über die emotionalsten Tage seiner Karriere.
Er ist erst der zweite Schweizer Meistertrainer der Playoff-Ära. Trotzdem muss Lars Leuenberger den SC Bern verlassen. «Ich gehe mit einem reinen Gewissen», sagt er, der bereits als Assistent und als Spieler mit dem SCB Meister wurde.

Was hat Ihr Bruder Sven Leuenberger Ihnen in der Kindheit Schlimmes angetan?
Lars Leuenberger: Nichts! Warum meinen Sie?

Er hat im letzten November seinen Job als Sportchef geopfert, damit Sie Cheftrainer werden konnten.
Er hat als Kind jeweils das Gemüse gegessen, das ich nicht wollte – ich stehe also eher in der Schuld (lacht). Es ist wahnsinnig, was er in dieser Situation für mich machte. Ich wollte das zuerst nicht, aber er sagte immer wieder: «Du musst!» Am Anfang hatte ich Mühe, ihm in die Augen zu schauen. Stellen Sie sich das vor: Er war zehn Jahre lang General Manager, ist zehn Jahre lang in der Garderobe ein und aus gegangen. Von einem Tag auf den anderen durfte er das nicht mehr, sondern nur noch zuschauen. Und wegen mir musste er darauf verzichten. Das wollte ich nicht.

Wie haben Sie es geschafft, mit sich selber wieder ins Reine zu kommen?
Es waren intensive, teilweise traurige Gespräche. Ich wollte wissen, warum er das für mich tut. Seine Antwort war immer: «Ich will das so.» Ich habe Leute in der SCB-Organisation erlebt, die geheult haben, als er sich zurückzog. Und ich bin dagestanden und dachte: «Mist, jetzt bin ich schuld am ganzen Schlamassel.» Das ist nicht einfach. Aber die Zeit heilt viele Wunden. Man gewöhnt sich daran. Wobei es Ende April, wenn ich den SCB verlasse, sicher noch einmal schmerzhaft wird für uns beide.

Können Sie nachvollziehen, warum Marc Lüthi damals das Brüderpaar Leuenberger als Headcoach/Sportchef um jeden Preis verhindern wollte?
Vom Fachwissen her wäre das für Marc kein Problem gewesen. Aber es war aus politischen Gründen nicht möglich. Bei uns ist es oft so: top oder ein Flop. Entweder wird man gemocht oder eben nicht. Gegen uns gab es immer Vorbehalte. Vielleicht wegen unseres Ostschweizer Dialekts. Ich weiss es nicht. Aber ich kann Marc verstehen. Wenn es mit uns beiden nicht geklappt hätte, dann wäre auch er in Teufels Küche geraten.

Nun treten Sie ab als Meistertrainer. Wir haben Sie beobachtet bei den Jubelszenen nach der Schlusssirene in Lugano. Mit diversen Spielern erlebten Sie ganz innige Momente. Können Sie diese Emotionen beschreiben?
Gute Frage. Es ging bei uns sehr menschlich zu und her. Das war ein grosser Teil des Erfolgs.

Wie meinen Sie «menschlich»?
Es gibt den autoritären Chef, der sagt: «Ich bin der Chef und bleibe das.» Der lässt die Spieler nicht an sich ran. Das war bei uns anders. Vielleicht, weil ich vorher Assistent war. Darum war ich mehr mit den Spielern zusammen. Ich wollte mich nicht ändern.

Wie muss man sich diese Nähe vorstellen?
Ein Beispiel: Ich habe mir am Morgen vor dem letzten Finalspiel Zeit genommen für ein Gespräch mit Simon Bodenmann, der gesperrt worden war. Ich sagte ihm: «Ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht: Die schlechte ist, wir gewinnen heute Abend.» Er schaute mich mit grossen Augen an. Ich fuhr fort: «Ja, die schlechte, weil du nicht spielen kannst. Aber die gute ist: Du nimmst die ganze Ausrüstung mit. Du machst alles mit. Das Aufwärmen vor dem Spiel, Fussball spielen, als wäre alles wie immer.» Das wollte ich. Und ich spürte in seinen Augen: Er hatte Freude.

Darf ein Trainer Freundschaften mit Spielern zulassen?
Nein, das nicht. Du musst Respektsperson bleiben. Der Assistent ist Bindeglied zwischen Headcoach und Team. Es gab vielleicht den einen oder anderen Spieler, der sich nicht traute, mit Guy Boucher über gewisse Dinge zu sprechen. Die kamen dann zu mir. Und weil ich diese Rolle mal hatte, wollte ich sie nicht gänzlich aufgeben und mich abgrenzen.

Viele Meisterteams erleben auf ihrem Weg zum Titel einen Klick-Moment. Wo war der für Sie?
In jener Woche zum Ende der Qualifikation, als noch vier Spiele blieben. Wir verloren in Zürich, aber ich fühlte: Da ist Leben drin. Der Dienstag darauf gegen Genf zeigte uns: Wir können dagegenhalten, vor allem physisch. Und wir gewannen 4:1. Der grösste Klick war aber der Sieg im Penaltyschiessen gegen den ZSC im ersten Playoff-Spiel. Danach merkten die Spieler: Die Lawine geht los.

Vor dieser letzten Woche und vor der Nationalmannschaftspause verlor der SCB zu Hause 0:4 gegen Fribourg. Der Verein wollte Sie danach entlassen. Sportchef Alex Chatelain hat dies verhindert. Jetzt sind Sie Meistertrainer. Wie gingen Sie mit diesen Extrem-Emotionen um?
Die erste Frage, die ich Mitte November, als ich den Job als Headcoach übernahm, beantworten musste, war: «Warum ist es jetzt anders als vor zwei Jahren, als ich den Job freiwillig wieder aufgab?» Die Antwort war: Weil ich bereit bin. Ich war mental überzeugt, dass ich es jetzt kann. Ich wusste auch, was passieren kann. Dass ich keinen Vertrag mehr bekommen könnte. Aber ich konnte diesen Frieden von Anfang an mit mir schliessen. Ich wusste: Ich kann leben mit den Konsequenzen. Darum bin ich auch so ruhig geblieben.

Können Sie den Moment beschreiben, als Ihnen Marc Lüthi mitteilte, dass Sie keinen neuen Vertrag erhalten?
Als ich erfahren habe, dass der Verein nach dem Fribourg-Spiel die Notbremse ziehen wollte, wusste ich schon: Es wird schwierig, einen neuen Vertrag zu erhalten. Ich ahnte, wie es rauskommen würde. Als man mir den Entscheid kurz vor den Playoffs mitteilte, merkte ich, dass es Marc auch nicht einfach gefallen ist. Ich konnte es in diesem Moment auch akzeptieren, obwohl es wehtat. Klar war ich verletzt. Aber ich war es auch, der vom Verein forderte: Sobald ein Entscheid gefallen ist, will ich es wissen.

Sie haben während der Playoffs unheimlich an Profil gewonnen. Sie strahlten eine beeindruckende Ruhe aus. Während nebenan im Final beispielsweise Doug Shedden stets die Fassung verlor.
Ich bin als Mensch generell ausgeglichener und ruhiger geworden, seit ich eine Familie habe. Sie hat mich extrem gestärkt. Früher konnte ich nie verlieren. Beim «Eile mit Weile» gabs einen Schupfer ans Brett, wenn es nicht lief. Jetzt weiss ich: Es gibt mehr als Eishockey. Ich war lange impulsiv. Vielleicht habe ich das Bewahren der Ruhe von Guy Boucher gelernt. Jeder Trainer sollte das können. Wer ständig ausflippt, überträgt das auch auf die Mannschaft.

Es gibt in der Playoff-Ära nur zwei Schweizer Meistertrainer, Arno Del Curto - und Lars Leuenberger. Wie tönt das?
Allgemein bin ich froh, dass ich den Titel für alle Schweizer Trainer holen konnte. Es gibt nicht nur gute ausländische Trainer! Aber der Schweizer muss auch lernen, sich besser zu verkaufen. Selbstbewusster auftreten. Ich hoffe, dass Patrick Fischer mit der Nationalmannschaft Erfolg hat. Und, dass sich die Klubs künftig ein bisschen eingehender mit Schweizern beschäftigen.

Trotz Erfolg müssen Sie gehen: Wie können Sie den Meistertitel vergolden?
Der Meistertitel ist ein riesiger Leistungsausweis, das ist klar. Aber es ist nicht nur der Titel. Ich konnte mehr beweisen. Die Saison war die Hölle. Wir kamen nie ins Rollen. Standen immer in der Kritik. Mussten immer wieder aufstehen. Ich habe diese Mannschaft aus einer schweren Krise geführt. Das zu sehen, könnte interessant sein für andere Vereine. Ich bin nicht einfach gekommen, als es lief, sondern ich musste Krisenmanagement machen. Und das ist das Schwierigste.

Eigentlich kann es für Sie jetzt nur noch abwärtsgehen. Sie sind mit dem grössten Klub mit den meisten Zuschauern Meister geworden.
Ja, richtig. Aber jeder Job gibt dir eine andere Challenge. Vielleicht übernehme ich einmal einen Klub, der um die Playoffs spielt. Für diesen Klub wäre das Erreichen der Playoffs das Highlight. Aber klar: Den Höhepunkt mit 17 000 Zuschauern pro Spiel, einem grossen Verein, tollen Spielern in einer Stadt, die hockeyverrückt ist, diesen Höhepunkt habe ich erlebt. Ich kann mit einem reinen Gewissen diesen wunderschönen Abschluss feiern. Ich durfte so viele tolle Dinge erleben in Bern. Nicht nur diesen Titel. Ich wurde als Spieler mit Bern Meister, als Assistent mit Bern Meister und als Trainer mit Bern Meister. Hat es das überhaupt schon einmal gegeben, irgendwo im Leben? Hat das schon mal jemand geschafft?

Also zählt für Sie das grosse Bild viel mehr als dieser eine Titel jetzt?
Ja. Ich bin so vielen Leuten hier so dankbar. Natürlich bin ich enttäuscht, dass ich gehen muss. Aber jetzt soll keine Abrechnung stattfinden. Ich bin dem SC Bern dankbar, dass ich überhaupt vor zehn Jahren als Novizen-Trainer anfangen durfte.

Wissen Sie schon, wie es weitergeht?
Nein, ich werde in den kommenden Tagen und Wochen Gespräche führen. Wir wissen alle, dass die Möglichkeiten in der NLA begrenzt sind. Lausanne ist noch offen, Kloten wird vielleicht offen, ein U20-Nationaltrainer wird gesucht. Ich muss mir gut überlegen, was ich machen will. Vor allem, was das Beste ist für meine Familie. Ich werde nie den Preis bezahlen für meine Familie. Das ist das Wichtigste.

Ist es eine Option für Sie, abzuwarten und nach dieser ganzen emotionalen Geschichte eine Pause einzulegen?
Das würde ich gerne. Aber im Gegensatz zu einigen Fussball-Trainern kann ich mir ein allzu langes Sabbatical schlicht nicht leisten. Ich habe eine Familie zu ernähren.

Würden Sie auch stempeln gehen?
Ja klar. Jeder hat dieselben Rechte. Ich finde, da muss sich niemand schämen.

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