Mit welcher Einstellung kommen NHL-Stars wie Sie in die Schweiz? Ist es eine Art Trainingscamp unter Wettkampfbedingungen oder eine wirkliche Herausforderung, bei der man in jedem Spiel ans Limit geht?
Henrik Zetterberg: Auf jeden Fall eine Herausforderung. Möglicherweise denken die Leute, dass wir aufgrund unseres Status als NHL-Spieler so viel besser sind als alle anderen. Aber das stimmt nicht. Man kann nicht auf einem Schlittschuh spielen und hoffen, dass man so eine gute Leistung abliefert.

Sie untertreiben. Die NHL-Stars sind eine Klasse besser als die meisten Spieler in der NLA. Da würde es nicht erstaunen, wenn man mit angezogener Handbremse spielt, um keine Verletzungen zu riskieren.
Nein, so funktioniert das nicht. Wenn man sich vor Verletzungen fürchtet, dann ist die Chance, dass man sich wirklich verletzt, umso grösser. Ich bereite mich immer optimal auf die Spiele vor – ob das jetzt für die Detroit Red Wings, für die schwedische Nationalmannschaft oder den EV Zug ist.

Wie gefällt Ihnen Zug? Im Vergleich zur hässlichen Industriestadt Detroit ist es hier ja geradezu paradiesisch, oder?
Leute, die noch nie in Detroit waren, denken ähnlich wie Sie (lacht). Aber auch Detroit hat sehr schöne Seiten. Und ich bin sicher, dass man auch hier in der Schweiz gefährliche Gegenden findet, wenn man sie sucht. Der grösste Unterschied sind die Distanzen. Ich habe, seit ich hier in Zug bin, erst einmal mein Auto gebraucht. Ins Training bin ich immer mit dem Velo gefahren. In Detroit brauche ich mit dem Auto 35 Minuten, um ins Training zu kommen. Aber Zug ist wirklich hübsch. In den vergangenen Tagen war das Wetter wunderbar, man konnte oft sogar noch draussen essen.

Kennen Sie schon die Zuger Dessert-Spezialität?
Nein. Was ist es?

Man nennt es Zuger Kirschtorte. Sie ist allerdings mit Alkohol.
Aha. Die werde ich sicher trotzdem mal probieren (lacht).

Haben Sie sich vor Ihrem Wechsel ein wenig über Zug schlau gemacht oder haben Sie sich gesagt: Ich gehe mal hin und schaue, was herauskommt?
Ich habe mich schon informiert. Damien Brunner erzählte mir, dass hier ein toller Ort sei, um Eishockey zu spielen. Auf der anderen Seite war für mich auch die Lage wichtig, die Nähe zu Zürich beispielsweise. Ausserdem sind die Reisewege in der Schweiz kurz, vor allem von Zug aus. Ich habe aber nicht im Detail recherchiert. Es macht schliesslich auch Spass, eine neue Umgebung auf eigene Faust zu entdecken.

Wieso spielen Sie nicht in Schweden für ihr Heimatteam Timra?
Wir haben den ganzen Sommer darüber diskutiert, ob ein Wechsel klappen könnte. Aber im Gegensatz zum Lockout 2004 war die Versicherungssituation diesmal anders (damals verdiente Zetterberg einen Bruchteil der 7,75 Millionen Dollar, die er aktuell kassiert, Anm. der Red.). Irgendwann kamen wir zur Einsicht, dass das Ganze wohl nicht realisierbar ist.

Haben Sie Verständnis dafür, dass sich viele schwedische Teams dagegen gesträubt haben, schwedische NHL-Spieler zu verpflichten?
Ich sehe beide Seiten der Münze. Ich verstehe die Teammanager, die nichts riskieren wollen und im Falle eines vorzeitigen Endes des Lockouts plötzlich mit abgesägten Hosenbeinen dastehen. Auf der anderen Seite ist es natürlich für uns Spieler schön, wenn wir für unsere Heimatteams spielen dürfen.

Sie haben in den ersten Spielen für den EVZ fast nach Belieben geskort. Sie müssen sich vorkommen wie ein Erwachsener in einer Juniorenliga.
Man darf das nicht überbewerten. Einerseits harmonieren ich, Brunner und Linus Omark gut zusammen. Es hat natürlich Spass gemacht, so gut zu starten, aber es ist auch viel zu unseren Gunsten gelaufen. Schon in Zürich war das anders, obwohl auch dort Brunner zwei Tore geschossen hat.

Wie stufen Sie das Niveau in der NLA ein?
Es wird hier ein ganz anderer Stil praktiziert als in der NHL. Dort ist alles viel mehr auf die Defensive fokussiert. Hier in der Schweiz ist es mehr ein Hin und Her mit offensiver Ausrichtung.

Aber das Spiel in der NHL ist doch auch physischer und intensiver, oder?
Ja, aber das hängt auch mit der Grösse des Spielfelds zusammen. Auf den kleineren Eisrinks ist es einfacher, einen Gegenspieler zu checken. Checks wie jener von Blaser gegen Ambühl sind hier sicher weniger an der Tagesordnung.

Blaser dürfte einige Spiele gesperrt werden für diesen Check. Wäre er in NHL dafür auch bestraft worden?
Schwierig zu sagen. Die Regelauslegung ist oft sehr unterschiedlich. Klar ist aber, dass man auch in der NHL alles versucht, um Angriffe auf den Kopf zu verhindern. Es ist aber auch so, dass der Spieler, der gecheckt wird, eine gewisse Selbstverantwortung trägt. Ambühl hatte den Kopf weit unten, weshalb es schwierig war, ihn nicht dort zu treffen. In der Zeitlupe sieht es schlimmer aus, als es war. Ich hoffe auf jeden Fall, dass sich Ambühl bald wieder erholt.

Sie selbst wurden während der letzten Playoffs von Nashvilles Shea Weber übel gefoult. Ihr Helm ging bei seiner Attacke an der Bande sogar zu Bruch. Ausser einer lächerlichen Busse von 2500 US-Dollar ohne Folgen für den Übeltäter.
Checks gehören dazu. Die Spieler wollen es, die Fans wollen es. Aber es gibt Sachen, die gehören nicht zum Eishockey. Und die muss man bestrafen.

Sie selbst waren 1999, als sie von den Detroit Red Wings in der siebten Runde an 210. Stelle gedrafted wurden, nicht gerade prädestiniert für eine grosse NHL-Karriere.
Im Alter von 13 oder 14 Jahren war ich ein sehr guter Spieler, doch dann begannen meine Gegenspieler zu wachsen, ich blieb immer ein schmächtiges Bürschchen. Das war eine schwierige Zeit für mich und genau in der Phase, als mich die NHL-Scouts beobachteten und befanden, dass ich aufgrund meiner körperlichen Voraussetzungen nicht genügen würde. Irgendwann haben dann aber auch meine Muskeln zu wachsen begonnen. Glücklicherweise wurde ich so noch zum «Spätzünder», sonst wäre ich nie in Detroit gelandet.

Was ist passiert, dass Sie zu einem dieser berühmten Überraschungsspieler der Wings wurden?
Ich hatte Glück, dass ich in Timra ideale Voraussetzungen hatte. Die Mannschaft spielte damals in der zweithöchsten Spielklasse und ich erhielt sehr viel Eiszeit. Das blieb auch so, als wir in die Eliteliga aufstiegen. Dann kamen die Erfahrungen in der Nationalmannschaft dazu. Ich durfte die Olympischen Spiele bestreiten, die Weltmeisterschaft. Der Entscheid der Red Wings, mich möglichst lange in Europa spielen zu lassen, war der Schlüssel zum Erfolg. Diese Erfahrungen haben mir vor meinem Schritt in die NHL viel gebracht.

Wie viele Kilo Muskelmasse haben Sie sich nach Ihrem Wechsel zu Detroit antrainiert?
Über eine Zeitspanne von fünf Jahren vermutlich etwa zehn Kilo.

Da hat Damien Brunner aber noch einen weiten Weg vor sich.
Ich habe den Eindruck, dass er ziemlich gross ist. Er steht gut auf den Schlittschuhen und bringt viel Druck auf den Stock. Er muss sicher noch kräftiger werden, aber ich denke nicht, dass das ein Problem sein wird für ihn.

Was dann?
Eher die Angewöhnung an die kleinere Eisfläche und in diesem Zusammenhang, dass man weniger Zeit hat.

Wäre es für ihn nicht besser gewesen, während des Lockouts in der AHL zu spielen? Er hat hier in der Schweiz ja nichts mehr zu beweisen und schon gar nichts mehr zu lernen.
Die AHL und die NHL sind zwei verschiedene paar Schuhe. Von diesem Standpunkt aus ist es gut, dass er immer noch hier spielt. Wenn Brunner in der NHL spielt, dann wird er in einer der ersten beiden Linien spielen und nicht in der dritten oder vierten.

Aber wäre das Management der Red Wings nicht beeindruckt gewesen, wenn Brunner von sich aus den Weg in die AHL gewählt hätte?
Wenn sie gewollt hätten, dass er in der AHL spielt, dann würde er jetzt in der AHL spielen und nicht hier.

Wie schafft man es, sich als technisch versierter Spieler im bisweilen rauen NHL-Alltag zu behaupten?
Man muss sich anpassen. Ich denke, das hat nicht einmal so viel mit der Art des Eishockeys zu tun. Es geht mehr darum, mit den Strapazen zurecht zu kommen. Die 82 Qualifikationsspiele, die weiten Reisen, die Zeitverschiebungen – das ist auf Dauer sehr anstrengend. Ich erinnere mich an mein erstes NHL-Jahr. 50 Spiele lang lief alles wie geschmiert. Plötzlich knallte ich in die Wand, weil mein Körper nicht mehr mitmachte. Hilfreich ist aber natürlich auch, wenn man, wie ich, die Gelegenheit bekommt, von Anfang an mit Weltklasse-Spielern zusammenzuspielen. Ich durfte in den ersten Spielen neben Sergei Fedorow und Brendan Shanahan auflaufen.

Müssen Sie Red-Wings-Trainer Mike Babcock über Brunners Formstand Bericht erstatten?
Wir dürfen während des Lockouts keinen Kontakt aufnehmen mit dem Trainerstab. Ich bin aber überzeugt, dass er einige Fragen haben wird, sobald die NHL-Saison losgehen sollte (lacht).

Detroit ist eine jener NHL-Organisationen, die erfolgreich wirtschaftet. Umso schwieriger muss es für Sie sein, den Lockout akzeptieren zu können.
Ich glaube, es gibt wesentlich mehr Teams, die Geld verdienen, als uns die NHL weismachen will. Acht bis zehn Teams haben sicher Probleme, mehr aber nicht. Nun müssen wir Spieler und die Liga gemeinsam einen Weg finden, um diesen Teams zu helfen. Es kann aber nicht sein, dass nur wir Spieler unseren Teil dazu beitragen.

Lohnt es sich wirklich für die Spieler, möglicherweise auf einen ganzen Jahreslohn – in ihrem Fall fast acht Millionen US-Dollar – zu verzichten? Dieses Geld werden Sie nie bekommen.
Aber man muss an die Zukunft denken. An die Spielergeneration, die nach mir kommt. Wir verdienen jetzt so viel Geld, weil sich die anderen Spieler vor acht Jahren für uns eingesetzt haben. So funktioniert das.

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