Von Jens Weinreich*

Kann sich die Camorra reformieren? Können sich die Triaden zu einem volldemokratischen Unternehmen im Einklang mit den Gesetzen umgestalten? Die russische Mafia, die Yakuza, die ’Ndrangheta, die Cosa Nostra? Mit all diesen berüchtigten Familien und Institutionen des organisierten Verbrechens wird der Fussball-Weltverband Fifa seit vielen Jahren verglichen.

Niemand behauptet, sämtliche Fifa-Funktionäre und die Bediensteten in der Konzernzentrale auf dem Zürichberg seien korrupt. Natürlich geht die übergrosse Mehrheit ihrem Job und ihrer Berufung im Rahmen der Gesetze nach. Wahr aber ist zugleich: Die Fifa und ihre sechs Kontinentalverbände funktionieren nach Mechanismen, die auch in mafiosen Organisationen gelten. Das Selbstbedienungssystem trägt kriminelle Züge.

Die Beweislage ist erdrückend. In dieser Woche kamen knapp 300 bestens dokumentierte Seiten hinzu, Anklageschriften der US-Justiz gegen hochrangige Fifa-Funktionäre. Wer diese Papiere studiert und abgleicht mit vielen anderen Dokumenten – wie den Unterlagen zum ISL-Korruptionsprozess, den teuer bezahlten Berichten des Basler Governance-Experten Mark Pieth und ungezählten erstklassigen Recherchen in Medien auf allen Kontinenten, den grossartigen Enthüllungen der Londoner «Sunday Times» zur Korruption bei der Vergabe der Fussball-WM 2022 an Katar –, wer all das zur Kenntnis nimmt und das Denken nicht einstellt, der kann nicht ernsthaft zu einer anderen Meinung kommen.

Nur Joseph Blatter, der seit 40 Jahren bei der Fifa die Fäden zieht, ab 1975 als Technischer Direktor, ab 1981 als Generalsekretär und seit 1998 als Präsident, vertritt die These von Einzeltätern. Ein System könne er dahinter nicht erkennen, behauptete er am Sonnabend im Home of Fifa ein weiteres Mal. Es herrsche keine Unkultur in der FifaFamilie. «Definitiv nicht», sagt Blatter.

Die Welt lacht darüber. Dabei ist es doch zum Heulen.
Korruption ist der Missbrauch von anvertrauter Macht zu privatem Vorteil, so definiert es Transparency International. Diese Definition wird hier verhandelt. Das organisierte Geben und Nehmen, das Abkassieren in allen Schattierungen und Grössenordnungen läuft seit Jahrzehnten so, und all das ist hinreichend beschrieben.

«Sie haben es immer und immer wieder gemacht. Jahr um Jahr», erklärte US-Justizministerin Loretta Lynch am Mittwoch in Brooklyn bei der Vorlage der Anklageschriften, die auf 25 namentlich noch nicht genannte Mitverschwörer aus zahlreichen Ländern verweisen. Da geht es um einen Betrag von 150 Millionen Dollar. Im ISL-Bestechungsprozess wurden 142 Millionen Franken dokumentiert. Bei der WM-Vergabe an Russland und Katar geht es um ganz andere Summen. Da kassierte allein schon Marios Lefkaritis aus Zypern, Exekutivmitglied in Fifa und Uefa, mehr als 35 Millionen Euro für einen Grundstücksverkauf von einem Staatsfonds aus Katar.

Weit höher dürfte das Volumen jener Verträge sein, den die Firmenholding von Lefkaritis mit dem russischen Gaskonzern Gazprom abgeschlossen hat. Lefkaritis sagt, diese Deals aus dem Jahre 2011 hätten nichts mit seinem Abstimmungsverhalten an jenem ominösen 2. Dezember 2010 in Zürich zu tun, als Russland und Katar zu WM-Gastgebern gekürt wurden.

Natürlich. Und die Welt ist eine Scheibe.
Der Wahnsinn wird komplett, wenn man die bislang bekannten Summen mit den Erkenntnissen von Kriminalwissenschaftern abgleicht. Die deutsche Professorin Britta Bannenberg hat belegt, dass nur etwa 2 bis 5 Prozent aller Korruptionsfälle bekannt werden – maximal einer von zwanzig. Auf dieser Grundlage darf man jene knapp 300 Millionen, die allein im ISL-Prozess auftauchten und nun vor US-Gerichten verhandelt werden, multiplizieren mit dem Faktor 20, um eine Ahnung zu erhalten von der wirklichen Grössenordnung des organisierten Betruges. Es geht in die Milliarden.

Blatter ist der falsche Mann, um im Fussball-Weltverband aufzuräumen. Er hat das Zepter schon zu lange in der Hand. Er wurde vor 40 Jahren von seinem Freund Horst Dassler, dem ISL-Gründer und langjährigen Adidas-Boss, für den Job in Zürich auserwählt. Er hat das Fifa-System wie kein anderer geprägt. Er hat die dunklen Geschäfte von Figuren wie Jack Warner (Trinidad), der in den USA angeklagt wird, Chuck Blazer (USA), der bereits gestanden hat, Ricardo Teixeira (Brasilien), der wegen der ISL-Korruption zurückgetreten ist, Mohamed Bin Hammam (Katar), der auf Lebenszeit gesperrt wurde, und vielen anderen zumindest durch Untätigkeit geduldet. Ein Fall der Mitwisserschaft an einer Millionenzahlung der ISL ist dokumentiert – doch die Ethikkommission der Fifa wertete dies nur als ungeschicktes Verhalten Blatters.

Korruption hat viele Facetten und viele Begrifflichkeiten
Auch dieses, nun ja, ungeschickte Verhalten hat System. Denn Warner, Teixeira, Bin Hammam & Co. garantierten Blatter im Gegenzug für derlei Ungeschicklichkeiten auf Fifa-Kongressen riesige Stimmenpakete. Insofern ist Blatter einer der Hauptnutzniesser der Korruptionsorgien.

Es ist unerheblich, dass seine fürstlich bezahlten Propagandisten nimmermüde tönen, Blatter sei die Annahme von Schmiergeld nicht nachgewiesen worden. Korruption hat viele Facetten und viele Begrifflichkeiten, die weit über die strafrechtlichen Komponenten hinausgehen. Zumal: Auch in der Schweiz war Korruption lange Jahre nicht strafbar. Doch diese Zeiten haben sich geändert.

Die Fifa braucht Blatter nicht. Aber Blatter braucht die Fifa. Seine Jünger trompeten die Botschaft in die Welt, Blatter sei der Heilsbringer, er habe den Verband reich gemacht. Das wiederum ist keine Kunst, da die Fifa ein nach dem Vereinsrecht operierender globaler Konzern ist, der zahlreiche Steuerprivilegien geniesst und das Monopol auf den goldenen Weltpokal hat. Die Vermarktung dieses Pokals und der Fussballweltmeisterschaften ist ein Selbstläufer, keine Raketenwissenschaft.

Es hilft nur eins: Die völlige Zerschlagung
Über Fifa-Reformen wurde schon zu lange debattiert. Es ist alles gesagt. Es gibt keine neuen Argumente. Diese Fifa braucht juristische Daumenschrauben. Nur knallharte Ermittlungen und Strafandrohungen hinterlassen Wirkung. Das sollten auch all jene Schweizer Politiker endlich begreifen, die sich von Lobbyisten beeinflussen lassen, selbst für die Fifa lobbyieren und Gesetzesverschärfungen verhindern. Da muss mehr geschehen.

Auch sollten dem Weltverband (und anderen in der Schweiz domizilierten Sportorganisationen) Steuer- und andere Privilegien entzogen werden. Dies aber kratzt offenbar am Selbstverständnis der Schweizer.

Auch deshalb hilft letztlich nur eins: eine Revolution. Die völlige Zerschlagung der Fifa und ihrer sechs Kontinentalverbände. Mit komplett neuem Führungspersonal muss man von vorn beginnen. Allenfalls Personen aus der zweiten und dritten Reihe der jeweiligen Administrationen sollten übernommen werden, sofern sie einen unabhängigen Integritäts- und Qualifikationscheck bestehen. Alles andere als eine solche Radikallösung wäre wieder nur Kosmetik.

Kosmetische Operationen, verbunden mit sündhaft teuren Propaganda-Feldzügen, hat es schon genug gegeben.

* Jens Weinreich ist einer der profiliertesten deutschen Sportjournalisten. Er hat mehrere Preise erhalten und schreibt unter anderem für das Magazin «Der Spiegel».

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