Sehen wir derzeit den besten Granit Xhaka, den es je gab?
Granit Xhaka: Ich bin ein ehrgeiziger, junger, ehrlicher Mensch. Darum sage ich: Ja! Ich weiss, dass mein erstes Jahr in Mönchengladbach nicht optimal lief. Aber nun sieht man wirklich den besten Granit Xhaka, seit ich Fussballprofi bin.

Was brauchte es, um die Fehler von damals zu überwinden?
Ich kam als 19-Jähriger nach Gladbach. Mit Titeln im Rucksack. Mit sehr viel Euphorie. Als Nationalspieler. Und ich bin in der Schweiz immer nur gelobt worden. Eigentlich wollte ich genau gleich weitermachen. Aber ich sprach ein bisschen zu viel, leistete dafür ein bisschen weniger und probierte Sachen auf dem Platz, die ich bei Basel gar nie gemacht habe. Da frage ich mich bis heute, was eigentlich mit mir los war. Ich wollte schlicht zu viel. Jetzt konzentriere ich mich auf die Aufgaben des Trainers, erfülle sie, Punkt.

Damals haben Sie bemängelt, dass viele Leute primär denken: «Hoffentlich steigen wir nicht ab!» Sie wollten helfen, dem Verein die Siegermentalität einzuimpfen. Wie denken Sie heute darüber?
Erst einmal: Ich bin froh über meine Worte von damals. Heute ist es bei der Borussia undenkbar, dass jemand mit dem Klassenerhalt zufrieden ist. Zu sagen, «wir spielen nur, um nicht abzusteigen», sind Aussagen von Vereinen, die nicht an sich glauben.

Halfen die Erfahrungen mit der Kritik an Ihrer Person in der Entwicklung?
Aus heutiger Sicht: Absolut! Ich wusste, dass irgendwann der Stein kommt, der mich aufhält. Dass ich irgendwann «auf die Fresse» bekomme. Das geschah, und nicht zu knapp.

War es die schwierigste Zeit Ihrer Fussballkarriere?
Nein. Mit 16 hatte ich einen Kreuzbandriss. Als ich danach wieder fit war, klappte überhaupt nichts mehr. Ich hatte Angst in jedem Zweikampf. Ich hatte mit dem Fussball eigentlich schon abgeschlossen, wollte mehr in die Ausbildung investieren. Doch dann kam die U17-WM, wo ich riesiges Glück hatte, überhaupt dabei zu sein.

Warum?
Weil sich mit Renato Santabarbara ein Stammspieler verletzte. Nur deswegen bekam ich die Chance. Und die habe ich dann genutzt.

Mittlerweile sind die Kritiker verstummt. In dieser Woche stand beispielsweise in der «Rheinischen Post»: «Xhaka prägt das Spiel von Mönchengladbach so stark wie niemand mehr seit Stefan Effenberg».
Das ist ein schönes Kompliment. Aber deswegen muss ich die Zeitung nicht nach Hause nehmen und einrahmen.

Sie verlängerten Anfang des Jahres Ihren Vertrag vorzeitig bis 2019. Was bedeutet das für Ihre Karriereplanung?
Die Philosophie des Vereins ist hervorragend. Seit Jahren. Es war ein Zeichen von mir an den Klub. Auch an jene Spieler, die vielleicht noch kommen. Ein Zeichen, dass wir noch einmal einen Schritt weiter nach vorne kommen wollen. In die Champions League. Das muss das nächste Ziel sein.

Nun berichtet die «Bild» von einer Ausstiegsklausel 2017 über 30 Millionen Euro. Und dass mit Bayern München ausgerechnet der Gegner vom Sonntag (heute, d. Red.) Sie genau beobachtet. Würden Sie sich die Bayern zutrauen?
Der FC Bayern ist ein erstklassiger Klub – und wenn sich so ein Top-Verein für mich interessiert, ehrt mich das sehr. Aber ich habe einen langfristigen Vertrag bei Borussia und habe deshalb momentan nur Gladbach im Kopf – und das möchte ich auch am Sonntag zeigen.

Warum sind die Bayern unantastbar?
Wenn Sie mich fragen, dann lautet die Antwort: Nein, die Bayern sind nicht unantastbar. Auch die Bayern sind schlagbar. Aber natürlich braucht es dafür einen perfekten Tag. Perfekte Defensivarbeit. Perfektes Umschaltspiel. Perfekte Abschlüsse vor dem Tor. Im Hinspiel waren wir sehr gut. Aber das reicht manchmal eben auch nicht. Vor allem, wenn der Gegner Manuel Neuer im Tor hat.

Ein Freund hat mir kürzlich von einer Wette erzählt. Als Sie 2012 zu Gladbach wechselten, sagte er: «Granit Xhaka spielt spätestens in fünf Jahren für einen Top-6-Klub in Europa.» Gewinnt er die Wette?
Ich beurteile mich nicht gern selbst. Sagen wir es so: Mein Traum war und bleibt die Premier League. Ich denke, ich bin auf gutem Weg dazu und überzeugt, dass er in Erfüllung geht. Am liebsten bei Manchester United. Aber auf den Verein kommt es eigentlich nicht an.

Der neue Fernsehvertrag in England ändert einiges. Die Vereine werden noch mehr Geld haben, um Spieler wie Sie zu locken.
Das mag sein. Und es stimmt wohl auch, dass in England viele Spieler überbezahlt sind. Aber deswegen wechsle ich trotzdem nie in die Premier League zu einem Abstiegskandidaten.

Wurden Sie heimisch in Gladbach?
Ja. Ich wohne zwei Minuten vom Stadion entfernt. In meiner Nachbarschaft wohnen zwei albanische Familien, die zu engen Freunden geworden sind. Ich bin viel mit ihnen zusammen, sie kochen manchmal für mich oder wir verbringen sonst viel Zeit miteinander. Das tut mir als Familienmensch gut, meine Eltern können ja auch nicht die ganze Zeit hier verbringen.

Apropos Eltern: Früher gaben Sie Ihr Geld den Eltern zur Verwaltung – ist das immer noch so?
Ja. Wenn es darum geht, etwas einzukaufen, frage ich meine Eltern, was sie darüber denken. Natürlich nicht, wenn es nur um eine neue Jeans geht.

Würden Sie sich als Modefreak bezeichnen?
Also wenn jemand meinen Schrank sähe mit all den Kleidern und Schuhen, dann kann es nur ein Urteil geben: Ich bin schlimmer als jede Frau (lacht).

Sie sind in der Schweiz geboren, Ihre Eltern aber kosovarischer Herkunft. Wie häufig besuchen Sie Ihre Heimat?
Einmal jeden Sommer und einmal jeden Winter. Unsere gesamte Verwandtschaft lebt im Kosovo, in der Schweiz haben wir niemanden. Vielleicht ist unser Zusammenhalt auch deswegen noch ein bisschen stärker, weil wir in einer besonderen Familienkonstellation leben. Der Bruder meines Vaters ist mit der Schwester meiner Mutter verheiratet.

Im Kosovo findet momentan eine grosse Abwanderungswelle statt. Wie nehmen Sie das wahr? Und was sollen Ihre Landsleute tun, bleiben oder gehen?
Das tut natürlich weh. Der Kosovo will vorwärtskommen. Aber es ist Fakt, dass viel zu viele Leute Arbeit suchen. Darum kann ich es – leider – nachvollziehen.

Warum kommt der Kosovo wirtschaftlich nicht auf Touren?
Aus der Ferne ist dies schwierig zu beurteilen. Aber: Zwischen 60 und 70 Prozent der Bevölkerung sind junge Leute. Wenn du in einem Café bist, egal, ob im Sommer oder im Winter, dann ist es immer rappelvoll. Die Leute haben zu wenig Arbeit. Und das ist eine mittlere Katastrophe, die sich dringend ändern muss. Wenigstens haben die allermeisten noch immer ein Lachen im Gesicht. Das zeigt: Es gibt Hoffnung.

Sprechen wir noch über das Nationalteam. Welche Erinnerungen haben Sie an die WM?
Die WM war einerseits erfolgreich. Aber andererseits auch enttäuschend.

Welche Gefühlslage dominiert?
Eher die enttäuschende. Das letzte Spiel ist eben prägend – und das war eine Niederlage. Wir sind im Achtelfinal gegen Argentinien zwar unverdient rausgeflogen. Im Nachhinein finde ich aber: Es wäre mehr möglich gewesen.

Wie hat sich die Nationalmannschaft seither entwickelt?
Das Team ist fast identisch wie jenes von Ottmar Hitzfeld. Aber die Ausrichtung ist unter Vladimir Petkovic ganz anders. Wir gestalten das Spiel aktiver. Dass wir Anlaufzeit brauchen, ist klar. Das sagte uns auch Petkovic. Aber ich bin überzeugt, dass dieser Weg gut kommt.

Der Start in die EM-Qualifikation ist mit zwei Niederlagen gegen England und Slowenien missglückt. Hat ihn das Team mittlerweile überwunden?
Der Druck ist sicher noch da. England ist vorne weg. Dann kommen drei Teams mit sechs Punkten. Wir müssen das Heimspiel gegen Estland gewinnen. Dann sind wir wieder voll im Rennen.

Ist es gut, als Team solche Widerstände überwinden zu müssen?
Es tut immer gut, als Mannschaft einmal auf die Schnauze zu fallen. Vielleicht haben wir nach der WM gedacht, es laufe jetzt alles von selbst, dass wir die «kleinen» Gegner automatisch schlagen. Klar waren die Spiele gegen England und Slowenien nicht so schlecht, aber wir wurden zweimal gnadenlos ausgekontert, das darf nicht mehr passieren. Was klar ist: Wir müssen an die EM kommen, da gibt es keine Ausreden.

Sie sagten einmal: «Wenn alles gut läuft, ist für dieses Schweizer Team ein WM-Halbfinal möglich.» Gilt das auch für die EM?
Verstecken müssen wir uns nicht. Wir haben viele Stammspieler, die in den besten Ligen Europas regelmässig und gut spielen. Die Super League macht Fortschritte, Basel und YB sind international erfolgreich. Und die Gegner sehen uns nicht mehr als kleines Team, deren Land nur sieben Millionen Einwohner hat.

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