Von Markus Brütsch

Plötzlich muss Urs Fischer noch einmal zittern. Eigentlich ist ja alles klar gewesen und seine Mannschaft mit einer 2:0-Führung Sekunden vor Schluss dem Ziel ganz nah. Doch dann trifft der Sittener Veroljub Salatic in der Nachspielzeit zum 1:2, und mit einem einzigen weiteren Kick wäre es möglich, dass die starken Walliser noch zum 2:2 kommen und dem FCB in die Meistersuppe spucken.

Nun tigert der Basler Trainer wieder im strömenden Regen in der Coachingzone umher. Das Ding würde doch nicht in letzter Sekunde…? Im Dunst von abgebranntem Feuerwerk vergibt Renato Steffen die Konterchance zum 3:1 und Fischer leidet weiter. Wie lange zum Teufel will dieser Alain Bieri noch nachspielen lassen?

Doch dann hat der Schiedsrichter endlich ein Einsehen, pfeift ab, Fischer steht in seinem klatschnassen Anzug einen Moment bewegungslos da, die Hände in die Hosentaschen vergraben — schliesslich löst sich die Anspannung und der Zürcher fällt seinen Trainerkollegen Markus Hoffmann, Marco Walker und Massimo Colomba in die Arme. Fischer ist soeben zum ersten Mal in seiner langen Profilaufbahn Schweizer Meister geworden.

32 Jahre zuvor hatte der Zürcher seine Spielerkarriere begonnen, es mit 545 Einsätzen für den FC Zürich und den FC St. Gallen in der Nationalliga A zum Rekordspieler, nie aber zu einem Titelgewinn in der Meisterschaft gebracht. Mit dem FCZ war er einmal Cupsieger geworden und hatte als Captain die grosse Geste gezeigt, den Pokal nicht als Erster in die Höhe zu stemmen, sondern an den Präsidenten Sven Hotz weiterzureichen. Eine Episode, die viel aussagt über den Menschen Urs Fischer. Er ist keiner, der sich in den Mittelpunkt stellt, einer, der offen und ehrlich kommuniziert. «Der Urs ist der Urs», hat Präsident Markus Lüthi gesagt, als dieser Trainer beim FC Thun war. «Urs ist authentisch. Man weiss immer, woran man bei ihm ist.»

Itten dagegen wird gleich Meister
Jetzt, nach weiteren 186 Spielen als Trainer in der höchsten Spielklasse, ist der 50-Jährige am Ziel angelangt. Nach 731 Partien! Andere wie der junge Cedric Itten, den Fischer in dieser Saison an den Profifussball herangeführt hat, werden gleich in ihrer ersten Spielzeit Champion …

Keiner, der Fischer diesen Triumph nicht gönnen würde. «Ich freue mich unglaublich für ihn», sagt Sportdirektor Georg Heitz, «er hat das Team hervorragend gemanagt, war den Spielern gegenüber immer ehrlich und hat ihnen gesagt, was sie besser machen müssen.» Auch Präsident Bernhard Heusler hat nur Lob übrig: «Er hat hervorragende Arbeit geleistet und die Mannschaft darauf eingeschworen, unbedingt diesen siebten Meistertitel zu wollen.»

Alle Skeptiker überzeugt
Fischer selber sagt: «Meistertrainer, das tönt nicht schlecht. Aber es haben viele Leute dazu beigetragen. Ich bin nur ein Teil dieses Ganzen. Der Titel hat mit unserer Konstanz zu tun. Wir sind nie eingebrochen, konnten immer auf Rückschläge sofort reagieren. Meister, das ist eine neue Erfahrung für mich. Das muss ich erst mal verarbeiten. Ich freue mich ungemein, auch wenn man das jetzt so nicht sieht.»

Es hat zu Beginn seiner Basler Zeit vielleicht den einen oder anderen Skeptiker gegeben, der sich gefragt hat, ob der Sprung vom kleinen FC Thun zum FCB nicht ein zu grosser sei für Fischer. Und fühlte sich später bestätigt, als seine Mannschaft gegen Maccabi Tel Aviv die Qualifikation für die Champions League verpasste und dann auch noch im Cup gegen Sion ausschied.

Doch Fischer ist ruhig geblieben. Von den Pessimisten ist nichts mehr zu vernehmen. Obwohl die Verletzungshexe den FCB nicht verschonte – gestern fehlte neben Degen, Lang, Sporar, Akanji, Janko und Hoegh auch noch Safari und musste Taulant Xhaka schon nach 20 Minuten ersetzt werden –, sind die Basler in der Rückrunde noch immer ungeschlagen. Sie haben gestern gegen Sion nicht ihre beste Leistung gezeigt, haben aber durch ein Penaltytor von Matias Delgado (24.) und den neunten Saisontreffer von Birkir Bjarnason (67.) das gemacht, worauf es im Fussball ankommt: die Tore. Die 32 000 erfolgsverwöhnten Zuschauer sind zufrieden und viele von ihnen haben sich zur Meisterfeier auf den «Barfi» begeben. Stolz, Fan eines Klubs zu sein, der zum 19. Mal Meister geworden ist, jetzt schon zum siebten Mal in Folge.

Dass nach den sieben fetten Meisterjahren der FCB nun abstürzt, wäre eine realitätsfremde Vermutung. Eher wird in sechs Jahren Urs Fischer wie Helmut Benthaus siebenfacher Basler Meistertrainer sein. Fischer und der FCB, der FCB und Fischer, das passt einfach.

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