Es war einmal ein Luftibus. Ein Amateurspieler, wie es viele andere gibt. Okay, etwas treffsicherer und talentierter als andere. Einer, dem als Teenager in der 2. Liga auch mal 30 Tore in der Saison gelangen. Abgesehen davon? Einer, wie viele andere pubertierende Jungs. Kumpels, Ausgang, Mädchen, Muttenzerkurve, irgendwie die Lehre mit Anstand beenden und Fussball zum Plausch. Einer, der am Sonntagmorgen auch mal mit kleinen Augen auf den Platz marschierte.

Es war einmal ein Luftibus, der halt doch viel besser Fussball spielt als viele andere. Der so gut ist, dass er es sich leisten kann, im «Bajazzo» in Muttenz zu jassen, während seine Teamkollegen in Thun trainieren. «Stau am Belchen», so die Ausrede.

Es war einmal ein Luftibus, der so unbekümmert ist, dass ihn selbst ein Eigentor im ersten Spiel für den FCB nicht aus der Bahn wirft. Der aber bereits im zweiten Einsatz, zwei Jahre später, die erste Stufe zum Basler Fussball-Thron nimmt. 1:2 liegt Basel gegen YB hinten, als Marco Streller eingewechselt wird. Der Mann, der Jahre später zum «König von Basel» erkoren wird, trifft zum Ausgleich und gibt den Assist zum 3:2. Streller schiesst durch die Decke. Lang, spielstark, gute Technik, leidenschaftlich – Anfang der Nullerjahre der Prototyp des modernen Stürmers.

Mit dem Auto nach Basel
Es war einmal ein Luftibus, der gerne Wurzeln schlägt. Der sein Glück nicht in der Ferne sucht. Der sein Basel über alle Massen liebt. Und der fürchterlich unter Flugangst leidet. Dessen schlimmster Tag in seinem Fussballerleben nicht jener ist, an dem er an der WM einen Penalty verschiesst, sondern jener, an dem er Abschied nimmt aus Basel. Liverpool oder Stuttgart, lautet die Frage nach lediglich einer halben Saison beim FCB. 40 000 Pfund pro Woche könnte er in England verdienen. Aber Stuttgart ist im Gegensatz zu Liverpool mit dem Auto von Basel aus gut und schnell erreichbar.

Es war einmal ein Luftibus, der nicht entscheidungsfreudig ist. Der es gerne harmonisch und lustig hat. Der Menschen jeder Couleur rasch in die Arme schliesst. Der sich weder verbiegt noch abhebt, nur weil er jetzt als Fussballstar für Schlagzeilen sorgt. Der gutmütig zu Menschen, liederlich zu seinem Körper und opportunistisch in seinen Entscheidungen ist. Der im WM-Achtelfinal gegen die Ukraine von Trainer Köbi Kuhn zum Penaltyschützen bestimmt wird. Der zwar findet, er sei kein guter Penaltyschütze, aber diesen Gedanken nicht teilt. Der sich verpflichtet fühlt, Verantwortung zu übernehmen, weil es andere nicht tun wollen. Dem es aber die Luft beinahe zuschnürt, während er zum Punkt schreitet. Der aus Nervosität unbewusst züngelt, was ihm später in Kombination mit dem schwach getretenen Penalty fälschlicherweise als Überheblichkeit ausgelegt wird. Und der sich in der Folge nicht mehr in eine andere Schweizer Stadt getraut. Dabei war er noch Monate zuvor, dank seinem Tor in der Türkei, das die Schweiz an die WM katapultierte, landesweiter Fussballgott.

Es war einmal ein Luftibus, der in Stuttgart zwar Meister, aber nicht glücklich wird. Der sich so lange mit dem Gedanken rumschlägt, die Offerte von Nürnberg anzunehmen, dass er einen Tag vor der Entscheidungsfrist beinahe panisch einen Ausweg sucht. Er will zurück zum FCB. Aber er kann nicht von sich aus Kontakt zu Präsidentin Gigi Oeri aufnehmen, weil er sich damals, 2004, nicht im Guten vom FCB getrennt hat. Aus dem Urlaub in Sardinien ruft er Georg Heitz an mit der Bitte, er solle «etwas machen». Heitz, damals noch bei der Fifa angestellt, macht etwas. Einen Tag später sitzt er mit der FCB-Delegation in Oeris Flugzeug, man einigt sich auf der Mittelmeerinsel, und Heitz wird später Strellers Vorgänger als Sportdirektor.

Wenn der Anstand fehlt
Es war einmal ein Luftibus, bis das erste seiner zwei Kinder auf die Welt kommt. Die Rolle als Vater macht ihn reifer, geduldiger, abgeklärter. Das passt. Denn auch die Mitspieler werden immer jünger, schauen zu ihm auf, erwarten von ihm eine Vorreiterrolle. Noch ist der strenge Christian Gross Trainer – und der brave Franco Costanzo Captain in Basel. Aber Streller ist der Spieler, der die Jungen führt. Nicht mit Härte. Dafür ist später Alex Frei verantwortlich, womit allen gedient ist. Streller ist der feinfühlige Leader. Einzig kompromisslos, wenn es einem Spieler an Identifikation oder Anstand mangelt.

Es war einmal ein Captain, eine Galionsfigur des FC Basel, der eine beispiellose Erfolgsgeschichte schreibt. Es war einmal ein Captain, der die Mannschaft eint. Aber auch einer, der sich nicht wichtiger nimmt, als er ist. Der für eine einzigartige Stimmung im Team sorgt. Und der sich treu bleibt, gar nicht erst versucht, das Spielerische, das Lausbübische mit aufgesetzter Ernsthaftigkeit zu überspielen. Ein Captain, der intuitiv handelt. Der auf dem Trainingsplatz auch mal sagt: «Jungs, heute gehen wir essen.» Oder: «Heute gehen wir ins Kino.» Oder: «Heute gehen wir einen trinken.»

«Diese Veranstaltungen waren häufig etwas chaotisch», erinnert sich ein Mitspieler, «aber immer sehr fröhlich.» Als er sein Haus baut, kündigt Streller eine Einweihungsparty an. Die Party findet denn auch statt. Aber erst zwei Jahre nach Strellers Einzug. Typisch, sagt ein Mitspieler. Aber es ist ein wertfreies «typisch», ohne kritischen Unterton.

Es war einmal ein Captain, der nie mit seiner Meinung hinter dem Berg hält, gleichzeitig aber ständig bemüht ist um Harmonie. Im Herbst 2013 wird Streller in Bukarest ausgewechselt. Der Trainer Murat Yakin deutet ein Handzeichen von Streller als Wunsch, vom Platz zu gehen. Als Streller von Yakins Version erfährt, widerspricht er vehement. Doch es kommt nicht zum Zerwürfnis der zwei Alphatiere, schon am nächsten Tag klären sie die Angelegenheit unter Männern.

Die Episode ist der Beginn einer langen Phase der Unruhe. Zielscheibe der Kritik: Yakin. Streller könnte es sich einfach machen. In den Kanon der Yakin-Kritiker einstimmen, diesen quasi zum Abschuss freigeben. Doch das tut er nicht. Stattdessen löscht er, so gut es eben geht. Erst, als er die Ausweglosigkeit erkennt, stellt er sich vor seine Freunde und gegen Yakin – zum Wohl des Klubs, der für ihn immer über allem steht.

Es wird einmal ein Sportdirektor Streller, was frühere Mitspieler mit Stirnrunzeln zur Kenntnis nehmen. Sicher, er hat eine KV-Lehre absolviert, kann mit Zahlen umgehen, ist ein guter Verkäufer, hat eine grosse Sozialkompetenz, ist ein Kind der Stadt und des Vereins. Aber: Wie steht es um seine Beharrlichkeit, seinen Pragmatismus, seine Entscheidungsfreudigkeit?

Streller ist einer, der sich sehr gut selber einschätzen kann. Schwächen? Kein Problem. Es gibt andere, die ihre Stärken dort haben, wo er seine Schwächen hat. Beispielsweise Alex Frei, sein alter neuer Partner.

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