Frau Martina Voss-Tecklenburg, erstmals nimmt die Schweizer Frauenfussball-Nati an einer WM-Endrunde teil. In fünf Wochen geht es nach Kanada. Wie haben Sie das geschafft?
Martina Voss-Tecklenburg: Das schafft man nicht alleine, sondern im Team. Wir sind schon mit einer guten Serie in die Qualifikation gestartet – und dann schlugen wir im 1. Spiel Serbien gleich mit 9:0. Da wurde mir klar: Wir können die WM erreichen. Und so trainierten wir noch härter.

Die WM-Qualifikation gelang den Frauen scheinbar mühelos: In zehn Spielen erzielte Ihr Team 53 Tore – und kassierte nur ein Gegentor.
Wir hatten den Glauben, die Strategie und das nötige Selbstbewusstsein.

Wo sind die Schweizerinnen stark?
In der Bereitschaft, aggressiv und diszipliniert nach vorne zu spielen. Unsere Spielerinnen sind sehr mutig.

Sie sind seit drei Jahren Trainerin in der Schweiz. Was haben Sie verändert?
Als ich das Team übernahm, lag die Priorität vor allem auf der Defensive. Es ging vor allem darum, kein Tor zu kassieren. Das wollte ich verändern, denn wir haben sehr gute, offensive Spielerinnen. Und so haben wir trainiert und gelernt und sorgen hoffentlich bei der WM für eine Überraschung.

Welcher Platz liegt drin?
Wir streben erst mal das Achtelfinale an und dann schauen wir von Spiel zu Spiel. Es ist sicherlich auch abhängig davon, auf welches Team wir im Achtelfinale stossen würden.

Was haben andere Nationen wie die USA, Brasilien oder Deutschland der Schweiz voraus?
Sie haben eine längere Tradition im Frauenfussball und sind deutlich grössere Länder mit mehr Nachwuchs. In den USA spielen vier Millionen Frauen Fussball, in Deutschland eine Million und in der Schweiz gerade mal 26 000. Das ist ein grosser Unterschied. Um sich mit den Besten messen zu können, rate ich den Spielerinnen, ins Ausland zu gehen. Vor allem die Bundesliga hat grosses Interesse an unseren Spielerinnen, weil sie Deutsch sprechen. 14 Nati-Spielerinnen sind aktuell in Deutschland unter Vertrag.

Was verdienen die Frauen-Profis?
Einige bekommen 1000 Euro und müssen daneben noch arbeiten oder werden von zu Hause unterstützt, andere verdienen 3000 bis 5000 Euro. Zwei, drei Top-Spielerinnen, wie Lara Dickenmann und Ramona Bachmann können vom Fussball leben – aber nicht so viel Geld anhäufen, dass sie nach der Karriere ausgesorgt haben.

Profis gibt es also kaum?
Wir legen bei den jungen Spielerinnen Wert darauf, dass sie ihre Ausbildung zu Ende machen. Wir haben Spielerinnen, die jetzt während der WM-Vorbereitung noch ihre Matura schreiben. Das zeigt, welche Bereitschaft sie mitbringen. Sie absolvieren nicht nur sieben bis acht Trainingseinheiten pro Woche, sondern sie büffeln auch noch Mathe oder Literatur oder arbeiten 100 Prozent im Büro.

Gleichzeitig sahnen im Männerfussball auch durchschnittliche Fussballer Millionenbeträge ab. Stört Sie das?
Nein. Ich halte nichts von diesen Vergleichen. Der Frauenfussball soll als eigene Sportart angesehen werden. Noch immer bekomme ich zu hören, Frauenfussball sei nicht schnell, nicht athletisch genug. Wir sind nun mal physisch benachteiligt, das hat der liebe Gott so gewollt. Doch wir spielen nach denselben Regeln wie die Männer. Wir spielen ebenfalls zwei Mal 45 Minuten, das Feld ist gleich gross, das Tor ebenfalls und der Ball ist gleich schwer. Um attraktiv zu spielen, müssen wir die Frauen noch besser ausbilden und trainieren.

In welchen Bereichen übertrifft der Frauenfussball den der Männer?
(lacht) Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass die Nettospielzeit bei beiden Geschlechtern gleich ist. Zwar ist der Ball bei den Frauen mehr im Aus und es gibt dadurch mehr Einwürfe. Männer bleiben dafür länger liegen, schauspielern mehr und das Spiel muss häufiger wegen Fouls unterbrochen werden.

Und bei den Frauen fallen mehr Tore.
Die Frauen sind im Durchschnitt zehn Zentimeter kleiner als Männer, doch das Tor ist gleich gross. Da die Schussgeschwindigkeit der Frauen nicht viel tiefer ist als bei den Männern, da diese mehr von Technik denn von Kraft abhängt, gehen tendenziell mehr hohe Bälle ins Tor. Ein weiterer Punkt ist aber auch, dass Frauen mehr nach vorn spielen. Ich spüre bei den Frauen eine grosse Lust, Tore zu erzielen. Der Ergebnisfussball hat im Frauenfussball noch nicht überhandgenommen.

Sie gehören zur ersten Generation im Frauenfussball. Was gab den Ausschlag für Ihre Fussballbegeisterung?
Ich bin in Duisburg direkt neben dem Pausenplatz aufgewachsen. Meine zwei Brüder sind jeweils nach der Schule über den Zaun geklettert und haben dort Fussball gespielt. Bereits mit fünf Jahren bin ich mit ihnen mitgegangen. Schnell merkte ich, dass ich gut bin und mit den Jungs mithalten konnte. Oft wurde ich auch als Erste in eine Buben-Mannschaft gewählt. Ich habe jeden Tag Fussball gespielt und gegen jeden Ball, aber auch gegen jede Cola-Dose getreten.

Doch Sie durften erst mit 15 Jahren einem Verein beitreten. Gegen welche Widerstände hatten Sie zu kämpfen?
Ich war bis dahin reine Strassenfussballerin, weil meine Mama stets gesagt hat: Das ist nichts für Mädchen, du bist zu zart. Heimlich bin ich dann mit 15 Jahren mit meinem damaligen Sportlehrer zum Probetraining von einem der besten Teams in Duisburg gegangen. Ich wurde sogleich aufgenommen und ein Jahr später wurde ich bereits Nationalspielerin.

Wie haben Sie es geschafft, am Ende Ihre Mutter doch zu überzeugen?
Als wir mit dem Fussballklub Duisburg den Pokal des deutschen Fussballbundes gewannen und die ersten Zeitungsberichte über mich erschienen, war sie stolz auf mich. Sie hat gemerkt: Das ist mein Ding.

Insgesamt haben Sie als Mittelfeldspielerin 125 Länderspiele bestritten und holten für Deutschland vier Mal den EM- und drei Mal den WM-Titel. Ist Erfolg wichtig für die Anerkennung?
Meine Eltern und vier Geschwister sind heute alle fussballbegeistert. Sie sind stolz, was ich erreicht habe. Sie haben meine Karriere immer verfolgt und mich unterstützt. Ich bin mit 26 Jahren Mama geworden, arbeitete 100 Prozent und betrieb 100 Prozent Leistungssport. Ohne meine Familie hätte ich das nicht gekonnt. Ich bin auch heute oft unterwegs. Mein Mann und meine heute 21-jährige Tochter leben in Deutschland und ich habe eine Wohnung in der Schweiz. Da ist es wichtig, dass man die Unterstützung spürt, sonst würde es nicht funktionieren.

Zum WM-Titel 1989 haben Sie als Prämie ein Tafelservice erhalten. Gegen welche Vorurteile kämpften Sie schon als Spielerin und heute noch als Trainerin an?
Klar höre ich immer wieder: Ein Erstliga-Spiel der Frauen könne man sich nicht anschauen. Dann antworte ich, dass auch für mich ein Spiel der unteren Männerligen unattraktiv ist und lade die Kritiker zu einem Spiel der Nati oder von guten Teams wie Zürich oder Basel ein. Danach sind die Vorurteile meist weg.

26 000 Fussballerinnen gibt es in der Schweiz. Fussball hat Volleyball als beliebteste Frauensportart eingeholt. Und doch haben Schweizer Fussball-Klubs Mühe, Juniorinnen nachzuziehen. Warum?
Die Schweiz fördert den Mädchenfussball noch zu wenig. Dadurch ist er noch immer nicht ganz gesellschaftsfähig. So werden die Mädchen nach wie vor gefragt: Warum spielst du Fussball? Es muss selbstverständlich sein, dass Mädchen überall in der Schweiz, egal in welchem Verein, Fussball spielen können. Doch viele Vereine bieten noch gar keinen Mädchenfussball an. Dabei wäre es auch für die Vereine eine riesige Chance. Fussball ist das beste Mittel für Integration, in allen Bereichen. Zwischen Mädchen und Buben sowie auch für Kinder mit Migrationshintergrund.

Gibt es immer noch Mädchen, die nicht Fussball spielen wollen, weil sie sich vor hämischen Kommentaren fürchten?
Vor allem in Familien mit Migrationshintergrund herrscht die Meinung vor, dass ein Mädchen nicht Fussball spielen sollte. Diese Denkweise gilt es aufzubrechen. Zudem sollte es mehr Spielmöglichkeiten geben. Noch immer fehlen in der Schweiz Top-Vereine für Mädchen, auch wenn die Regionalverbände Genf, Freiburg und Tessin in den vergangenen Jahren viel geleistet haben. Und es braucht Vorbilder, damit Mädchen sagen können: Die Schweizer Nati ist gut, dort will ich auch eines Tages spielen.

Es gibt im Männer-Profifussball erst eine Trainerin, die in Frankreich in der 2. Liga Fuss gefasst hat. Warum?
Da müssen Sie die Entscheidungsträger fragen, warum sie sich nicht trauen. Vielleicht haben sie einfach Angst vor den Vorwürfen, wenn die Trainerin nicht reüssieren würde. Dann würde es wahrscheinlich Sätze hageln wie, «das war ja klar». Doch ein Verein muss einfach mal mutig und überzeugt sein, dass auch eine Frau das Team zum Sieg führen kann.

Würde es Sie reizen, ein Männer-Spitzenteam zu trainieren?
Ja, absolut. Doch ich würde es nur machen, wenn ich vorher die Möglichkeit hätte, mich einzubringen und die Spieler kennen zu lernen. Ad hoc ein Team zu übernehmen, würde wohl nicht funktionieren.

Aber Sie würden es sich zutrauen?
Ja, ich kann mir sehr vieles in meinem Leben vorstellen. Es kann aber auch sein, dass ich noch zehn Jahre Nati-Trainerin bin. Ich identifiziere mich immer extrem mit dem, was ich gerade tue.

Welches wäre Ihr Wunsch-Team?
Ich bin ein sehr realistischer Mensch, daher wünsche ich mir keine Dinge. Ich bin aber mit Leib und Seele Duisburgerin – und der MSV hat eine tolle Mannschaft.

Sie haben bereits einmal ein Männer-Amateurteam trainiert. Was war anders als bei den Frauen?
Ich habe festgestellt, dass ich mit Mädchen und Frauen taktisch schneller vorankomme. Das liegt nicht nur daran, dass Frauen schneller lernen, sondern auch an ihrer Bereitschaft. Frauen hinterfragen mehr, sind selbstkritischer und wollen genau wissen, warum wir jetzt das so oder so machen. Bei Männern ist es im Fussball oft so: Weiss ich schon, kenne ich schon, kann ich schon. Doch in der Umsetzung gibt es dann öfters Probleme. Von den Männern könnten die Frauen aber das gesunde Selbstbewusstsein und den gesunden Egoismus abschauen.

Fussball ist nicht der einzige Bereich, wo Frauen stark in der Minderheit sind. Lassen sich Männer nicht gerne von Frauen führen?
Kann sein. Dagegen spricht allerdings, dass es in der Wirtschaft oder Politik sehr erfolgreiche Managerinnen gibt. Ich bin überzeugt: Der Trainerjob ist keine Frage des Geschlechts. Frauen können im Männerfussball erfolgreich arbeiten. Denn dem Spieler ist nur wichtig, dass du ihn weiterbringst. Warum sollte das eine Frau im Fussball nicht können? Man müsste es einfach mal ausprobieren. Es wär doch spannend, wie Cristiano Ronaldo reagieren würde.

Wie stehen Sie zu einer Frauenquote?
In manchen Bereichen ist das ein guter Ansatz, um die Dinge auf den Weg zu bringen. Vielleicht auch im Sport. Noch immer gibt es in diversen Bereichen nur den Trainer und nicht auch noch die Trainerin. Wir sollten noch mehr nach Skandinavien schauen. Diese Länder sind im Bereich Gleichstellung deutlich weiter – ohne Frauenquote.

Hat Ihre Tochter eigentlich das Fussballfieber geerbt?
Sie ist sehr fussballinteressiert, aber sie wollte nie auf den Platz. Vielleicht weil sie als Kind überallhin mitmusste. Bereits fünf Wochen nach der Entbindung habe ich wieder Fussball gespielt. Ich hatte Dina oft beim Training dabei. Irgendwann sagte sie dann, sie käme nicht mehr mit.

Das haben Sie respektiert?
Sicher. Sie studiert jetzt Marketing und Kommunikationsmanagement. Das Fussball-Gen hat sie allerdings, denn sie arbeitet bereits beim MSV Duisburg mit. Sie geht ihren eigenen Weg in der Fussballwelt, und das ist gut so.

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