Als Mario Götze ausgewechselt wurde, war die Krise wieder präsent. Vor dem Spiel und während der Pause hämmerten sie uns die «bad news» dieses schwarzen Freitags um die Ohren. 2500 Milliarden Dollar weg. Euro-Tiefstwert. Der Dollar im Unterseeboot. Doch Götze, dieses 19-jährige Dortmunder Jahrhunderttalent, zaubert die Sorgen weg. Als wäre er ein Klon Messis. 75 Minuten lang ist die Welt in Ordnung. Als Götze den Rasen verlässt, holt uns die Realität wieder ein. Euro verkaufen? Aktien und Obligationen abstossen? Gold kaufen? Oder doch Schweizer Staatsanleihen?

Theater der Träume, so die sinngemässe Bezeichnung des Stadions von Manchester United. Denn irgendwie ist jedes Fussball-Stadion ein Theater der Träume. Ein Reduit gegen hyperventilierende Börsianer. Während die Finanzmärkte dem Kollaps ins Auge sehen, dreht der Fussball weiter am grossen Rad. «Die Einnahmequellen waren bislang relativ immun gegen die Krise», sagt Prof. Dr. Helmut M. Dietl, Ökonom der Uni Zürich. «Die Zuschauernachfrage in den Stadien boomt weiter, die meisten TV-Verträge sind langfristig und auch an zahlungswilligen Sponsoren mangelt es nicht. Falls ein Sponsor in finanzielle Schwierigkeiten gerät, findet sich schnell ein finanzkräftiger Ersatz. Zudem gelingt es dem europäischen Fussball immer wieder, neue Geldquellen zu erschliessen. Die neueste Errungenschaft sind reiche Araber, Asiaten und Osteuropäer.»

Wir leben in einer Welt, in der Aufmerksamkeit ein immer wertvolleres Gut wird. Und Fussball hat die Fähigkeit, weltweit eine grosse Aufmerksamkeit zu erzeugen. Doch diese Aufmerksamkeit hat ihren Preis. Der eben abgeschlossene Sponsoring Deal mit Etihad Airways (Vereinigte Arabische Emirate) bringt Manchester City 100 Millionen Pfund für vier Jahre ein. Oder Malaga: 2010 stand der Klub vor dem Ruin. Nun ist Scheich Abdullah Bin Nasser Al Thani aus Katar eingestiegen. Er kaufte den Erstligisten für 25 Millionen Euro und erbte zugleich einen Schuldenberg von 70 Millionen und kaufte für 35 Millionen den Franzosen Toulalan sowie die beiden Spanier Cazorla und Joaquin. In Frankreich vermuten sie, dass die 70-Prozent-Übernahme von Paris Saint Germain durch eine katarische Investorengruppe nicht ausschliesslich sportlich motiviert war, auch wenn mehr als 80 Millionen Euro für neue Spieler (u.a. Pastore, Menez, Sissoko) ausgegeben wurden. Nicolas Sarkozy, ein bekennender PSG-Fan, begrüsste die Übernahme. Frankreichs Staatspräsident hat einen guten Draht zum katarischen Erbprinzen Tamim bin Hamad, den er 2010 mit der französischen Ehrenlegion auszeichnete.

Trotzdem: Die Krise geht nicht spurlos am Fussball vorbei. Denn nicht jeder Klub hat eine arabische Lebensversicherung. Granada, das in die Primera Division aufgestiegen ist, verpflichtet nur Spieler, die weniger als 10000 Euro im Monat verdienen, sagt der Spieleragent Christoph Graf. Oder der Hamburger SV musste sein Lohnbudget um mehr als 10 Millionen Euro kürzen. Wer die Bilanz der Geldströme in den Top-5-Ligen Europas analysiert, kommt zum Schluss, dass die Krise doch am Transfergeschäft nagt. 2008/09 haben die englischen Klubs noch 789 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. In der aktuellen, noch bis 31. August laufenden Transferperiode, erst 299 Millionen. Ist das Transfergeschäft am Boden? «Nein», sagt Dietl, «weil es effizient ist, wenn die besten Spieler dort spielen, wo sie die grösste Wertschöpfung erzielen, wird es auch in Zukunft viele Spielertransfers geben.» Georg Heitz, Sportkoordinator beim FC Basel, sagt: «Der Transfermarkt leidet nicht nur unter der Euro, sondern vor allem unter der Wirtschaftskrise. Wir haben zwar etliche Anfragen für unsere Spieler. Aber weniger konkrete Angebote als in früheren Jahren».

Ob ein Juwel wie Xherdan Shaqiri in der Hochkonjunktur den FCB für einen zweistelligen Millionenbetrag verlassen hätte, ist hypothetisch. Trotzdem ist augenfällig, dass auch unser Fussball die Krise spürt. Denn selten haben so wenige Spieler den Sprung von der Super League ins Ausland geschafft wie diesen Sommer. Das Angebot an Spielern sei halt sehr gross, sagt Spieleragent Graf. «Ausserdem ist der Fussball eher ein Käufer- als ein Verkäufer-Markt.» Neben den fehlenden Einnahmen durch Spielerkäufe kommen die Kursverluste für jene Klubs dazu, die im Europacup engagiert sind. Bei 7,2 Millionen Euro Antrittsgage für die Champions League ein nicht unwesentlicher Betrag.

Doch die Schweiz profitiert auch von der Krise. Heitz sagt, dass nun auch Spieler aus Spanien in der Schweiz angeboten werden. «Noch vor drei Jahren hätten diese Spieler gefragt: Suiza, wo ist das?» Ökonom Dietl meint, dass durch den starken Franken es derzeit sehr attraktiv sei, für Schweizer Klubs zu spielen, «da die Spieler in ihrer Heimatwährung gerechnet jetzt mehr verdienen.» Liga-Präsident Thomas Grimm hat während der Krise einen neuen, um fast die Hälfte höher dotierten TV-Vertrag abgeschlossen. Und Sportvermarkter Philippe Huber verspricht, dass die Schweizer schon bald in den Genuss von einigen Fussball- und Box-Highlights kommen werden. Huber verpflichtet Teams in Dollar und nimmt aus dem Ticketing und der Hospitality Schweizer Franken ein. «Die Währungsdifferenz ist gleichbedeutend mit Reingewinn.»

Der Fussball zählt zu den wenigen Gewinnern in der Krise, da die Umsätze weiter gestiegen sind. «Den Löwenanteil hiervon bekommen nach wie vor die Spieler. Ihre Gehälter sind trotz der Krisen gestiegen», sagt Dietl. Die Unternehmensberatung Deloitte hat errechnet, dass deutsche und englische Klubs heute rund doppelt so viel für ihr Personal ausgeben wie vor zehn Jahren. In dieser Zeit hatten wir eine Internet-, eine Immobilien-, eine Schulden- und eine Währungskrise. Die Krisenresistenz bedeutet nicht, dass die Ausgaben mit den Einnahmen überall im Gleichgewicht gehalten werden. Manchester United, einer der profitabelsten Klubs der Welt, leidet unter einer Schuldenlast von 500 Millionen Pfund, weil Malcolm Glazer das Geld, das er zur Übernahme aufgenommen hatte, auf den Klub überschrieben hatte. Real Madrid und der FC Barcelona hatten Ende Saison 2010 Schulden von 660 beziehungsweise 549 Millionen Euro.

Das Leben auf Pump löst insbesondere in München Missstimmung aus. Die Bayern monieren, dass sie als schuldenfreier Verein einen Wettbewerbsnachteil haben. Mit der Einführung des «Financial Fairplay» will die Uefa regulierend einwirken. «Sozialistenzeugs», wettert Graf. «Es kommt ja auch keiner auf die Idee, man solle die USA wegen der hohen Verschuldung aus der Weltpolitik ausschliessen.» Ein Insider glaubt, dass es sich die Uefa nicht leisten könne, einen Klub wie Barcelona aus der Champions League auszuschliessen. Er sagt: «Wenn Geld fehlt, schiesst man das halt schnell unter dem Deckmantel eines neuen Sponsors ein. Das ist besonders einfach bei all jenen, die von Abramowitschs und Scheichs präsidiert werden, die auf irgendwelche Tochter- oder Schwesterfirmen zurückgreifen können.» Kurz: Trotz Euro- und anderen Krisen bewegen sich die Fussballgötter in Europa weiterhin im Goldrausch.

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