VON FRANÇOIS SCHMID-BECHTELUND DOMINIQUE WEHRLE

Warum trifft Alex Frei beim FCB regelmässig, wartet aber im Nationalteam seit über einem Jahr auf einen Treffer?
Wenn ein Stürmer ein Tor machen will, dann muss er auch Bälle kriegen. Bei uns wird er mit Bällen gefüttert. Aber wie will er in der Nati treffen, wenn er keinen vernünftigen Ball kriegt? Er ist viel mehr gelaufen als alle anderen, er hat was versucht.

Ein Plädoyer für Frei?
Die Schweizer Nationalmannschaft hat gegen England einfach zu wenig nach vorne getan, zu mutlos gespielt.

Müssen Sie jetzt die Nationalspieler aufpäppeln?
Es ist sicherlich so, dass sie gerne zurückkommen. Einen wie Frei braucht man nicht wieder gross aufzubauen. Er ist mental ziemlich stark. Man muss auch mal sagen, dass er schlecht dargestellt wird. Ich sage es jedes Mal zu den Journalisten, aber keiner schreibt es.

Was?
Jeder will ihn als Enfant terrible darstellen. Ich muss Ihnen ganz ehrlich sagen, Alex Frei hätte wegen seiner Verletzung nicht mit zur WM fahren dürfen. Aber er hat sich für die Schweiz gequält, weil er unbedingt helfen wollte. Dann kehrt er zurück und mit Hitzfeld ist abgemacht worden, dass er gegen Österreich aussetzt. In dieser Zeit sollte er Pause machen. Doch es wird so dargestellt, als ob er nicht zur Nationalmannschaft gehen wolle. Wenn es um Frei geht, werden viele Lügen verbreitet. Das gefällt mir nicht. Auch seine Aussage, dass er lieber in der Spitze spielt als dahinter, wurde verdreht. Das sind Dinge, die gehen nicht.

Ist das ein Mentalitätsproblem von uns Schweizern?
Das weiss ich nicht. Mir wächst kein Gras in der Hand und ich habe keine Sandalen an. Er wird einfach falsch dargestellt. Das gibt es in Deutschland auch. Dabei ist er der Vorzeigefussballer der Schweiz. Nichts anderes. Dass er öfters mal aneckt mit irgendwelchen Aussagen, ist doch positiv. Wenn er mal aufhört, wird jeder nach Alex Frei schreien.

Im Gegenzug gehen die Basler Spieler für den Trainer durchs Feuer.
Ich kann nicht sagen, dass sie für mich durchs Feuer gehen, weil wir noch nie durchs Feuer gegangen sind. Wir hatten am Anfang eine schwierige Phase, aber danach liefs ja sehr gut. Sicherlich sind wir eine Einheit, das merkt man schon. Das Teamwork ist bei uns sehr, sehr wichtig und ich lebe das im Umgang mit meinem Staff auch vor. Ich gebe Verantwortung ab, den Spielern, den Trainern, den Physios. Das ist Teil meiner Philosophie. Ich könnte auch alles selber entscheiden und kein Spieler darf den Bleistift heben, ohne dass ich es sage. Wichtig ist der Respekt, der Umgang mit den Menschen allgemein. Jeder wird bei mir gleich behandelt.

Das sagt doch jeder Trainer und dann ist es doch nicht der Fall.
Bei mir nicht. Ich habe Verantwortung gegenüber dem Klub und der Mannschaft. Ist doch klar, dass ein Alex Frei mehr machen darf, weil er mehr Verantwortung übernimmt. Eigentlich spreche ich mit den Spielern, die nicht spielen, viel mehr. So merken sie, dass sie gebraucht werden. Letzte Saison war jeder Spieler in irgendeinem Spiel wichtig.

Sie haben nach dem harzigen Start in Basel gesagt, es sei wichtig, dass die Spieler an den Trainer glauben. Wie haben Sie diesen Glauben vermittelt?
Sicherlich habe ich in der Anfangsphase Kredit genossen. Du musst die Spieler immer wieder überzeugen, dass es gut ist, was man macht. Man muss ihnen zeigen, dass man viel mehr Ahnung hat als sie.

Es scheint, als gäbe es keine unzufriedenen Spieler beim FC Basel.
Ach, es gibt auch unzufriedene. Ich mag keine Spieler, die nur zufrieden sind. Aber es muss eine produktive Unzufriedenheit sein. Kontraproduktiv Unzufriedene machen Stunk. Solche Spieler brauche ich nicht. Dafür solche, die mir im Training mit Einsatz zeigen, dass sie in die Mannschaft gehören. Das ist eine Unzufriedenheit, die ich haben möchte. Das scheint bei uns zu stimmen.

Aber die Nummer 16 beim FC Basel läuft lieber gegen Bayern als gegen Bellinzona auf.
Aber die Nummer 16 von uns hat auch die Qualität, dort einzulaufen. Ich habe ja immer gesagt, die Spieler dürfen froh sein, dass sie hier sind. Wenn wir zweimal hintereinander in die Champions League kommen, ist es für jeden Spieler interessant, beim FC Basel zu sein. Da muss man nicht zu einem Mittelfeldklub der Bundesliga wechseln. Valentin Stocker sagt: Ich habe hier alles, warum soll ich weg. Wir haben ja schon ein paar kurze Gespräche geführt über meine Vertragsverlängerung. Wenn der Vertrag verlängert ist, dann ist das auch ein Zeichen von mir an die Mannschaft. Ich zeige, ich möchte hier langfristig arbeiten. Weil man hier noch mehr erreichen kann.

Was heisst noch mehr?
Jedes Jahr Champions League spielen. Infrastruktur verbessern. Vielleicht einen beheizten Rasenplatz im Training haben. Kleinigkeiten halt. Die besten Rahmenbedingungen für die Spieler schaffen. Das ist ein Ziel von mir. Nicht unbedingt Spieler für Millionen holen. Die Philosophie wollen wir weiter tragen. Wir wollen nicht jeden jungen Spieler verkaufen, aber die Philosophie des Vereins ist, junge Spieler auszubilden und dann zu verkaufen. Gigi Oeri hätte wohl das Geld, einen Thierry Henry zu kaufen. Aber das entspricht nicht der Philosophie des Vereins.

Waren Sie ein Faktor, dass die Leistungsträger in der Sommerpause den Verein nicht gewechselt haben?
Ob das alles richtig war, werden wir Ende Saison sehen. Es ist sicherlich förderlich, dass wir zusammengeblieben sind.

Aber es gibt begehrte Spieler wie Stocker, Shaqiri oder Safari, die den FCB offenbar nicht als Durchlauferhitzer betrachten.
Kein Spieler sagt zu mir, ich bleibe hier, weil du da bist. (Josef Zindel, FCB-Medienchef, unterbricht: «Als Safari nach der Sommerpause zurückgekommen ist, hat er geschwärmt, dass er wieder hier sein kann.») Ja, okay. Die Spieler müssen Spass daran haben, auf den Platz zu gehen. Man hat an der WM gesehen, dass die Deutschen und die Spanier Spass an der Arbeit hatten. Nur so kann man Topleistungen abrufen. Ich will keine Spieler, für die es ein Muss ist, auf den Platz zu gehen oder die Angst haben vor einer schwierigen Aufgabe. Bei uns sieht man: Sie haben keine Angst, verstecken sich nicht, die wollen auch in Rom Fussball spielen. Das versuche ich zu vermitteln.

Spüren Sie, ob ein Spieler mit Lust auf den Platz geht oder ob er Angst hat?
Manchmal schon. Man ist als Trainer auch Psychologe. Ich muss schauen, dass die Spieler motiviert sind. Ich frage sie zum Beispiel: Was verlange ich von dir? Ich habe auch neue Ideen im Kopf.

Zum Beispiel?
Ich plane, dass die Spieler aufschreiben, welche negativen und positiven Gedanken sie während einer Partie haben. Die negativen Gedanken hemmen die Leistung. Man denkt vielleicht: Oh, mein Gegenspieler ist stark. Oder: Fehlpass, Scheisse, was denkt jetzt der Trainer. Das sind negative Gedanken. Ich will, dass sich die Spieler an die positiven Gedanken klammern. Zum Beispiel: Oh, war das ein toller Pass.

Sie können an der Linie stark beeinflussen, ob sich ein Spieler mit negativen Gedanken plagt.
Ich flippe nie aus, wenn ein Spieler einen Fehlpass macht. Ich schimpfe höchstens, wenn grundlegende Dinge falsch gemacht werden. Wenn ich einem Spieler sage: spiel einfach. Und er spielt dann den schwierigen Ball, dann kann es schon mal passieren, dass ich laut werde. Ich bin impulsiv an der Linie, mit Leidenschaft dabei.

Die Beziehung Fink/Basel erscheint wie der Stoff aus einem Liebesroman.
Ja, im Moment schon. Ich war kürzlich bei einem Forum der weltbesten Trainer. Da ging es auch um die Macht der Spieler. Carlo Ancelotti (Chelsea-Trainer; Red.) sagte, er könne super damit umgehen, wenn Spieler so viel Macht haben. Denn die Grossverdiener sind jene Spieler, die ihm auch die Leistung bringen. Alex Ferguson (ManU-Trainer; Red.) hat gemeint, es sei wichtig, dass der Verein den Trainer zum wichtigsten Mann im Team erkläre. Dass die Spieler bei Problemen erst zum Trainer gehen und der dann alles regelt.

Wie wird diese Liebe honoriert?
Geld spielt natürlich auch eine Rolle. Das ist ja ganz klar.

Eine entscheidende?
Nein. Ich bin hierhergekommen und wir haben nicht verhandelt. Ich wollte meinen Staff haben, das war das Einzige, worüber wir verhandelt haben.

Sie haben sofort akzeptiert, was der FC Basel geboten hat?
Ja.

Ohne ein Wort zu sagen?
Ohne ein Wort zu sagen.

Gut, dann war es verdammt viel Geld.
Nein.

Aber Sie dachten, bei Ihrem Gehalt würde es sich um Euro und nicht um Franken handeln.
Ja, das stimmt.

Also ist Ihnen egal, wenn Alex Frei mehr verdient als Sie?
Natürlich. Ich bin froh, dass ich Alex Frei habe. Meinen Sie, da frage ich, was der verdient? Oder dass ich mich querstelle, weil er mehr verdient als ich? Es ist ja klar, dass der Trainer nicht das kleinste Salär bekommt, er hat ja die grösste Verantwortung. Es ist auch klar, dass er irgendwo oben angesiedelt wird. Aber im letzten Jahr ging es für mich nur um das Sportliche. In diesem Jahr geht es mir auch ums Sportliche, aber jetzt kommt auch die finanzielle Komponente dazu. Wenn jetzt ein anderer Verein kommen würde, ein mittelmässiger Bundesliga-Klub, und mir drei Viertel mehr Gehalt böte, würde ich trotzdem hier bleiben.

Immer noch der bescheidene Junge aus dem Ruhrpott? Sie mussten sich als Kind ja mit wenig begnügen. Die fünfköpfige Familie Fink bewohnte eine 54 Quadratmeter grosse Wohnung.
Ich fand das damals nicht eng. Mein Vater ist ein harter Arbeiter, meine Mutter auch und ich denke schon, dass ich was mitgenommen habe. Auch Grundprinzipien. Bei meinem Amtsantritt hier habe ich gesagt, ich lege Wert auf Respekt und Anstand. Wenn eine ältere Frau reinkommt, möchte ich, dass die Spieler ihr die Tür aufhalten. Das lebe ich vor, das habe ich von meinen Eltern mitbekommen. Ich weiss nicht, ob ich mit meiner Familie heute auf 54 Quadratmetern leben könnte. Aber ich habe ein tolles Leben gehabt in der Jugend, ich war jeden Tag auf dem Sportplatz. Meine Eltern haben mir alles ermöglicht.

Und Sie haben sich nicht verändert, nachdem Sie als Spieler zu den schillernden Bayern gewechselt haben?
Nein, aber soll ich mich jetzt selber loben? Ich bin einfach, offen, habe zu jedem Kontakt, spreche mit jedem über alles. Das macht mir auch Spass. Ich mag die Geschichte: Ein Vater geht mit seinem Sohn in die Berge. Der Sohn fällt hin und schreit «Aua». Es kommt ein «Aua» zurück. Dann ruft der Sohn «Wer ist da?». «Wer ist da?», tönt es zurück. Weil keiner antwortet, ruft er «A...» und dann kommt auch «A...» zurück. Schliesslich klärt ihn der Vater auf. Das ist wie das wahre Leben.

Haben Sie sich jemals gesagt: «Ich will raus aus dem Ruhrpott»?
Nein, eigentlich nie. Ich wollte einfach nur den Fussballplatz erreichen.

Nun wohnen Sie in einem Einfamilienhaus, haben eine Familie mit zwei Kindern und einen Labrador. Das entspricht dem Klischee der perfekten Familie.
Das waren früher auch meine Ziele. Doch es ist nicht so, als hätte ich nie Probleme mit meiner Frau. Aber wir sind seit 18 Jahren verheiratet. Wir raufen uns zusammen, wenn wir mal Probleme haben. Was ich nicht verstehen kann, ist, wenn Leute sich nach einem Jahr Ehe wieder scheiden lassen.

Haben Sie alle Ziele erreicht?
Ich habe immer gesagt, wenn ich mal ein schönes Haus habe, das abbezahlt ist, und eine vernünftige Familie, dann habe ich alles erreicht. Jeder sollte sich Ziele stecken. Leider war ich nie Nationalspieler. Dieses Ziel habe ich nicht erreicht. Das ist schade. Für die deutsche Nationalmannschaft kann ich wahrscheinlich auch nicht mehr auflaufen. Ich kann höchstens noch Nationaltrainer werden.

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