Kürzlich feierten Sie Ihren 50. Geburtstag. Haben Sie die Party schon bereut?
Fredy Bickel: In keinster Art und Weise! Warum meinen Sie? Weil irgendwann die Rechnung kam?

Am Sonntag darauf gab YB-Besitzer Andy Rihs der «SonntagsZeitung» ein Interview. Man munkelt, er habe seine euphorischen Worte auch deshalb so gewählt, weil er das Fest in jeglicher Hinsicht genossen hatte …
Ich habe es auch genossen. Es wurden interessante Dinge erzählt. Aber was sollte mich daran stören?

Vielleicht seine angedeutete Forderung, dass YB jetzt Meister werden müsse.
Das habe ich so nicht gelesen.

Er sagte wörtlich: «Es geht einfach nicht, dass wir Basel so allein lassen. Das gibt Einsamkeit, und Einsamkeit macht am Schluss tiefenpsychologisch depressiv. Also musst du (Bickel, d. Red.) schauen, dass Basel am Schluss nicht depressiv wird vor lauter Alleinsein.»
Wir besprechen zum Glück wichtige Dinge intern. Darum kann ich Ihnen sagen, dass es keine explizite Forderung gibt, Meister zu werden.

Nervt es, wenn es nun von überall her heisst: YB muss Meister werden!
Nein. Das ist auch eine Auszeichnung für unseren Weg, den wir beschritten haben, und die Arbeit, die dahinter steckt. Klar spüre ich, dass von gewissen Leuten bewusst Druck aufgebaut wird, oder, dass Sachen infrage gestellt werden. Die Realität ist: Angesichts der finanziellen Mittel, der Infrastruktur und des Leistungsausweises des FC Basel wäre es wahnsinnig überheblich, zu verkünden: Jetzt müssen wir Meister werden!

Befürchten Sie, dass die Mannschaft am grossen Druck zerbricht?
Nein. Der Druck kommt nicht ungelegen. Der kann uns noch einmal einen Schritt weiterbringen. Damit müssen die Spieler umgehen können.

In Bern heisst es aber: «Rang zwöi isch o suberi Büez!» Wissen Sie, von wem der Satz stammt?
Von einem Spieler?

Nein, von Kuno Lauener, einem YBPromifan. Ein anderer YB-Promifan, Bänz Friedli, regt sich aber darüber auf.
Wissen Sie, warum es heisst, Bern sei eine Wohlfühloase?

Sie mussten es schon mehrfach erklären: Weil Sie selbst nach mehreren Niederlagen völlig sorgenfrei ins Tram steigen können.
Genau! Die Berner klopfen dir auf die Schultern und sagen: «Nume dranne blibe, es chunnt de scho.» Das wäre in Zürich undenkbar. Es ist einerseits schön, weil es zeigt, dass die Leute hinter dir stehen und helfen wollen. Nur wünscht man sich manchmal, es wäre ein bisschen anders. Weil dann der Verein schneller vorwärtskommen würde.

Unser Bauchgefühl sagt: YB bläst zum letzten Aufbäumen. Jetzt wird noch einmal geklotzt, dann muss es klappen mit dem Titel.
Warum klotzen? Ich denke, da wird nun einfach versucht, dies den Leuten einzutrichtern.

Ist es denn falsch? Andy Rihs sagte in jenem Interview auch: «Die Gehälter werden steigen müssen.»
Es gibt einen Unterschied zwischen kaufen und klotzen. Abgesehen vom hoffnungsvollen Talent Denis Zakaria haben wir zwei bewährte Spieler, Loris Benito und Miralem Sulejmani, verpflichtet. Sie sagen, wir würden klotzen. Gleichzeitig lese ich: «Was ist denn das für eine Verstärkung, das sind zwei Leute von der Ersatzbank eines portugiesischen Vereins!»

Noch einmal zurück zu Ihrem Geburtstag. Wie schaffen Sie es, dass man Ihnen die 50 Jahre kaum ansieht?
Weil ich seriös lebe vielleicht?

Seit wann?
Seit ungefähr 50 Jahren (lacht). Im Ernst: Die letzten Jahre haben ziemlich gezehrt an mir. Ich als Sportchef werde immer ein Jahr älter, aber die Mannschaft bleibt immer gleich jung.

Haben Sie das Gefühl, nicht mehr nachzukommen?
Nein, nein, das schon nicht. Aber ich kann mich nicht mehr verhalten wie vor einigen Jahren. Während meiner ersten YB-Zeit (1999–2003) habe ich im Trainingslager jeweils noch das Einlaufen mitgemacht. Heute muss ich schon studieren, ob es nicht daneben aussieht, wenn ich im Trainer zum Frühstück erscheine. Das ist der Lauf der Dinge. Beim FCZ konnte es vorkommen, dass ich mal Zeugs in der Garderobe umherwarf. Stellen Sie sich das heute vor – dann hätten die Spieler wohl wirklich das Gefühl, ich sollte nun endlich erwachsen werden.

Ist das alles nur eine Frage des Alters?
Ja. Beidseitig. Der Charakter der Spieler hat sich über die Jahre extrem verändert. Nur schon über zehn Jahre gesehen.

Wie?
Wenn ein Junger nicht spielte, getraute er sich früher nicht einmal, beim Trainer vorzusprechen. Heute rumpelt er bei mir ins Büro und fragt: «Weisst du irgendetwas? Was ist falsch? Was muss ich machen? Wie siehst du es?» Heute musst du viel klarer kommunizieren mit den Spielern.

Haben Sie sich Vorsätze genommen für die Jahre über 50?
Nicht direkt. Aber es wird mir bewusst, wie sehr mir die Anstrengungen ans Lebendige gehen. Früher ging ich selten vor Mitternacht ins Bett. Heute kann es zwischendurch auch mal um 22.30 Uhr sein. Weil ich merke: Jetzt muss ich aufpassen, ich komme an den Anschlag.

In welchen Momenten?
Das ist ganz verschieden. Auch ich spüre die ständige Erwartungshaltung von aussen, von innen. Unter Druck immer einen klaren Kopf und die Nerven zu behalten, ohne sich beeinflussen zu lassen, die Geduld nicht verlieren, das ist manchmal herausfordernd.

Diese Dinge waren nie wirklich Ihre Stärken.
Ich war lange zu ungeduldig, das stimmt. Ich musste lernen, mich besser in den Griff zu kriegen.

Es dauerte, bis Sie Distanz fanden zu den Gepflogenheiten im Fussball-Zirkus.
Das stimmt.

Was ist auf der Strecke geblieben in all den Jahren als Sportchef?
Was sprechen Sie an?

Das Privatleben.
Ich denke immer noch, dass ich den schönsten Job überhaupt habe. Und dass ich meine Erfüllung darin finde. Der Fussball ist ein riesiger Teil meines Lebens. Aber es ist beispielsweise nicht einfach, eine Beziehung zu führen. Es ist schwierig für eine Partnerin, oder auch die Kinder, zu merken, dass sehr oft etwas anderes im Vordergrund steht. Ich habe mir in den letzten Jahren bewusst mehr Zeit genommen für meine Kinder, Eltern oder auch die Familie meiner Schwester. Um zu verhindern, dass ich mit 60 oder 70 plötzlich merke, dass ich vollends im Fussball gefangen bin.

Sagen Sie heute eher mal «Nein!»?
Das ist ein grosses Problem. Ich bin sieben Tage Fussball.

Jeden Tag im Jahr?
Es gibt Ausnahmen. Die beste Zeit für mich ist der Oktober, die zehn Tage während der Länderspielpause. Die Transfers sind abgeschlossen, die Nationalspieler sind weg, die Journalisten sind weg und es gibt keine Meisterschaftsspiele. Diese zehn Tage im Oktober sind die Batterie für das Jahr. Früher konnte man gegen Ende des Jahres noch problemlos weg. Heute musst du mindestens das Handy und den Laptop dabei haben.

Haben Sie wieder eine Beziehung mittlerweile?
Nein.

Sie sollen sich sehr gut mit Francine Jordi verstehen …
(lacht laut) …Wie kommen Sie darauf, was soll ich dazu sagen? Es ist so: In Bern bedeutet Musik noch ein bisschen mehr als in anderen Kantonen. Und mir bedeutet die Musik ebenfalls sehr viel. Ich habe einen guten Kollegen- und Freundeskreis in der Showbranche. Und da fallen halt auch Sprüche wie: «Du musst nicht immer von ihr schwärmen, unternimm etwas, nimm sie einmal an ein Treffen mit.» Fakt ist einzig: Ich finde sie eine tolle Frau und eine unglaublich gute Botschafterin für die Musik, für den Kanton Bern und für die Schweiz. In dieser Beziehung dürfte sich auch der eine oder andere Spieler ein Beispiel nehmen.

Apropos Musik: Mit Guillaume Hoarau haben Sie bei YB einen Musiker im Team. Werden Sie sich einig?
Oh ja. Ich bin ja mehr als nur ein Schlagerfan. Ich kann Hoarau mit französischen Chansons überraschen. Als ich ihm von meinem Treffen mit Bob Marley nach einem Konzert in Zürich erzählte, wurde er jedenfalls ziemlich eifersüchtig.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper