Das Gute zuerst: Es wird keine Staatsaffäre um Ottmar Hitzfeld geben. Wie 2004 im Fall von Alex Frei, als der Stürmer nach seiner Spuckattacke gegen den Engländer Steven Gerrard zusammen mit dem Schweizerischen Fussballverband (SFV) seine Schandtat abstritt. Bis die Fernsehbilder ihn später gleichwohl als Täter überführten. Dass sich die Dinge um Hitzfeld nun nicht ähnlich unsäglich entwickelt haben wie damals, ist dem Nationalcoach selber zu verdanken. Am Tag nach seinen Fauxpas ist der 63-Jährige hingestanden und hat seine Tat gestanden.

Ein Pressefoto vom Freitagabend hatte die Verantwortlichen des SFV in Feusisberg zur Einsicht gebracht, dass eine Offensivstrategie klüger ist, als zu schweigen. Zumal davon auszugehen war, dass auch noch Fernsehbilder sowie andere Aufnahmen den Sachverhalt bestätigen würden; zu Recht, wie sich im Verlaufe des Tages zeigen sollte. An einem eigens dafür anberaumten Medientermin sagte Ottmar Hitzfeld am Samstagnachmittag im Mannschaftsquartier denn: «Es tut mir leid, die Geste war unnötig.»

Die «Geste», das war ein Stinkefinger. Präziser: der doppelte Stinkefinger; einer kurz nach dem Pausen-, einer gleich nach dem Schlusspfiff. Gemäss Wikipedia eine «obszöne Bewegung mit der Hand, bei der die geballte Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger einem Individuum oder einer Gruppe entgegengestreckt wird. Sie kann als Beleidigung gemeint sein und/oder als solche aufgefasst werden.»

Nicht erwähnt wird indes, was es auf sich hat, wird der Stinkefinger sich selber vorgehalten. Hitzfeld gibt Aufschluss: «Ich habe mir den Stinkefinger gezeigt, weil ich stinksauer auf mich selber war. Wütend, dass wir gegen Norwegen nicht gewonnen hatten. Ich glaube nicht, dass die Fifa jemanden bestraft, der sich selber den Stinkefinger zeigt.»

Hitzfeld wird selbst nicht glauben, dass ihm jemand diese abenteuerliche Begründung für seine unzweideutigen Gesten abnimmt. Diese waren nämlich zweifelsfrei an den spanischen Schiedsrichter David Fernandez Borbalan adressiert, der die Schweizer Mannschaft und ihren Trainerstab mit vielen Entscheiden zur Weissglut getrieben hatte.

«50 Prozent der ruhenden Bälle waren Geschenke des Schiedsrichters an die Norweger», sagte Verteidiger Stephan Lichtsteiner am Tag danach und versuchte gar nicht erst, seinen Ärger über die seiner Meinung nach miserable Schiedsrichterleistung zu kaschieren. «Dass unser Trainer ihm dafür den Stinkefinger gezeigt hat, ist für mich kein Problem, im Gegenteil», sagte Lichtsteiner. «Es zeigt, dass Hitzfeld zu hundert Prozent hinter uns steht.» Auf dem Foto sei die Geste nicht so eindeutig, versuchte vorerst Goalie Diego Benaglio abzuwiegeln, erkannte aber sogleich schmunzelnd die Aussichtslosigkeit seiner Bemühung. Er selbst hatte unmittelbar nach dem Spiel – genau gleich wie Hitzfeld – davon gesprochen, wie schwierig es gewesen sei, gegen zwölf Mann zu spielen. Auch Benaglio findet es «definitiv gut, wenn der Trainer emotional mitgeht.» Angesichts einer solchen Solidarität mag auch Peter Stadelmann mit seiner Meinung nicht gross ausscheren. «Es waren viele Emotionen im Spiel und der Trainer bedauert seine Geste ja auch», sagte der Delegierte der Nationalmannschaften. Natürlich sei es nicht glücklich, wenn ein Nationaltrainer, der auch ein Vorbild sein müsse, mit dem Finger arbeite, sagte Stadelmann, «aber Hitzfeld ist normalerweise besonnen und nicht bekannt für solche Dinge.»

Wobei: Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika sind nicht alle der Meinung gewesen, Hitzfelds Reaktion auf den Platzverweis von Valon Behrami im Spiel gegen Chile sei harmlos. «Mittelfinger & Spott: Hitzfeld tickt aus», hatte damals «Eurosport» über die Geste des Lörrachers an die Adresse von Schiedsrichter Al Ghamdi aus Saudi-Arabien geschrieben. Stadelmann sagte gestern zum neuerlichen Ausrutscher des Coachs: «Der Fall wird von Verbandsseite mit Hitzfeld diskutiert, die Tat aber kaum sanktioniert. Ich rechne nicht mit einem Verfahren der Fifa. Zuerst einmal muss abgewartet werden, ob sie aktiv wird.»

Ist sie schon. In einem Communiqué teilte der Weltverband mit, die Disziplinarkommission werde den offiziellen Matchbericht des Spiels an den stellvertretenden Vorsitzenden der Disziplinarkommission, Herrn Rafael Esquivel aus Venezuela, weiterleiten. Dieser werde den Fall evaluieren und nächste Schritte definieren. Der Vorsitzende der Disziplinarkommission, Herr Marcel Mathier, stehe als Schweizer nicht zur Verfügung.

Es ist zwar nicht anzunehmen, dass Hitzfeld schon am Dienstag im Auswärtsspiel gegen Island auf der Tribüne Platz nehmen muss. Um eine Sperre in den im nächsten Frühjahr stattfindenden WM-Qualifikationsspielen gegen Zypern wird er aber kaum herumkommen. Eben erst, vor zehn Tagen, hat in der Champions League René Girard, Trainer von Montpellier, seinem Gegenüber Huub Stevens von Schalke den Mittelfinger gezeigt. Er ist dafür von der Uefa mit einer Busse von 5000 Euro sowie zwei Spielsperren, die zweite für drei Jahre auf Bewährung, bestraft worden. Die gleiche Geste an die Adresse eines Schiedsrichters wird wohl härter sanktioniert werden.

Weil Hitzfeld gestern immer nur von einer einzigen Geste sprach, die Frage an ihn: «Haben Sie den Stinkefinger sogar zweimal gezeigt?» Das wisse er nicht mehr, antwortete Hitzfeld, er könne doch nicht mehr sagen, was er während eines Spiels alles mache. Eines aber wusste er mit Sicherheit: «Jeder hat in seinem Leben etwas zu verbessern.»

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!