FÜR WEN FÄLLT DIE KUGEL?

Der Schweiz Sport hat historische Wochen hinter sich. Und bereits nach drei Monaten gibt es vier potenzielle Sportler des Jahres. Eine solche Auswahl gab es in der Schweizer Sportgeschichte noch nie.

VON FELIX BINGESSER

Tony Rominger war gewiss ein guter Velofahrer. Aber er war nie Weltmeister, er war nie Olympiasieger, er hat nie die Tour de France gewonnen. Doch er wurde dreimal zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt. Schweizer Sportler des Jahres war auch Hürdenläufer Marcel Schelbert. Eine Bronzemedaille bei der Weltmeisterschaft 1999 genügte, um diesen prestigeträchtigen Titel zu gewinnen. Auch Michel Broillet war Schweizer Sportler des Jahres. Im Gewichtheben in der Gewichtsklasse Halb-Schwergewicht hat er bei Europa- und Weltmeisterschaften dritte Plätze belegt. Es fehlten die Alternativen.

Vergangene Zeiten. In diesem Jahr liegt die Messlatte für den Gewinn dieser Auszeichnung so hoch wie noch nie. Der Schweizer Sport befindet sich in einem historischen Hoch. Noch nie gab es eine solche Dichte an absoluten Ausnahmekönnern. Bereits nach drei Monaten im Sportjahr 2010 zeichnet sich ab, dass die Hürde für den Schweizer Sportler des Jahres 2010 enorm ist. Dario Cologna, der erste Schweizer Olympiasieger im Langlauf, muss am Ende froh sein, wenn er überhaupt zu den Nominierten gehört. Gesamt-Weltcupsieger, Doppel-Olympiasieger und Skiflug-Weltmeister Simon Ammann, Gesamt-Weltcupsieger und Olympiasieger Carlo Janka stehen ihm schon jetzt vor der Sonne. Und auch Roger Federer hat seinen ersten Sieg bei einem Grand-Slam-Turnier geschafft. Velofahrer Fabian Cancellara greift erst so richtig ins Geschehen ein.

Die Frage, warum die Schweiz gerade jetzt über derart herausragende Individualisten verfügt, kann kontrovers diskutiert werden. Eine empirische Studie dazu gibt es nicht. Es gibt nur Indizien. Die Akzeptanz gegenüber Berufssportlern ist auch in diesem Land weiter gewachsen. Es gibt Stützpunkte, Sportschulen, gezieltere Nachwuchsförderung, bei Swiss-Ski auch eine geschickte Kontinuität im Trainerstab. Vielleicht ist der Sport auch ein klein wenig «sauberer» geworden, was die Chancengleichheit erhöht. Insgesamt aber ist die Schweiz nach wie vor kein Land, das den Spitzensport mit aller Konsequenz fördert. Noch immer jubelt man gerne mit, aber noch immer wird der Sport in politischen Kreisen immer wieder marginalisiert.

Die Schweiz hat den besten Tennisspieler der Welt, den besten Skifahrer der Welt, den besten Skispringer der Welt, den vielleicht besten Velofahrer der Welt, einen der besten Langläufer der Welt und viele weitere herausragende Einzelsportler. Die Schweizer Fussballer spielen zum vierten Mal in Serie bei einem grossen Turnier, die Eishockeyaner trotzen Kanada, die Handballer trotzen Deutschland. Es ist Frühling, im Schweizer Sport. Und im August, so viel steht fest, wird auch ein Schweizer neuer Schwingerkönig. Wenn es Jörg Abderhalden zum vierten Mal schafft, dann kommt noch ein weiterer Kandidat dazu, der für die Auszeichnung infrage käme. Schon jetzt ist klar: Die Qual der Wahl ist grösser denn je. Vielleicht ist es sogar eine Lotterie.

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