Lara Gut, Ihre Rolle im Schweizer Team hat sich nochmals verändert. Nach dem Rücktritt von Dominique Gisin wird die sowieso schon sehr hohe Erwartungshaltung an Sie nochmals steigen.
Lara Gut: Ich kann immer nur meine eigene Leistung bringen. Ich kann nicht für drei Athletinnen gleichzeitig fahren. Wenn Dominique nicht mehr da ist, kann ich nicht ihre Resultate auch einfahren. Wenn ich gewinne, gewinne ich. Ich kann das gleiche Rennen nicht zweimal gewinnen. Das relativiert die Frage nach dem Druck. Die Ausgangslage ist unverändert: Ich kann nur versuchen, mein Bestes zu geben.

Sollten Sie schlecht fahren, wird es aber sofort heissen: Skikrise im Schweizer Frauenteam!
Das ist Teil des Jobs und gehört zum Sport. In der Öffentlichkeit ist alles immer gleich eine Krise. Das war schon immer so.

Können Sie Kritik tatsächlich komplett ausblenden?
In erster Linie versuche ich, diese Form der Kritik nicht persönlich zu nehmen. Sobald man das Gefühl hat, man ist der einzige Mensch, der in der Schusslinie steht, wird es schwierig, sich zu konzentrieren. Ich versuche, nicht an mir zu zweifeln. Sonst stelle ich mir in den falschen Momenten die Frage, ob es alle anderen wirklich besser wissen. Muss ich auf die anderen hören, um wieder schnell zu sein? Das ist für mich der falsche Weg.

Was ist der richtige Weg?
Wenn ich es umdrehe und mir bewusst mache, dass praktisch alles auf dieser Welt irgendwie kritisiert wird, dann verkleinert sich mein Problem und ich kann den grossen Berg in kleinen Haufen abtragen. So bringe ich Ordnung in die ganze Sache. Es werden weiterhin dumme Sprüche kommen, aber ich kann viel besser damit umgehen. Es ist doch so, dass selbst wenn man in einem Rennen Zweite wird, es immer jemanden gibt, der erklären will, was man noch besser hätte machen können. Es gehört zu meinem Leben als Skirennfahrerin, mit Druck umzugehen und Kritik annehmen zu können.

Ist das eine Frage der mentalen Stärke?
Ich bin der Meinung, dass 90 Prozent der Ergebnisse im Skisport Kopfsache sind. Sowohl wenn es läuft als auch wenn es nicht läuft. In den schlechten Phasen sage ich mir: «Bleib ruhig!» Ich atme durch und arbeite weiter. Es bringt nichts, alles zu hinterfragen. Man muss sich bewusst sein, dass man Skifahren kann. Ich versuche, nicht nach rechts und links zu hören, sonst verliere ich die Orientierung. Natürlich höre ich auf Ratschläge. Aber ich habe über die Jahre gelernt, auf welche Menschen und auf welche Kritik ich hören muss und welche ich besser ignorieren sollte.

Bei Ihnen hat sich viel verändert: Sie fahren neues Material und haben die Zusammenarbeit mit Didier Cuche und dem erfahrenen Trainer Patrice Morisod gesucht. Wie kam es dazu?
Es war nicht so, dass ich am Ende der vergangenen Saison dachte, jetzt muss ich alles ändern. Es ist vielmehr ein stetiger Prozess, meine Fähigkeiten und auch das Material und die Abläufe weiter zu optimieren. Ich habe nicht ausgelernt und der Sport entwickelt sich immer weiter. Wir bewegen uns auf Weltspitzeniveau, da muss einfach fast alles stimmen, damit der Erfolg eintritt. Ich baue immer auf dem Erreichten auf. Ich habe mir nach dem Saisonende die Frage gestellt, woran halte ich weiter fest und wo kann ich noch mehr machen und optimieren? Wo und wie kann ich neue Inputs erlangen? Die Idee war nie, alles auf den Kopf zu stellen und zu verändern. Das würde so nicht funktionieren. Aber ich war der Meinung, einige Änderungen vornehmen zu müssen.

Sie haben sich entschlossen, von Rossignol zu Head zu wechseln.
Mein Vertrag mit Rossignol lief aus. Die Zusammenarbeit war gut. Dennoch war es der richtige Moment, um mich einmal umzuschauen. Ich war neugierig, wollte etwas anderes versuchen. Ich habe einige Anfragen von Firmen erhalten und kurz nach dem Ende der Saison Head getestet. Ich fühlte mich gleich von Anfang an sehr gut mit diesem Material, es hat einfach gepasst.

Haben Sie auch andere Ski getestet? Man hörte, dass die Schweizer Firma Stöckli Interesse hatte.
Nein, ich habe nur Head getestet.

Mit Didier Cuche haben Sie mit einem Head-Experten zusammengearbeitet.
Wenn man die Ski wechselt, ist alles neu. Natürlich habe ich über die Jahre gelernt, auf was man achten muss und was wichtig ist. Aber Didier kennt Head gut und er konnte mir wichtige Ratschläge über das Material geben. Dank ihm konnten wir die Skischuhe schneller und effizienter abstimmen.

Didier Cuche war ein Tüftler. Sind Sie es auch?
Wir sind alle ein bisschen Tüftler – manche mehr als andere. Es war spannend, zu sehen, wie ein anderer Athlet mit genau diesem Material arbeitet. Ich habe so die Möglichkeit erhalten, auf andere, für mich neue, Details zu achten und weitere Feinheiten zu spüren.

Hört auch Head auf Sie? Mit Lindsey Vonn und Anna Fenninger sind zwei der besten Athletinnen der Gegenwart bei Head unter Vertrag, die sicherlich auch ihre Wünsche und Inputs deponieren.
Ja, meine Meinung interessiert Head. Sonst hätten sie kein Interesse, mich im Team zu haben. Jede Athletin ist eine Verstärkung für das Team, denn Head nimmt die Informationen der Fahrerinnen auf und evaluiert sie für die Weiterentwicklung des Materials. Die unterschiedlichen oder manchmal gleichen Inputs helfen auch uns Athletinnen gegenseitig. Und für mich ist es sehr interessant, von den Erfahrungen von Top-Athletinnen wie Anna oder Lindsey zu lernen.

Mit Cuche haben Sie eine Woche getestet. Ist die Zusammenarbeit beendet?
Ich habe mit Didier, aber auch mit Patrice Morisod für diesen Sommer Persönlichkeiten angesprochen, die viel Erfahrung im Skisport haben. Auf meine Anfrage waren sie beide bereit, ihre Erfahrungen mit mir zu teilen, damit ich nochmals einen Schritt weiter komme. Aber Didier hat genau wie Patrice noch andere Aufgaben und Jobs. Sie erweiterten meinen Horizont, sind aber nicht fester Bestandteil meines Teams.

Ihr Vater bleibt der wichtigste Trainer?
Mein Vater ist mein Trainer. Das war so und bleibt so.

Und auch die Zusammenarbeit mit Swiss-Ski bleibt unverändert? Das Team Gut bleibt ein Privatteam?
Genau. Die Situation ist die gleiche wie im vergangenen Winter. Mein Vater ist von Swiss-Ski auf Mandatsbasis als Trainer angestellt. Anders als im letzten Sommer werde ich in diesem Jahr aber wieder nach Südamerika fliegen und dort dann mit den anderen Swiss-Ski-Athletinnen trainieren.

Wir hatten das Thema Kritik. Ist Bekanntheit nur Last oder hat sie auch positive Seiten?
Natürlich ist es schön, wenn ich nach einem Sieg tolle Reaktionen bekomme, wenn ich erfahre, dass ich durch die Ausübung meiner Leidenschaft den Tag von anderen Menschen schöner machen kann. Das gibt mir viel. Ich versuche, etwas zurückzugeben, auch wenn es nur ist, mir beim Vorbeigehen die Zeit für ein Autogramm zu nehmen und Hallo zu sagen.

Oder, dass Sie auf Facebook Teile Ihres Lebens mit den Fans teilen.
Ich finde es spannend, zu sehen, wie sich die digitale Vernetzung entwickelt, und es ist eine Form, wie ich mit meinen Fans und Freunden in Verbindung treten kann – überall auf der Welt. Sehen Sie: Wenn ich jeden Tag ein Bild aus dem Training veröffentliche, finden das die Menschen schnell langweilig. Darum veröffentliche ich auch andere Momente. So zeige ich Bilder, welche entstehen, wenn ich richtig Spass habe. Dann entsteht vielleicht schnell der Eindruck, dass Skifahrer ein tolles Leben haben. Das ist so und ich lebe meinen Traum. Aber es ist auch harte Arbeit und der Spitzensport kann brutal sein. Meine Leidenschaft, auf den Ski zu stehen, ist zeitmässig ein kleinerer Teil meiner Aufwände. Den Rest der Woche schufte ich hart.

Das Internet lässt sich kaum kontrollieren.
Ich versuche, zu kontrollieren. Ich will nicht, dass über mich oder meine Facebook-Seite ein Streit ausgetragen wird. Es ist kein Kampfring. Jeder darf kritisieren. Aber mit Anstand.

Anna Fenninger hatte Ihren Ärger über den Verband öffentlich über Facebook kundgetan.
Auch ich finde es gut, wenn ich Falschmeldungen der Medien auf diese Weise richtigstellen kann.

Der Fall von Anna Fenninger führte fast zum Bruch mit dem österreichischen Skiverband. Es ging um private Sponsoren. Auch Sie haben schon negative Erfahrungen mit dem Thema gemacht.
Oft ziehen Verbände und Rennfahrer am gleichen Strick. Aber es liegt in der Natur der Sache, dass auch Interessenkonflikte entstehen. Situationen wie diese von Anna habe ich persönlich auch schon erlebt und bin dafür sogar von Swiss-Ski für zwei Rennen gesperrt worden.

Welche Konflikte entstehen?
Es geht um die Imagerechte an uns Athletinnen und Athleten. Der Verband darf uns als Werbeträger nutzen und wir erhalten von Swiss-Ski die nötige Unterstützung in Form von Trainings etc. für die Ausübung unseres Sports. Das sind die Gegenleistungen. Hier drängt sich die Frage auf, wo die Leistungen von uns Rennfahrern anfangen und wo sie enden. Denn die Imagerechte gehören dem Athleten selber. Ich bin der Meinung, die Rechte an uns sollten auf den Arbeitsplatz begrenzt sein – und unser Arbeitsplatz ist die Skipiste. Was ich als Privatperson tue und mache, sollte meine Sache sein. Aber hier existieren verschiedene Meinungen und Interessen und es wird nicht einfach, eine Lösung zu finden.

Athletinnen und Athleten sollten sich also privat vermarkten dürfen? Auch wenn der Sponsor in direkter Konkurrenz zum Verbandssponsor steht?
Wenn ich am Abend nach dem Rennen privat mit Freunden oder der Familie in einem Restaurant esse und die Sponsorenkleider des Verbandes nicht trage, könnte es zum Problem werden. Ich bin dort aber nicht als Skifahrerin, sondern als Privatperson. Aber es ist mit meinem Skifahrer-Leben verbunden, denn es findet in einem Rennort und an einem Rennwochenende statt, wo auch offizielle Bilder entstehen können. Das sind manchmal unklare Situationen, welche zu Diskussionen führen können. Anderes Beispiel: Ragusa ist mein Hauptsponsor. Wenn beim Verband ein neuer Sponsor der gleichen Branche einsteigt, dann käme es zu einer Konfliktsituation.

Steht der Frauenskisport noch immer im Schatten der Männer?
Die Pisten der Frauen werden immer mehr entschärft. Wir fahren quasi eine flache Autobahn hinunter und da verstehe ich, dass es nach fünf Athletinnen für die Zuschauer langweilig wird. Das heisst jetzt nicht, dass wir sofort alle Frauen nach Kitzbühel schicken sollten, aber es gibt Möglichkeiten, um die Frauenrennen spannender zu machen. Wir sollten wegkommen von flachen und langweiligen Pisten und hin zu mehr Wellen und tollen Kurven. Wir sind Profis und können mit den Risiken umgehen. Wenn wir es nicht können, wer dann?

Es kommen neue Veranstaltungsorte dazu. Jüngst wurden die Olympischen Spiele 2022 nach Peking vergeben. 2018 reisen Sie nach Südkorea. Ist das die richtige Entwicklung für den Skisport?
Es ist weniger die Entwicklung des Skisports, sondern die des IOC, also des Olympischen Komitees. Die Ski-Weltmeisterschaften finden nach wie vor grösstenteils in Europa statt. Das IOC aber sucht neue Märkte mit Potenzial. Ich bin nicht grundsätzlich dagegen, wenn es eine Logik gibt. Wir fahren ja schliesslich Weltcup und es ist schön, wenn wir überall auf der Welt Rennen fahren dürfen und wenn wir in Länder gehen, wo wir das Interesse für unsere Sportart wecken können, ist das wichtig und toll.

Rennen in Asien bedeuten aber auch noch weitere Reisen. Schon jetzt beklagen sich Athletinnen und Athleten über die Belastungen einer langen Saison. Wird das nicht zum Problem?
Das Problem sind gar nicht zwingend die weiten Reisen. Man reist zum Beispiel nach Nordamerika und ist dann für Training und einige Rennen dort. In Europa hat aber jedes Rennen sein festes und traditionelles Wunschdatum. Dann reisen wir hoch nach Finnland, wieder runter in die Alpen und wieder hoch nach Norwegen. Man sollte diese Reisen besser koordinieren. Das würde uns entlasten. Mir ist aber bewusst, dass da viele Interessen im Spiel sind.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper