Er ist gerade mal 23-jährig und bereits Formel-1-Weltmeister. Heute startet Sebastian Vettel in Monaco aus der Poleposition (ab 14 Uhr). Im Exklusiv-Interview spricht der Deutsche, der im Thurgau wohnt, über den gestrigen Unfall von Sergio Pérez, über seine Freizeit – und er sagt, warum seine Freundin den Rennen fernbleibt.

Sebastian Vettel, beim Unfall von Sauber-Pilot Sergio Pérez hielt die Welt gestern kurz die Luft an. Wie haben Sie den Schreckmoment erlebt?
Sebastian Vettel: Ja, das war ein heftiger Abflug. Ich hatte das Gefühl, dass er lange im Auto sitzen blieb. Da macht man sich dann schon seine Gedanken.

Die Formel 1 ist und bleibt gefährlich.
Ja, Motorsport ist eine Risikosportart, keine Frage. Es gilt, aus dem Unfall von Sergio Pérez zu lernen. Aber wir alle wissen: Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie.

Knapp drei Minuten vor dem Ende der Monaco-Quali kam wegen des Pérez-Abflugs die rote Flagge. Dann hiess es warten. Was geht da im Kopf vor?
Das beschäftigt einen schon, wir haben ja in der Box das TV-Bild im Cockpit. Und es ist einer von uns. Ein Kollege. Das ist nicht so einfach in dieser Situation und wirft immer einen Schatten. Wichtig ist trotz allem, in dieser Phase die Konzentration zu behalten. Man weiss: Es verblieben ja noch knapp zweieinhalb Quali-Minuten. Und wenns dann wieder rausgeht, muss man sofort umschalten können.

Das ist einfacher gesagt als getan.
Ja, wie gesagt: Du sitzest im Auto, bittest um Informationen und Updates. Da ist es schwierig, konzentriert zu bleiben. Man fühlt sich nicht hundertprozentig wohl, wenn man nicht weiss, was vor sich geht. Die Mitteilung, dass Sergio in Ordnung und bei Bewusstsein ist, war dann eine grosse Erleichterung.

Die Poleposition hatten Sie beim Abbruch ja bereits im Sack.
Ja, aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht, es gingen ja alle nochmals auf eine schnelle Runde...

Sie sind amtierender Weltmeister. Wo steht eigentlich Ihr WM-Pokal von 2010?
Zu Hause in der Küche. Bei Gelegenheit poliere ich ihn sogar etwas auf.

Vettel, Vettel, Hamilton, Vettel, Vettel: Dieses Jahr läuft es in Sachen Siege für Sie ja wie geschmiert. Aber mit dem Klassiker in Monaco haben Sie noch eine Rechnung offen.
Stimmt beides. Zum einen läuft es tatsächlich rund. Mein Ziel ist klar: Ich möchte, dass der WM-Pokal auch im nächsten Jahr wieder bei mir zu Hause steht. Monaco habe ich noch nie gewonnen. Das möchte ich heute Sonntagnachmittag ändern.

Letztes Jahr krachte es mit Teamkollege Mark Webber gelegentlich – verbal und auf der Strecke. Wie ist das Verhältnis zum Australier heute? Sie haben ihn ja bislang völlig im Griff.
Ach, das ist überhaupt kein Problem. Unser Verhältnis ist höchst professionell. Aber klar: Auf der Strecke versuche ich, ihn wie jeden anderen Fahrer zu schlagen. Bislang ist mir das ganz gut gelungen.

Was ist das Erfolgsrezept bei Red Bull, wo Sie eben den Vertrag bis 2016 verlängert haben?
Red Bull ist ein super Team, mit vielen hoch motivierten Leuten. Jede Position ist stark besetzt. Das hilft schon gewaltig. Und natürlich haben wir ein sensationelles Auto.

Kürzlich wurden Sie wieder einmal mit Ferrari in Verbindung gebracht. Was ist dran?
Nun, ich habe meinen Red-Bull-Vertrag – daran ändert sich nichts. Ich fahre also die nächsten dreieinhalb Jahre für dieses Team. Als Pilot muss man stets versuchen, im schnellsten Auto zu sitzen. Und bei Red Bull sitze ich drin...

Ferrari-Teamchef Stefano Domenicali sähe Sie gerne im Ferrari neben Fernando Alonso.
Ach, wirklich?

Ja, wirklich.
Nun, klar ist es mein Wunsch und mein Ziel, einmal für Ferrari zu fahren. Oder für Mercedes – beides sind grosse Marken. Die Strahlkraft, der Mythos von Ferrari oder Mercedes ist schon ganz speziell. Mal schauen.

Im Haifischbecken Formel 1 zählt nur der Erfolg. Wer Zweiter ist, ist erster Verlierer. Gibt es da überhaupt Platz für Freundschaften?
Richtige Freunde hat man im Leben ja eigentlich nur wenige. Freundschaften in der Formel 1 sind schwierig. Alle haben dasselbe Ziel: zu gewinnen. Man ist also auch Rivale, Gegner. Aber mit Michael Schumacher verstehe ich mich sehr gut.

Wie lebt es sich eigentlich im thurgauischen Ellighausen?
Super. Gefällt mir sehr.

Was machen Sie privat?
Freizeit ist Luxus. Bei dem Rennkalender bleibt nicht viel Zeit für Familie und Freunde. Leider. Aber gelegentlich schaue ich mir gute Filme an, DVDs kaufe ich immer wieder, dafür gebe ich gerne Geld aus.

Warum sieht man Ihre Freundin Hanna eigentlich nie an der Strecke?
Generell ist es nichts Schlechtes, wenn Frauen an der Rennstrecke sind, aber bei der eigenen ist es was anderes. Es ist besser, wenn sie nicht dabei ist. Irgendwo muss man gewisse Grenzen abstecken. Wenn meine Freundin jetzt dabei wäre, hätte ich wahrscheinlich das Bedürfnis, mich zu stark um sie zu kümmern. Und das verträgt sich nicht mit der Arbeit.

Zurück nach Monaco: Als bisheriger Seriensieger stehen Sie heute um 14 Uhr richtig unter Druck. Wie gehen Sie damit um?
Monaco ist schon sehr speziell. Stimmung, Leute, die ganze Atmosphäre – ziemlich viel Prestige. Deshalb möchte ich diesen Klassiker heute ja auch unbedingt gewinnen. Aber das Rennen ist lang. Es kann in den 78 Runden sehr viel passieren.

Der Monaco-Stepptanz auf den Pedalen ist nicht ganz ohne – die Gefahren lauern an jeder Ecke. Und die Leitplanken sind bedrohlich nah.
Ja, Monaco ist keine einfache Sache. Man muss auf diesem Stadtkurs so hart pushen wie auf einer normalen Rennstrecke. Nur: Hier sind keine Fehler erlaubt, sonst ist man raus. 2009 flog ich nach Ste-Devote in die Leitplanken. Die Hinterradaufhängung brach weg – damit war der Traum ausgeträumt. Dieses Jahr muss es besser enden. Am Donnerstag war ich mit dem Auto noch nicht ganz zufrieden. Auch am Samstagmorgen und in Q1 und Q2 lief noch nicht alles rund. Zum Glück hat es dann in Q3 gepasst. Die Pole hier ist sehr wichtig. Sie ist die halbe Miete.

Und Red Bull verleiht ja angeblich Flügel...
Das ist so. Aber ich muss die 78 Runden erst nach Hause fahren. Und im Tunnel dürfen wir den verstellbaren Heckflügel DRS ja nicht flach stellen – nichts mit fliegen also.

Dann geben Sie halt in den anderen Sektoren richtig Gas. Wie am letzten Sonntag, als Sie Lewis Hamilton in Barcelona bis zum Schluss in Schach halten konnten?
Das hat einfacher ausgesehen, als es war. 2011 ist nicht einfach nur eine lockere Red-Bull-Show. Die McLaren-Mercedes im Speziellen machen richtig Druck, Lewis Hamilton war in Barcelona sehr gut unterwegs und kämpfte bis zum Schluss.

Mit dem Energierückgewinnungssystem KERS gab es beim letzten Grand Prix ja wieder Probleme. Hört das nie auf?
Das Team funkte mich in Barcelona 15 Runden vor Schluss an und forderte mich auf, KERS auszuschalten. Das ist natürlich das Letzte, das du zu so einem Zeitpunkt hören willst. Auf der langen Start-und-Ziel-Geraden hat mich das jeweils drei Zehntel gekostet.

Und die Reifen sorgen auch noch für richtig Spektakel. Kann man sich überhaupt entsprechend vorbereiten?
Mit Pirelli kannst du nur schwer planen. Einerseits sind keine Fehler erlaubt, andererseits belohnt dich der Gummi nicht, wenn du nett zu ihm bist. Wenn du zu lange draussen bleibst, wird das eine Fahrt ins Blaue.

Und in Monaco fahren Sie heute mit superweichem Gummi.
Ja, dieses Jahr ist hier alles neu und mit dem Vorjahres-Red-Bull-Doppelsieg nicht vergleichbar. Wir haben dieses Jahr andere Autos, andere Technik, andere Reifen – Monte Carlo wird heute eine richtige Lotterie. Eine Art Casino. Mal schauen, wie es rauskommt, wie die Kugel rollt.

Sie sind jüngster Formel-1-Weltmeister der Geschichte. Nach dem Pérez-Crash gestern Nachmittag im Qualifying stellt sich diese Frage: Haben Sie eigentlich Angst vor einem schweren Unfall?
Das Risiko ist gross, keine Frage. Aber im Cockpit hat man keine Zeit, an einen möglichen Unfall zu denken. Anders ist es, wenn es wirklich mal kracht. Da ist man hilflos. Wenn man die Kontrolle über das Auto verliert, ist man nur noch Passagier. Und das ist dann nicht so toll. Wichtig ist, dass man den Respekt nie verliert. Zum Glück ist die Formel 1 sicherer geworden. Das hat man auch gestern wieder gesehen. Seit Sennas Tod 1994 gab es – Gott sei Dank – keinen tödlichen Unfall mehr.»


Sebastian Vettel (23): Der 1,74 Meter grosse und 64 Kilogramm schwere Deutsche fährt seit 2009 für Red Bull Racing. 2010 gewann er in einem irren WM-Final in Abu Dhabi seinen ersten WM-Titel. Von den ersten fünf Rennen in diesem Jahr gewann der Teamkollege von Mark Webber (34) vier; einzig in Schanghai musste sich der gebürtige Heppenheimer hinter Lewis Hamilton (McLaren-Mercedes) mit Platz 2 begnügen.

Vettel verkörpert die neue F-1-Generation wie kaum ein anderer. Er ist nicht nur schnell und erfolgreich – er ist auch sympathisch und intelligent. Seinen grossen Ehrgeiz versteckt er hinter einem Lächeln. Auf der Strecke überzeugt der Wahlschweizer aus dem thurgauischen Ellighausen, wo er mit Freundin Hanna ein altes Bauernhaus bewohnt, mit einer unglaublich geringen Fehlerquote und purem Speed. Privatmann Vettel liebt Mountainbike, Schwimmen und Fitness – im Winter fährt er Snowboard.

Seine Rennsportkarriere begann er 1995 im Kart. Sein Formel-1-Debüt gab er als 19-Jähriger 2007 beim GP der USA in Indianapolis auf BMW Sauber – er übernahm damals das Stammcockpit von Robert Kubica, der nach seinem schweren Unfall beim GP von Kanada für das US-Rennen Startverbot erhielt. Danach fuhr Vettel für Toro Rosso, 2008 feierte er im Regen von Monza mit 21 Jahren seinen ersten GP-Sieg – ein Rekord.

Heute Sonntag in Monaco steigt Vettel in seinen 68. Grand Prix. Bislang feierte er 14 Siege. Gestern schaffte Vettel mit dem ersten Monaco-Startplatz die 20. Pole seiner Karriere. Vor dem heutigen Klassiker am Mittelmeer hat der amtierende Formel-1-Champion 499 WM-Punkte auf seinem Karriere-Konto. Die Chancen, die Statistik heute um 25 Punkte auszubauen, stehen gut.

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