VON FELIX BINGESSER

Was machen die Buben am liebsten? Also diejenigen, die nicht nur Klavier spielen und Briefmarken sammeln und an Mamis Rockzipfel hängen? Nicht die Muttersöhnchen, sondern die richtigen wilden Burschen? «Sie tschutten auf dem Pausenplatz oder sie kämpfen miteinander», sagt Arnold Forrer. Das Schwingen ist wie das Fussballspielen ein natürlicher Trieb. «Dass man sich misst und den Stärkeren bestimmt, hat Tradition seit Menschengedenken», sagt Forrer. In eher ländlichen Regionen macht man das noch immer im Sägemehlring. «In den Städten gehen sie halt vermehrt auch ins Kickboxen oder ins Judo oder ins Karate», sagt Forrer. Er aber, der Hüne aus dem Toggenburg, ist ein Schwinger. Ein Prachtexemplar sogar. Und die Popularität des Schweizer Nationalsports ist ungebrochen. Die Wiederentdeckung des Vaterländischen ist im Trend und das Schwingen erlebt seit vielen Jahren eine beispiellose Renaissance. Je globaler die Welt, desto populärer werden Sitten und Gebräuche der einzelnen Länder. Und dazu gehört das Schwingen.

In drei Wochen findet das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Frauenfeld statt. Der Anlass ist längst ausverkauft und Zehntausende Menschen pilgern in den Thurgau. Unter anderen auch Roman Kilchsperger, der am Samstagabend aus Frauenfeld die Fernsehsendung «Königsgala» moderiert. Doch die Schwingerfreunde sind heikel. Da reicht es nicht, ein wenig draufloszuplaudern. Da braucht es auch Fachkompetenz. «Kein Problem», sagte da Schwingerkönig Forrer spontan. «Komm zu mir ins Toggenburg, dann zeige ich dir, wie es geht.»

Der TV-Mann wagt sich in die Höhle des Löwen. «Das ist ja wie bei Rocky Balboa», sagt Kilchsperger, als er den spartanisch eingerichteten kleinen Schwingkeller in Forrers Heimat Stein betritt. Klein, aber fein, denn ein Blick auf die vergilbten Zeitungsausschnitte an den Wänden genügt, um festzustellen, dass dieser kleine Keller eigentlich eine Kathedrale des Schweizer Sports ist. Neben Forrer trainiert hier auch der dreifache Schwingerkönig Jörg Abderhalden. Die Schwinger aus diesem Keller haben den Schweizer Nationalsport im letzten Jahrzehnt geprägt und dominiert.

Kilchsperger, der bei seinen Auftritten etwas mehr Scheinwerferlicht und etwas mehr Schminke gewohnt ist, steigt mit mulmigem Gefühl in die Zwilchhosen. «Ich habe dann Kinder, gäll Nöldi», sagt er. Zuerst erklärt ihm Forrer die Schwünge. Wyberhaken, Kurz, Schlungg. Und vor allem seinen Spezialschwung, den Gammen-Kreuzgriff. Dann gehts in den Ring. Kilchsperger Roman, 1,87 gross und 81 Kilo schwer, gegen Forrer Arnold, 1,94 gross und 120 Kilo schwer.

Forrer packt zu und Kilchsperger schreit zum ersten Mal auf. «Ich bekomme keine Luft.» Dann wirbelt er durch die Luft. In den Fängen von Nöldi wirkt er wie die Spinne im Netz oder wie der Käfer, der rückwärts ins Wasser gefallen ist und zappelt.

«Es ist unglaublich, was für eine Kraft ein Schwinger entwickelt», sagt Kilchsperger, als ihn Forrer aus dem «Schraubstock» entlässt. Immer wieder werden nun die einzelnen Schwünge in der Praxis durchgespielt. Forrer, der in Frauenfeld zum zweiten Mal König werden möchte, erklärt die Hintergründe, die Kniffe, die Benotung, die Einteilungen und die Mätzchen der einzelnen Schwinger. «Ich habe schon mit Roger Federer Tennis gespielt. Aber von Nöldi im Sägemehl gepackt zu werden, hat mich genauso beeindruckt», sagt Kilchsperger. Und als ihn Forrer nochmals in Sägemehl bittet, schreit er nur noch: «Was, ich muss nochmals fliegen?»

Würde Arnold Forrer dreissig Kilo seiner Muskeln gegen die rhetorischen Qualitäten von Kilchsperger eintauschen? «Nein», sagt Forrer. «Ich bin überrascht, wie kommunikativ er ist. Und er kann sogar lustig sein», entgegnet der Moderator. Er jedenfalls ist nun schwingtechnisch fürs Eidgenössische gerüstet. Wie stark Forrer nach seiner Verletzung sein wird, bleibt abzuwarten. Er jedenfalls ist zuversichtlich. «Ich schwinge noch drei Jahre weiter. Ein amtierender Schwingerkönig hat noch nie aufgehört», schmunzelt er. Das tönt wie eine Kampfansage an seine ärgsten Widersacher. An Klubkollege Abderhalden, an die starken Berner Christian Stucki und Matthias Sempach und Kilian Wenger und an die Innerschweizer mit den Laimbacher-Brüdern an der Spitze. Nun, Forrer hat jedenfalls einen neuen Fan. «Leg sie alle flach, Nöldi!», ruft Kilchsperger ihm zum Abschied zu. «Wenn du König wirst, werde ich an deiner Siegesfeier die Würste grillieren.»

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