«Zurück aus Cardiff? Enttäuscht?» Die Beamtin bei der Passkontrolle am Flughafen Zürich lächelt mitleidig. «Ein bisschen mehr haben wir schon erwartet», sagt der Fan in seinem roten Shirt mit dem weissen Kreuz. «Doch das Leben geht weiter.»

Ein paar Stunden zuvor haben die Schweizer Fussballer ganz Ähnliches gesagt. Mit ernsten und müden Blicken sind sie in Cardiff zum Abflug in die Heimat erschienen. Viel Schlaf gefunden hatte wohl keiner. Wie auch, nach einem solch aufwühlenden Abend? Mit zwei Spielen in Swansea und Podgorica, die in letzter Sekunde sämtliche ihrer Hoffnungen den Bach hinuntergespült haben, im nächsten Jahr bei der EM dabei zu sein.

«Geschlafen habe ich nicht gut», sagt Verteidiger Timm Klose, «aber ich bin aufgewacht und habe gemerkt: Aha, das Leben geht ja doch weiter.» Coach Ottmar Hitzfeld, auch ihm haben sich Spuren der Enttäuschung ins Gesicht gegraben, sagt: «Wichtig ist jetzt, dass wir zusammenhalten, am Dienstag gegen Montenegro eine Reaktion zeigen und die Zuschauer nicht enttäuschen. Deshalb sind diese drei Tage so wichtig.»

Es gibt es zwar noch, dieses Spiel in Basel – Hitzfeld hat dafür den jungen Verteidiger Philippe Koch vom FC Zürich nachnominiert –, im Prinzip aber ist die EM-Kampagne für die Schweizer am Freitagabend zu Ende gegangen. Erstmals seit 2001 sind sie vor dem letzten Spieltag einer WM- oder EM-Ausscheidung ausser Traktanden gefallen.

Realistisch betrachtet kann die kleine Schweiz zwar nicht den Anspruch erheben, bei allen Grossanlässen des Fussballs dabei zu sein, doch weil die Gruppe G nun wirklich nicht mit Übermannschaften gesegnet war, ist diese Nichtqualifikation für die Barrage schlicht ein Misserfolg und eine schwache Leistung. Deshalb ist man beim Verband ohne Zweifel froh darüber, dass die vorzeitige Vertragsverlängerung mit Hitzfeld bis 2014 dafür sorgt, dass selbst nach der Enttäuschung von Wales keine Trainerdiskussion ins Rollen kommen wird.

Die Qualifikation für die EM 2012 ist von Anfang an, mit dem Platzverweis von Stephan Lichtsteiner im Spiel gegen England über die rote Karte von Valon Behrami in Bulgarien bis zum Ausschluss von Reto Ziegler zuletzt beim 0:2 in Wales, unter einem schlechten Stern gestanden.

Mit den Rücktritten von Alex Frei und Marco Streller erfuhr die Mannschaft mitten in der Kampagne einen tiefen Schnitt. Begrüsst von den einen, weil sie den Jungen damit Platz gemacht hatten, bedauert von anderen, die beispielsweise in Wales zur Erkenntnis gekommen sind, dass ein Stürmer wie Streller in der aktuellen Form dem Team noch immer gut anstehen würde.

Der schwache Start mit zwei Niederlagen erwies sich schliesslich als zu grosse Hypothek. Auch wenn selbst bis vor zwei Tagen die Möglichkeit bestand, die Qualifikation aus eigener Kraft zu schaffen. Doch die ziemlich euphorisch gefeierten Vorstellungen beim 2:2 in England und dem 3:1 über Bulgarien mit jungen Talenten korrespondierten wohl nicht ganz mit den effektiv erbrachten Leistungen. Genauso wenig, wie am Freitag in Swansea ausnahmslos alles schlecht gewesen ist.

Den zu strengen Platzverweis gegen Reto Ziegler mit dem kurz darauf folgenden 1:0 der Waliser gilt es in die Spielbewertung einzubeziehen. Dass die Mannschaft danach zu keiner Reaktion fand, war aber gewiss enttäuschend, wie überhaupt die Offensivleistung an diesem Abend. Ein latentes Problem stellt indes auch die Verletzungsanfälligkeit der beiden etatmässigen Innenverteidiger Philippe Senderos und Johan Djourou dar, auf die deswegen einfach kein Verlass ist.

Es ist schade, speziell für die jungen Akteure, dass sie die Chance verpassen, in Polen und in der Ukraine wertvolle Erfahrungen auf höchster Ebene zu sammeln und die Schweiz erstmals seit 2002 nicht mehr an einem grossen Turnier vertreten ist. Gleichwohl sind die Perspektiven vielversprechend bis gut. «Ich bin topmotiviert für die Arbeit mit den Jungen, sie sind reif und mental stark. Da steckt einiges drin», sagt Hitzfeld. «Wir werden in der kommenden WM-Ausscheidung von den Erfahrungen profitieren, die wir jetzt gemacht haben. Auch wenn wir auf solche wie in Wales gerne verzichtet hätten.» Nicht zu vergessen: Mit Norwegen, Slowenien, Zypern, Albanien und Island haben die Schweizer bei der Gruppenauslosung viel Glück gehabt. Noch aber überwiegt das Bedauern, dass der gebeutelte Schweizer Fussball (Sion, Xamax, Spielabbruch wegen Hooligans) nicht wenigstens durch sein Flaggschiff Nationalmannschaft auf Kurs geblieben ist.

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