders?
Ich bin 36 und nicht 63.

Sie haben einst gesagt, von Jahr zu Jahr zwickt es etwas mehr im Körper und die kleinen Gebrechen werden immer mehr. Wie stark zwickt es eine Woche vor dem Weltcup-Auftakt?
Ich bin für mein Alter gut beieinander. Und ich bin froh, dass ich den Sommer über beschwerdefrei trainieren konnte. Natürlich gibt es das eine oder andere Zwicken und es knackt etwas mehr beim Aufstehen. Aber ich fühle mich sehr gut. Die Belastungen im heutigen Skisport sind enorm. Wenn man Schmerzen hat, dann fährt man mit einer gewissen Reserve. Und dann hat man schon verloren.

Zuletzt hat man ja mehr von Riesenslalom-Olympiasieger Carlo Janka und von einem möglichen Comeback von Daniel Albrecht gesprochen. Um Didier Cuche ist es ruhig geworden.
Ich habe nicht das Gefühl, dass es um mich ruhiger geworden ist in den letzten zwei, drei Jahren. Der Rummel ist immer noch gross genug. Und es würde mich nicht stören, wenn er noch etwas geringer wäre. Jetzt erwachen ja sowieso alle wieder und das Thema Ski wird wieder aktuell. Und die Leute denken natürlich, dass wir nun einen wunderbaren Sommer gehabt haben und auf der faulen Haut gelegen sind. Genau das Gegenteil war aber der Fall.

Trotzdem: Alle haben enorme Erwartungen in Carlo Janka und Daniel Albrecht. Und aus dem Schatten dieser beiden wird Didier Cuche alle überrumpeln?
Ich habe keinen Plan. Ich weiss, dass ich so hart trainiert habe wie in den letzten Jahren und dass ich einer so guten körperlichen Verfassung bin wie vor sieben oder acht Jahren. Obwohl ich jetzt 36 bin. Darum gehe ich mit einer gewissen Gelassenheit in die Saison. Vor zwei Jahren war ich in Sölden Zweiter, letztes Jahr habe ich gewonnen. In diesem Stil kann es weitergehen.

Was haben Sie sich für diese Saison vorgenommen?
Die Ziele sind hoch, wie immer. Ich fahre jetzt seit fünf, sechs Jahren an der absoluten Spitze. Das soll so bleiben. Aber es wird von Jahr zu Jahr enger. Darum zählen für mich nicht nur erste Plätze. Ich kann eine Topleistung bringen und es reicht nicht für das Podest. Da muss ich mir dann nichts vorwerfen.

Wie sind die Verhältnisse am Gletscher in Sölden?
Gut, es braucht aber noch etwas Kunstschnee. Aber die Strecke liegt mir und der Sieg vom Vorjahr gibt mir schon viel Zuversicht. Was halt auffällt, ist, dass sich die Piste stark verändert hat und der Gletscher immer dünner wird. In zwei, drei Jahren muss man das Ziel nach oben versetzen.

Spüren Sie die Veränderungen auf den Gletschern?
Ja. Mit 14 Jahren war ich zum ersten Mal auf dem Gletscher in Zermatt. Und wenn ich den Gletscher heute anschaue, ist das schon eine ganz andere Geschichte. Unabhängig der Ursachen gibt einem das schon zu denken.

Geniessen Sie denn jetzt diese Saison mehr und erleben Sie den Skizirkus bewusster als vor zehn Jahren?
Ich habe einiges erreicht und muss niemanden mehr etwas beweisen. Auch mir selber nicht. Das ist schon eine schöne Ausgangslage und das macht die Sache schon entspannter, als es in jungen Jahren war. Doch, ich kann es jetzt richtig geniessen.

Die Weltmeisterschaft findet in Garmisch statt. Eine Strecke, die Ihnen liegt. War das ein Kriterium, um nach den enttäuschenden Olympischen Spielen weiterzumachen?
Nein. Für mich ist ein Weltcuprennen so bedeutend wie eine WM. Eine WM oder Olympische Spiele sind einfach Eintagesrennen, bei denen die Tagesform entscheidend ist. Mehr nicht. Nur medial ist das halt immer ein grosses Thema.

Der erstmalige Gewinn des Gesamt-Weltcups wäre für Sie die Krönung.
Klar. Aber das Wunschkonzert findet im Radio statt. Beim Gesamtweltcup muss halt alles stimmen, da darf keine kleine Verletzung kommen, da muss man extrem konstant sein. Im letzten Jahr war ich dabei. Dann fällt man auf die Schnauze und bricht sich eine Rippe. Und später kam dann die Geschichte mit dem Daumen. Und schon ist es vorbei. Es wird auch in diesem Jahr wieder eine ganz enge Geschichte, die vielleicht wieder mit dem letzten Rennen entschieden wird. Der Gewinn des Gesamtweltcups ist immer ein Traum. Und Träume halten einen am Leben.

Hatten Sie am enttäuschenden Abschneiden bei den Olympischen Spielen lange zu knabbern?
Der Einzige, der wusste, dass es mit dieser ganzen Verletzungsgeschichte sehr schwer wird, das war ich. Von da her war ich sicher weniger enttäuscht als viele Zuschauer.

Wie sieht eigentlich das Leben des Didier Cuche nach dem Skisport aus?
Da gibt es schon einige Gespräche. Aber konkret ist noch nichts. Ich werde in irgendeiner Form dem Skisport verbunden bleiben. In einer ersten Phase wohl vor allem in der Nachwuchsarbeit. Ich diskutiere auch mit meinen Sponsoren. Aber fixiert ist noch nichts. In diese Dinge ist auch mein Bruder eingebunden. Aber eben, langfristig plane ich nichts. Vielleicht bin ich in fünf Jahren ja gar nicht mehr da.

In der Schweiz sitzen vier Frauen im Bundesrat. Ist das gut so?
Es ist keine Frage des Geschlechtes, sondern eine Frage der Qualität. Wenn sie das können, ist das gut. Im Ski-Weltcup ist es so, dass es bei den Männern mal einen Krach gibt, wenn etwas nicht stimmt. Bei den Frauen ist das schon komplizierter, wie man immer wieder hört. Wenn es zwischenmenschlich nicht zu kompliziert wird, dann sind vier Frauen im Bundesrat schon gut.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!