Herr Heldt, zu Beginn die wichtigste aller Fragen: Weshalb spielt Königsblau plötzlich in Grün?
Horst Heldt: Wir tragen in der Champions League die Stadtfarben von Gelsenkirchen; grün und schwarz. Das ist Tradition pur und ein Bekenntnis zur Stadt.

Der FC Basel hat mit der Sensation gegen Chelsea die Gruppe E so richtig lanciert. Hätten Sie diesen Coup für möglich gehalten?
Ja, denn im Fussball ist wirklich nichts unmöglich. Zudem ist der FC Basel ja nicht der typische Repräsentant der Schweizer Liga. Basel ist ein besonderer Verein, der gute Rahmenbedingungen und europäisch eine mehr als starke Mannschaft hat. Die in der Europa League zuletzt sogar im Halbfinal war. Man sollte die Qualität der Basler nicht unter den Scheffel stellen. Ich kann zum Sieg in London nur gratulieren.

Dieser hat aber den Nachteil, dass der FCB nun von den Schalkern gewiss nicht mehr unterschätzt wird.
Selbst wenn die Basler in London verloren hätten, wäre dies nicht passiert. Sie sind Serienmeister in der Schweiz und haben internationale Klasse. Ich sehe daher nicht den geringsten Ansatz, um diesen Verein zu unterschätzen. Aber natürlich schärft ihr Sieg unsere Sinne.

Sie treffen in Basel auf Marco Streller. Wie haben Sie ihn aus gemeinsamen VfB-Zeiten in Erinnerung?
Wir sind 2007 zusammen deutscher Meister geworden, er als Spieler, ich als Sportdirektor. Ich kann vor Marco nur den Hut ziehen für das, was er aus seiner Karriere gemacht hat. Er ist ein Stürmer mit enormen Qualitäten. Das hat er beim VfB gezeigt, das zeigt er jetzt im höheren Alter. Er ist ein absoluter Teamplayer, der mittlerweile auch erwachsen und FCB-Captain geworden ist. Das wird man nicht, weil man schön lächeln kann, sondern in der Lage ist, die Mannschaft zu führen und Verantwortung zu übernehmen.

Ein anderer Basler, Valentin Stocker, wurde einen Sommer lang mit Schalke in Verbindung gebracht. War das bloss ein Medienthema oder mehr?
Das war definitiv nicht nur ein Medienthema. Wir halten Valentin für einen exzellenten Fussballer von hoher Qualität. Weshalb es nicht zu einer Verpflichtung gekommen ist, darüber möchte ich im Nachgang nicht sprechen.

Der FCB wird es am Dienstag mit einem – trotz des 0:4 gegen die Bayern – erstarkten FC Schalke zu tun bekommen. Sind die Neuverpflichtungen Aogo und Boateng genau die noch fehlenden Teilchen im Schalker Puzzle gewesen?
Man kann nicht wegdiskutieren, dass wir dadurch besser geworden sind. Dank der Qualifikation für die Champions League und den Einnahmen daraus waren wir in der Lage, nachzujustieren. Mit Boateng führten wir seit längerer Zeit Gespräche und wollten ihn eigentlich schon früher nach Schalke holen. Das hat aber nicht funktioniert.

Sie haben gesagt, der Verein habe einen Oscar dafür verdient, dass es nicht die geringsten Anzeichen in den Medien für diesen 12-Millionen-Euro-Wechsel von Boateng gab.
Da freut man sich dann tatsächlich, dass so etwas so lange Zeit im Verborgenen bleiben konnte. Es ist grundsätzlich immer sinnvoll, solche Themen nicht in der Öffentlichkeit zu behandeln. Das gelingt jedoch nur selten. Wäre es in diesem Fall nicht gelungen, wäre der Transfer auch nicht zustande gekommen. Es sind immer viele Namen in der Zeitung gestanden – Boateng nicht ein einziges Mal, und das war gut.

Sie wurden für diese Transferbombe in den höchsten Tönen gelobt.
Ich gehe in mein achtes Jahr als Manager. Ich weiss daher alles gut einzuschätzen; das Positive wie das Negative. Ich bin schon oft genug gelobt worden für gewisse Entscheidungen. Und genau diese Leute haben mich 14 Tage später in Schutt und Asche gelegt.
Auf Schalke ist Fussball Religion. Bedeutet das für einen Manager mehr Fluch oder mehr Segen?
Ich glaube, dass es bei meinem Verein hier auf Schalke mehr Segen als Fluch ist. Wir erleben Fussball pur, lebendig und intensiv bis in die letzte Faser hinein. Es gibt sicher viele Vereine, bei denen alles viel unspektakulärer, ruhiger, und entspannter ist. Aber ob das auf Dauer wirklich Spass macht – ich weiss es nicht.

Laufen Sie nicht Gefahr, in einem Verein wie Schalke mit einer exorbitanten Erwartungshaltung am Druck zu zerbrechen? Wenn es, wie im Playoff-Spiel in Saloniki, um 25 Millionen Euro geht?
Bis jetzt muss ich noch keine grauen Haare verstecken. Aber dieses Spiel in Saloniki, das hat mich schon ein paar Jahre meines Lebens gekostet. Es bestand ein enormer Druck, und der Ablauf des Spiels war extrem nervenaufreibend. Es gab Phasen, als ich dachte: Es ist vorbei. Das war in all den Jahren mit Sicherheit meine schwierigste Situation.

Sie waren hautnah dabei, als Trainer Ralf Rangnick ein Burnout erlitt. Haben Sie keine Angst, das könnte auch Sie ereilen?
Es ist ein ernst zu nehmendes Thema. Man muss höllisch aufpassen, dass man solche Drucksituationen gut übersteht. Ich könnte jetzt lapidar sagen, ich hätte ja gar keine Zeit für ein Burnout; aber für solche Scherze ist das Thema zu ernst. Deshalb muss man sich die Zeit nehmen, herunterzukommen, abzuschalten und wieder Energie zu tanken.

Und das schaffen Sie?
Ab und zu. Aber es ist schwierig.

Wie viele Stunden arbeiten Sie?
Das lässt sich nicht genau sagen. Es gibt immer etwas zu tun, während sieben Tagen in der Woche. Mein Handy ist nie ausgeschaltet.

Sie können nie auch mal zwei Wochen am Stück in den Urlaub. Was sagt denn Ihre Frau dazu?
Sie kennt das seit -zig Jahren und hat hohes Verständnis für meine Arbeit. Mein dreijähriger Sohn allerdings weniger. Obwohl ihn das Fussballfieber gepackt hat und er der grösste Julian-Draxler-Fan ist, den es gibt. Er fragt mich immer, warum ich jetzt wieder arbeiten gehen müsse und ob ich nicht zu Hause bleiben könne. Das schmerzt dann wirklich, wenn ich diese traurigen Augen sehe und denke, ich möchte jetzt halt doch am liebsten bei ihm bleiben.

Wie schafft man es eigentlich, als gelernter Automechaniker Bundesligamanager zu werden?
Der Einstieg war nur möglich mit den damaligen Rahmenbedingungen beim VfB Stuttgart. Ich habe 16 Jahre Fussball gespielt. Ich habe viele Bereiche, die ein Manager zu verantworten hat, durch meine Tätigkeit selbst erlebt. Ich habe gute Trainer und ich habe schlechte Trainer gehabt. Und Vertragsgespräche habe ich mein Leben lang miterlebt. Das alles konnte ich abdecken. Mein Glück war aber, dass ich bei einem Verein mit guten, stabilen Strukturen Manager geworden bin. Mit Menschen, die meine nicht vorhandenen Kenntnisse aufgefangen haben. Ich konnte beim VfB hineinwachsen in diesen Job. Das war meine glückliche Fügung.

Aber nach knapp zwei Monaten im Amt haben Sie schon Trainer Giovanni Trapattoni entlassen. Nur wenige haben so viele Titel vorzuweisen.
Ja, aber das war unumgänglich. Als ich das Angebot bekam, Sportdirektor zu werden, hatte ich mir überlegt: Diesen Job gibt es nur 18-mal in Deutschland, und mehr als scheitern kannst du nicht. Es war eine Herausforderung, aber auch eine Riesenchance. Ich sagte: Wenn du das machst, musst du es auch konsequent machen. Ich bin im Dezember berufen worden und habe Trapattoni im Februar entlassen. Ich habe ihn für einen Ehrenmann gehalten und für einen grandiosen Trainer. Aber ich habe ihn auch sechs Monate als Spieler erlebt, ihn begleitet. Wir standen für attraktiven offensiven Fussball, aber das hat nicht mehr funktioniert. Wir haben die Leute aus dem Stadion gespielt. Und dann gehört es zur Verantwortung dazu, Konsequenzen zu ziehen und zu handeln. Und Sie können mir schon glauben, einen Menschen, egal, wer es ist, zu entlassen, das geht ans Eingemachte. Jede Entlassung tut verdammt weh und verursacht im Seelenleben eine Kerbe.

Da macht es mehr Spass, mit jungen, hochkarätigen Spielern wie Julian Draxler, Max Meyer, Leon Goretzka und Christian Clemens die Entwicklung von Schalke voranzutreiben. Woher kommt Ihre Affinität dafür?
Wir brauchen eine Mannschaft, die zum jetzigen Zeitpunkt in der Lage ist, konkurrenzfähig zu sein. Aber es gehört selbstverständlich auch dazu, ein Team zu formen, das in den nächsten Jahren eine gute Rolle spielt. Es ist uns gelungen, viele talentierte junge Spieler an uns zu binden, die über enorme Qualitäten verfügen und in der Zukunft prägende Gesichter sein werden.

Der Gedanke, mit diesen Spielern dann eines Tages das ganz grosse Geschäft zu machen, spielt dabei keine zentrale Rolle?
Wir werden immer in dieser Zwickmühle sein. Wir sind nach wie vor ein Verein, der nicht zur Gruppe gehört, die nur aus Kaufvereinen besteht. Wie dem FC Bayern, Manchester United, Real Madrid, dem FC Barcelona und Chelsea. Wir sind nach wie vor auch ein Verkaufsverein. Wir werden immer damit konfrontiert sein, auch verkaufen zu müssen. Es ist aber nicht das erste Ziel. Wir haben Goretzka nicht gekauft, damit wir ihn einmal für horrendes Geld verkaufen können. In der Liga konkurrenzfähig zu sein, das ist das vordergründige Ziel. Die zweite Komponente ist aber schon, seinen Marktwert zu steigen. Und wenn er doch mal gehen sollte, dann nicht für ’n Appel und ’n Ei.

Schalke 04 wies im ersten Halbjahr 2013 bei einem Umsatz von 85,8 Millionen Euro einen Gewinn vor Abschreibungen, Zinsen und Steuern von 13,2 Millionen Euro aus. Danach aber resultiert für diesen Zeitraum ein Minus von 7 Millionen Euro. Wie hoch sind denn die Verbindlichkeiten noch?
Wir haben das ambitionierte Ziel vor Augen, die Verbindlichkeiten bis 2018, aber spätestens bis 2020 abgebaut zu haben. Sie liegen zum jetzigen Zeitpunkt bei 165 bis 175 Millionen. Wir haben ein Stadion gebaut, das wir komplett selber finanziert haben. Und das wir jetzt zurückzahlen. Wir betreiben jedes Jahr einen hohen Aufwand an Zinszahlungen. Vor zwei oder drei Jahren lagen die Verbindlichkeiten bei 230 bis 240 Millionen, wir haben in kurzer Zeit viel getilgt.

Was wird auf Schalke los sein, wenn Sie eines Tages Draxler verkaufen?
Wir haben nicht vor, Julian zu verkaufen. Wir werden uns aber immer wieder damit auseinandersetzen müssen. Ich glaube, die Art und Weise, wie ein solcher Transfer abliefe, würde für die Akzeptanz der Fans auf Schalke entscheidend sein.

Wie hoch liegt die Schmerzgrenze?
Es wird immer wieder kolportiert, dass der Spieler eine Ausstiegsklausel hat, die im Bereich von 46 Millionen Euro liege. Dies will ich aber nicht bestätigen. Doch klar ist: Ein Draxler-Transfer würde gewaltige Dimensionen erreichen.

Ist die Fussballwelt eine verrückte?
Ja. Definitiv. Eine Parallelwelt, die viel Gutes hat. Die vieles in unserer Gesellschaft abfedert und auch Verantwortung übernimmt. Stellen Sie sich einmal Deutschland ohne Fussball vor! Das wäre eine traurige Welt. Fussball hat einen hohen Stellenwert, dem wir, so glaube ich, auch gerecht werden. Und trotz alledem ist er eine andere Welt.

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