Der Chef kommt mit dem Velo. Es ist 10 Uhr morgens in Zürich, als Uli Forte mit einem freundlichen «Buongiorno» grüsst und in Richtung Trainingsplatz fährt. Es ist sein erstes Training als neuer Chef des FC Zürich. Gut 70 Zuschauer machen sich vor Ort ein Bild. Natürlich sind auch Ancillo, Heliane und Kookie Canepa da. Nur beim Hund sind keine Sorgenfalten zu erkennen.

Der FCZ ist Tabellenletzter. Der erste Abstieg seit 1988 droht. Und falls es tatsächlich noch immer jemanden geben sollte im Verein, der nicht begriffen hat, worum es geht, so muss er nur an die Wand beim Eingang zur Garderobe schauen. Mit gelber Schrift auf blauem Grund prangt dort: «No 3 Spiel: Jedes wichtiger als de Cupfinal!!»

Forte spricht im Training viel mit seinen Spielern. Auf sechs verschiedene Sprachen. Die Defensivarbeit steht im Fokus. Wenn einer den Ball vor dem eigenen Tor zu wenig schnell wegdrischt, ruft Forte: «Rote Zone! Nicht in Schönheit sterben!» Am Ende der gut 100minütigen Einheit versammelt er das Team. Und sagt: «Selbst Real Madrid und Barcelona machen Fehler. Auch wir dürfen Fehler machen. Entscheidend ist, wie wir darauf reagieren!» Präsident Canepa steht ganz dicht beim Team und bei Forte. «Das stört mich nicht», behauptet der Trainer. Auf dem Nebenplatz spielt gerade der FC Red Star 3 gegen Wiedikon 2. Red Star, der Ex-Verein von Forte, verliert 2:5. Fortes Spieler müssen es am Montag gegen St. Gallen besser machen.

Am Freitag hat sich Forte beim Team vorgestellt. Am Nachmittag organisierte er einen ersten Motivations-Event. Die Mannschaft ging zum Gokart-Fahren. Es war ein Anlass in lockerem Rahmen. Einige Spieler mussten zwar, von der Spontaneität überrascht, andere Termine verschieben, dazu verspätete sich auch noch der Bus um eine halbe Stunde. Aber vielleicht hat das «Vollgas-Programm» auch dazu geführt, dass Forte nun sagt: «Ich sah auf dem Platz ein befreites Team.»

Szenenwechsel. Es ist Freitagabend. Es ist der 13. Mai. Zehn Jahre nach dem legendären Titelgewinn des FCZ in Basel in der 93. Minute. Die In-memoria-Party im Zürcher Volkshaus ist rauschend. Das Spiel wird – zur gleichen Zeit wie damals – noch einmal in voller Länge gezeigt. «Wir führen schon!», ruft ein Fan dem anderen zu, «wer hat das Tor gemacht?», fragt dieser zurück. Die Partygänger geniessen die Stunden der Wirklichkeitsflucht. Als Iulian Filipescus Treffer fällt, jubeln die Fans, als wäre es live. Bierdusche inklusive.

Rettung in der 93. Minute?
Um 22 Uhr folgt der emotionale Höhepunkt des Abends. Die Stars von damals betreten die Bühne. Es sind einige gekommen. Auch Sportchef Fredy Bickel, Steve von Bergen oder Florian Stahel, die längst bei der Konkurrenz unter Vertrag stehen. Andere wie Inler, Raffael oder Abdi schicken Videobotschaften. Für keinen ist die Situation spezieller als für Stahel. Der Held von damals spielt aktuell mit Vaduz im Abstiegskampf gegen den FCZ. Die Fans feiern ihn trotzdem ohne Ende. Natürlich hat auch Iulian Filipescu einen Auftritt am Mikrofon. «Dieses Tor in der 93. Minute, das war alles die Idee von Assistent Harry Gämperle», ruft er in die Menge, «er hat gesagt, wir sollen so lange warten.»

Auch Alain Nef ist da. Er ist der einzige FCZ-Spieler, der sowohl 2006 als auch 2016 im Team steht. Viele Fans schätzen es, dass er sich trotz der misslichen aktuellen Lage Zeit nimmt für den Besuch dieser 93.-Minute-Party. «Es wäre schlimmer gewesen, mein Gesicht nicht zu zeigen», sagt er. Die Jubelszenen hält er mit dem Handy fest. «Das alles hat bei mir Gänsehaut ausgelöst.» Es kommt zu einer speziellen Begegnung. Mit dem Fan, der nach dem 0:4 gegen Lugano bekannt wurde wegen seiner wütenden Rufe, die auf Video festgehalten und überall zu sehen waren. «Bitte, bitte Alain», ruft er ins Mikrofon, «gebt alles in St. Gallen.» Die Menge jubelt. Nef nimmt die Gewissheit mit, «dass die Fans hinter uns stehen». Er will diese Gewissheit seinen Teamkollegen weitergeben. Zum Schluss sagt er: «Damals wie heute, das waren Extremsituationen.» Es sind solche Situationen, die in Erinnerung bleiben. Den Spielern. Und den Fans. Der Grat zwischen Göttern und Versagern ist manchmal schmal. Fredy Bickel, heute Sportchef von YB, sagt: «Bei allem Respekt für die anderen Vereine: Ein Abstieg des FCZ wäre der schlimmstmögliche Fall für den Schweizer Fussball.»

Das Training beim FCZ ist zu Ende. Der neue Assistent Ludovic Magnin ruft den Spielern zu: «Schön sauber putzen, die Schuhe!» Ein bisschen Lachen hilft im Abstiegskampf bestimmt. Uli Forte sagt: «Wir müssen keine Angst haben. Wir dürfen mutig sein. Dann werden wir belohnt.»

Bis dahin ist es noch ein steiniger Weg. Wie es geht, sagt ein Fan im Volkshaus, die rauschenden Meister-Gesänge noch im Ohr: «Mein FCZ schafft den Ligaerhalt. Am liebsten am letzten Spieltag gegen Vaduz dank eines Tores in der 93. Minute.»

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