Die Schweizer waren längst wieder in ihrem Hotel und hatten das Abendessen eingenommen, als das so wichtige Resultat aus Podgorica eintraf. 1:1 hatte Montenegro zu Hause gegen Bulgarien gespielt. Ein Ergebnis, das nach dem 2:2 der Schweizer in England in der Gruppe G alles beim Alten lässt. Wenigstens, was den Sechspunkterückstand betrifft, den die Schweizer drei Spieltage vor Abschluss der Qualifikation noch immer zu den Osteuropäern aufweisen.

Und so konnte am späten Abend bilanziert werden: Die Schweizer hatten mit ihrem frischen und beherzten Auftritt im Wembley zwar etwas fürs Image, aber nicht viel für eine merkliche Verbesserung ihrer Aussichten in der EM-Qualifikation getan. Es sieht nun so aus, dass sie die verbleibenden drei Partien gegen Bulgarien, in Wales und gegen Montenegro alle gewinnen müssen und dabei erst noch auf weitere Punktverluste der Montenegriner angewiesen sind.

Doch ungeachtet der Situation in der EM-Ausscheidung darf die Schweizer Nati auf einen guten Abend in Englands Hauptstadt zurückblicken. Wäre der Schrägschuss des Debütanten Admir Mehmedi in der Nachspielzeit nicht ganz knapp am Tor vorbeigeflogen, die Schweizer Vorstellung wäre gar eine perfekte geworden. Und gleichwohl: Wie sich die beiden Neulinge und Einwechselspieler Innocent Emeghara und Mehmedi gegen die hochkarätige englische Abwehr diese Torchance herausgearbeitet hatte, darf durchaus als Symbol für den Neuanfang der Schweizer Mannschaft betrachtet werden.

Auch wenn die Schweizer Tore bei den beiden Freistössen von Tranquillo Barnetta innerhalb von drei Minuten zur 2:0-Führung (32./35.) durchaus etwas glückhaft und mit gütiger Mithilfe des Gegners zustande gekommen waren, ist das Unentschieden vor 84459 Zuschauern gewiss nicht gestohlen. Selbst wenn die Gäste nicht viel dafür konnten, dass Darren Bent seine hundertprozentige Torchance nach 71 Minuten nicht genützt hatte, verdienten sie sich die Punkteteilung durch eine gute Leistung.

Dass Bent zuvor eine weitere vorzügliche Möglichkeit ausgelassen hatte, war indes nicht Schweizer Glück, sondern das Verdienst des erstklassig reagierenden Goalies Diego Benaglio gewesen. Überhaupt hatten die Schweizer mit einigen wenigen Ausnahmen stark und konzentriert verteidigt; einzig Johann Djourou hinterliess nicht immer einen sattelfesten Eindruck und konnte froh sein, nicht mit einer zweiten Verwarnung vom Feld gestellt worden zu sein. «Die Freude überwiegt, dass wir einen wichtigen Punkt geholt haben. Das 2:2 ist redlich verdient. Gut, wenn wir mit 2:0 in die Halbzeit gehen, sieht es vielleicht am Ende anders aus», sagte der Schweizer Coach Ottmar Hitzfeld.

Auch wenn sich die Schweizer allesamt mit dem 2:2 zufrieden zeigten, so wird ihnen heute und in den nächsten Tagen vielleicht doch bewusst werden, dass sie wohl so nahe wie noch nie am ersten Sieg in England standen. Dass es nicht reichte, obwohl ihnen erstmals mehr als ein Tor auswärts gegen diesen Gegner gelungen war, hatte gewiss auch etwas mit der fehlenden Cleverness zu tun. Eine Cleverness, die Barnetta mit seinen perfiden Freistössen – waren sie als Flanken oder als Schüsse gedacht? – zwar gezeigt hatte, die im Defensivverhalten aber mit diesen zum Teil noch unerfahrenen Spielern noch nicht vorausgesetzt werden darf. Vor dem Anschlusstreffer hatte der sonst ansprechende Granit Xhaka den Ball verloren, daraufhin Djourou seinen Arsenal-Teamkollegen Jack Wilshere von den Beinen geholt. Und Frank Lampard die Gelegenheit, mit einem Penalty auf 1:2 zu verkürzen, genützt.

Dass die Schweizer nach dem schnellen 2:2 (51.) der Engländer nach der Pause dann nicht die Kontrolle über das Spiel verloren, sondern in der Schlussphase noch einmal zulegen konnten, lässt auf eine gute Mentalität dieser Mannschaft schliessen.

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