Er ist ein Mann für Dinge, die ein Kaiser nicht selbst macht. So beschreibt der «Spiegel» Fedor Radmann, den mutmasslichen Strippenzieher hinter dem Skandal um die WM 2006. Radmann, ein Busenfreund des Fussball-Kaisers Franz Beckenbauer, soll die Weltmeisterschaft dank einer schwarzen Kasse nach Deutschland geholt haben. Die dunkle Seite des Sommermärchens.

Was nur die wenigsten wissen, Radmann lebt seit fast zehn Jahren in der Schweiz, im 6000-Einwohner-Dorf Teufen, einem Idyll in Appenzell Ausserrhoden. Im «Spiegel» äusserte sich Radmann nicht zu den Korruptions-Vorwürfen. Die «Schweiz am Sonntag» erreichte ihn gestern Samstagmittag zu Hause: «Ich habe ein absolut reines Gewissen», sagt der 71-Jährige. Auch seinen Trauzeugen und langjährigen Freund Beckenbauer nimmt er in Schutz: «Er ist sauber, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.» Das wird Beckenbauer aber kaum vor einem Verfahren der Fifa-Ethikkommission schützen, das schon oft auf Medienberichte reagiert hat.

Von den Schlagzeilen, die um den Globus gehen, will Radmann im beschaulichen Appenzellerland nichts wissen. «Uns geht es hier hervorragend», sagt er. Die Weltpresse könne er nicht ernst nehmen und verweist auf den Deutschen Fussballbund (DFB), der die Vorwürfe des Spiegels «vehement» zurückweist. Nur gegenüber «Sky Sports News» ergänzte Radmann gestern, dass er unter Eid aussagen würde, dass keine Stimmen gekauft wurden.

Am Freitag berichtete der «Spiegel», das deutsche Bewerbungskomitee für die WM-Vergabe habe frühzeitig eine schwarze Kasse mit zehn Millionen Franken eingerichtet. Gefüllt habe diese Kasse der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus. Das Geld soll eingesetzt worden sein, um sich Stimmen der asiatischen Vertreter im Exekutivkomitee der Fifa zu sichern. Eingeweiht gewesen seien Franz Beckenbauer später auch Wolfgang Niersbach, der heutige DFB-Präsident – und natürlich der Mann für alle Fälle: Fedor Radmann. Zu seinen grössten Talenten gehörte es, dass man von seiner Arbeit nicht viel mitbekam, schreibt der «Spiegel». Die Branche verpasste ihm den Spitznamen «Schiebor». Ein Kenner des Deutschen Fussballs sagt zur «Schweiz am Sonntag», Radmann sei mit allen Wassern gewaschen – mit Weih- aber auch mit Abwasser.

Radmann ist nicht die einzige Spur, die in die Schweiz führt. Um das von Louis- Dreyfus zugeschanzte Geld heimlich zurückzahlen zu können, brauchten die Deutschen eine glaubwürdige Geschichte. Der Vorwand war schnell gefunden: Das Geld sollte vordergründig einem Kulturprogramm der Fifa zugutekommen. Tatsächlich plante der Weltverband damals eine grosse Gala in Berlin. Einen Tag vor dem Eröffnungsspiel in München sollten Popstars zusammen mit Tausenden Statisten das Gastgeberland ins beste, bunteste Licht rücken. Voraussichtliche Kosten: 22 Millionen Euro. Doch noch fehlte ein mächtiger Mittelsmann innerhalb der Fifa. Den fanden Beckenbauer und Radmann laut «Spiegel» im Aargauer Urs Linsi, dem damaligen Generalsekretär des Weltverbandes und späteren Präsidenten des Grasshopper-Clubs.

Linsi soll den Deutschen das Konto bei der BNP Paribas in Genf genannt haben. Ein Fifa-Konto, das womöglich extra für diskrete Geldflüsse eingerichtet worden war. Im Januar 2006 schrieb Linsi an Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, man müsse «schweren Herzens» auf die Gala verzichten, wegen der «ungelösten Rasenproblematik». Sicher ist: Die Gala fand nicht statt. Die 10 Millionen Franken flossen dennoch.

Die mutmassliche Verwicklung Linsis überrascht Nationalrat Roland Rino Büchel (SVP/SG) nicht. Büchel war zu jener Zeit selbst für das Fifa-Marketing im Einsatz. «Mit Urs Linsi baute Blatter auf einen bedingt fähigen Generalsekretär, um das bewährte Korruptions-System zu erhalten», sagt er. Blatter hätte Linsi nie ein Spitzenamt geben dürfen.

Linsi war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Gegenüber dem «Spiegel» verwies er auf seine Geheimhaltungspflicht. Für das Nachrichtenmagazin ist es allerdings schwer vorstellbar, dass Linsi so etwas im Alleingang gewagt hätte. Steckte das dahinter, als Blatter im Juli 2012 die aufflammende Kritik der Deutschen an ihm mit nur einem Satz so gut wie erstickte? «Gekaufte WM ... Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verliess.» Danach war Ruhe im deutschen Lager. Heute erzittert die Fussballwelt.

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