Es wäre einfach, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Der Stoff dazu ist da. Lara Gut und St. Moritz – das passt einfach. Im WM-Ort steht sie zum ersten Mal auf dem Podest eines Weltcuprennens (im Februar 2008 mit 16 Jahren!). In St. Moritz gewinnt sie ihr erstes Weltcuprennen (im Dezember 2008 mit 17!). Und in St. Moritz darf sie im März des vergangenen Jahres die grosse Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup entgegennehmen (mit 24!). Es ist, als ob zwischen der Tessinerin und diesem Ort in den Bergen eine tiefe Verbindung besteht.
Verliebt, verlobt – und nach der WM mit vielen Medaillen im Gepäck verheiratet? Der Gedanke gefällt. Nur passt er nicht zu Lara Gut. Zumindest auf der Piste ist sie keine Romantikerin. Und noch weniger eine Träumerin. Ewige Liebe? Nicht im Sport. Als Sportlerin ist Lara Gut pragmatisch. Vieles ist harte Arbeit. Nichts ist selbstverständlich. Ihr Motto: Lieber besser werden statt zu lange geniessen. Dieses Denken lässt nicht zu, die WM zu lieben, bevor sie zu Ende ist.
Lara Gut wird am 27. April 1991 geboren. Mit Vater Pauli und Mutter Gabrielle lebt sie im Tessiner Dorf Comano in der Nähe von Lugano. Das Ski-Virus hat sie von ihrem Vater. Am Nufenenpass fahren sie Ski. Die Fahrt von Comano nach Airolo dauert gut eine Stunde mit dem Auto. Lara Gut lernt schon früh, dass ihre Leidenschaft mit Aufwand verbunden ist. Ende der 90er-Jahre gründet Pauli Gut den Skiklub Sporting Gottardo. Es ist der Beginn des «Team Gut», welches noch heute die Basis für den Erfolg darstellt.

Falsch verstanden
Die Familie geniesst es, abseits der Verbandsstrukturen zu funktionieren. Als Lara Gut 2007 im Super-G an den Schweizer Meisterschaften startet, hat sie nicht einmal ein Dress von Swiss Ski. Sie startet im Ersatzanzug einer Spanierin. Und gewinnt das Rennen. Zu Beginn ihrer Karriere taucht Lara Gut oft unerkannt auf. So auch in St. Moritz im Februar 2008. Niemand rechnet mit ihr. Und sie fährt in ihrem erst fünften Weltcuprennen aufs Podest.

Natürlich hat Lara Gut ihre Erfolge in St. Moritz nicht vergessen. Natürlich weiss sie, dass sie in den nächsten 14 Tagen sehr gute Chancen hat auf WM-Medaillen. Die Form stimmt, die Piste liegt ihr. Aber das Wissen allein bringt keine Medaillen. Sie sagt sich: Erst muss die Arbeit getan werden, dann kann man reden. Manchmal hat man fast das Gefühl, dass sie noch immer gerne unerkannt auftauchen würde, wie zu Beginn.

Das aber ist längst nicht mehr möglich. Von ihr wird alles erwartet. Darum ist sie vorsichtig mit dem, was sie sagt. Sie weiss, dass jedes Wort zu viel verdreht werden kann. Vor neun Jahren, als in St. Moritz alles rasant begann, konnte sie sich noch nicht abgrenzen. Kein Wunder, mit 16 Jahren. In Interviews wurde sie missverstanden, mal als Prinzessin, mal als Zicke dargestellt. Beides ist sie nicht. Nur sprudelte damals im Rausch der Gefühle alles aus ihr hinaus, ungefiltert – oft anders gemeint.

So schwierig diese Anfangszeit für sie war, so viel hat sie Lara Gut gebracht. Die gewonnene Reife stand am Ursprung des Erfolgs im Gesamtweltcup im vergangenen Jahr. Lara Gut hat gelernt, sich Freiräume zu nehmen. Diese freie Zeit investiert sie ins Training. Denn ihr Erfolg beruht auch auf Arbeit. Das geht oft vergessen. Es ist eine Spätfolge ihres so rasanten Aufstiegs. 2008 kam sie für viele quasi aus dem Nichts und war sofort eine der Besten. Dass diesen frühen Erfolgen aber viel Arbeit zugrunde lag, nahm kaum jemand war. Weil sie sich zuvor unerkannt und abgeschieden entwickeln konnte.

Dies konnte sie nach 2008 nicht mehr. Und sie musste erst lernen, sich die Zeit dafür wieder zu nehmen. Das gelang nur durch konsequente Abgrenzung bei anderen Verpflichtungen. Was ihr fälschlicherweise oft als Arroganz ausgelegt wird. Vor und während dieser Saison hat sich Lara Gut noch mehr zurückgezogen. Sie hat ihre öffentlichen Auftritte auf ein Minimum beschränkt. Damit sie zumindest so gut es noch geht, wie früher funktionieren kann. In Ruhe. Ihre Bereitschaft, dem Erfolg alles unterzuordnen und im Training mehr zu tun als die meisten, zeichnet sie aus. Man könnte sagen: Lara Gut bereitet ihre Hochzeit mit der WM in St. Moritz so gewissenhaft vor wie nur möglich.

Aber dieser Text ist ja keine Liebesgeschichte. Noch nicht.

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