Es ist der Tag nach dem 2:5Debakel gegen Frankreich. Porto Seguro feiert «São João», das Fest zur Sommerwende. Die Sonne scheint. Das Meer ist ruhig. Vieles könnte so schön sein. Es ist eine Stimmung, die so gar nicht zu den Schweizer Fussballern passt.
Kurz nach Mittag tritt Ottmar Hitzfeld vor die Medien. Er muss die Blamage gegen Frankreich erklären. Er flüchtet sich in Allgemeinplätze. In Floskeln. «Ich will das Spiel nicht dramatisieren», sagt er. Er bemüht den Teamgeist. Beschwört die Hoffnung. Sein bester Satz: «Ich als Trainer übernehme die Verantwortung.»

Die bisherige WM ist ein Genuss. Die Spiele sind attraktiv, leidenschaftlich und temporeich. Es gibt viele Tore. Beste Unterhaltung für die Zuschauer. Auch dank der Schweiz. In der Rolle des Verspotteten. Nichts anderes wäre verdient.
Zehn Tage nach dem Eröffnungsspiel lautet die Feststellung: Es ist eine WM des Herzens, nicht des Kalküls. Belohnt wird, wer Leidenschaft zeigt, Feuer ausstrahlt, 90 Minuten kämpft und rennt. Wer aufs Tempo drückt, vor allem nach Ballgewinnen.

Es ist der Fussball der Gegenwart. Costa Rica wird belohnt dafür. Chile und Kolumbien ebenfalls. Auch die Holländer machen vieles richtig. Ihre Trainer gebaren sich alle so, als stünden sie ebenfalls auf dem Platz. Sogar der holländische «General» Van Gaal lässt seinen Emotionen freien Lauf.
Der Trend hat sich im Klubfussball abgezeichnet. Atletico Madrid erreichte eben mit Diego Simeone, diesem Vulkan an der Seitenlinie, den Champions-League-Final. Dortmund mit Klopp vor einem Jahr ebenfalls. Die Bayern waren so lange unantastbar, wie Pep Guardiola an der Seitenlinie die Energie hochhielt.

Bei der Schweiz ist alles anders. Sie spielt ohne Feuer und Leidenschaft. Ängstlich. Nervös. Nie überraschend. Sie ist auf dem Platz das Abbild ihres Trainers Hitzfeld. Bezeichnend, dass die einzige Aktion im Turnier, in der das anders war – das Tackling und der Sturmlauf von Behrami – zum Sieg gegen Ecuador geführt hat. Dumm nur, dass dieses Siegtor bei einigen Beobachtern, und wahrscheinlich bei den Schweizern selbst, dazu führte, die vielen Fehler zu übersehen.

Die Schweiz zahlt den Preis für ihre Vorhersehbarkeit. Seit Jahren ist sie im 4-2-3-1 aufgestellt. Sie ist auf Sicherheit bedacht. Das mag ihr in Spielen gegen Albanien oder Norwegen Stabilität verleihen. Aber ein Klasseteam wie Frankreich weiss: Es muss nur etwas Geduld haben. Dann kommen die Fehler automatisch. Einen Plan B hat Hitzfeld nicht. Das war schon in Südafrika so. In Brasilien ist ihr Spiel fast gänzlich frei von Tempo. Es ist Fussball aus der Vergangenheit. Der Trainer hat es verpasst, dies rechtzeitig zu korrigieren.

Die Personalpolitik von Hitzfeld ist das beste Beispiel für sein Zögern und seine Vorsicht. Er lässt einen Kasami zu Hause, weil er zu unbequem werden könnte. Dabei ist er genau einer jener Spieler, die den heutigen Fussball verkörpern. Mit Fabian Schär demontiert Hitzfeld den besten Innenverteidiger, den die Schweiz seit der Ära Yakin/Müller hatte. Ein bisschen Risiko ist offenbar nicht erwünscht. Als Hitzfeld nach Schär gefragt wird, antwortet er: «Wenn Schär gespielt hätte, würden Sie fragen, warum Senderos nicht spielt.»

Ist es nur Zufall, dass Valentin Stocker beim FC Basel derart viel bessere Leistungen zeigt als mit der Schweiz? Hitzfeld sagte einmal: «Im Nationalteam hat Stocker seine Emotionen besser im Griff.» Ja, natürlich. Aber ohne Emotionen ist Stocker ein Spieler ohne Wert.
Seit Jahren hält Hitzfeld an Xhaka im offensiven Mittelfeld fest. Dabei sieht jeder, wie überfordert er ist. Die mangelnde Kreativität im defensiven Mittelfeld lässt Hitzfeld kalt. Wann hat Dzemaili einmal eine echte Chance erhalten?

Genau genommen gab es anderthalb Spiele, in denen die Schweiz so leidenschaftlich spielte, wie das an dieser WM eigentlich von Nöten wäre. Gegen Brasilien beim 1:0 im Testspiel. Und während 50 Minuten gegen Island beim legendären 4:4. Letzteres hat Hitzfeld gar nicht gefallen. Natürlich gab es damals Fehler. Aber welche Mannschaft kann schon von einem Tag auf den anderen ein Spiel spielen, das sie sonst nicht darf? Genau darum ist auch gegen Honduras ein Krampf zu erwarten.

Die Mischung im Team scheint eigentlich ideal. Leidenschaft müsste kein Fremdwort sein. Nur fragt man sich, wie viel Leidenschaft ihr Hitzfeld mit seiner unterkühlten Art wegnimmt. Spürt er den Puls der Mannschaft? Erreicht er einen Xherdan Shaqiri wirklich? Warum spielt Shaqiri im Verein mit so viel Feuer und ist im Nationalteam nur noch ein Ärgernis? Wie kann es sein, dass die Schweiz bei einem 2:5 keine einzige gelbe Karte kassiert? Dass sie sich abschlachten lässt, als ginge sie das alles nichts an? Dass Giroud von Bergen kaputt treten darf und danach niemand ein Zeichen setzt gegen ihn?

Der letzte Eindruck zählt. So ist das im Leben. So ist das im Fussball. Es ist Hitzfeld zu wünschen, dass ihn sein Team noch einmal rettet. Dass es ihrem Trainer wenigstens noch einen grossen Auftritt schenkt. Einen, bei dem er sich nicht schämen muss. Einen, bei dem seine eigenen Fehler überdeckt werden.

Ansonsten muss Hitzfeld plötzlich durch die Hintertür abtreten. In seinem Schweizer Zeugnis steht dann: zweimal versagt an einer WM. Einmal die EM nicht erreicht. Hitzfeld hat, trotz all seiner Fehler, trotz des fehlenden Mutes, einen schöneren Abgang verdient.

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