Der Sport geht vergessen. Es dreht sich alles ums Geld. Am 3. März entscheidet das Bündner Stimmvolk über eine Kandidatur für die Olympischen Winterspiele 2022. Und ausgerechnet vier Wochen vor dieser Abstimmung – ein Nein würde das Projekt bereits begraben – finden in Schladming die alpinen Skiweltmeisterschaften statt. Ski alpin ist das Zugpferd des Wintersports, keine andere Wintersportart lockt mehr Schweizerinnen und Schweizer vor den Fernseher. Darum stellt sich die Frage: Erstickt die Ski-Krise das olympische Feuer?

Es war bisher ein Winter zum Vergessen. Die Männer toppten sich laufend mit neuen Negativrekorden: historische Schlappen in der Abfahrt und im Super-G, nur ein Podestplatz in 26 Rennen. Der Skisport liegt am Boden. Die WM könnte zum Schweizer Debakel werden. Dabei könnten sportliche Erfolge die Olympia-Chancen positiv beeinflussen. «Aktuell herrscht sportliche Tristesse. Ich spüre keine Euphorie im Volk. Wären die Skifahrer erfolgreich, würde das vielleicht eine Aufbruchsstimmung in der Schweiz generieren, die dann auch die Bündner anstecken könnte», sagt der Politologe Michael Hermann.

Hermann vergleicht die Situation mit der Fussball-Europameisterschaft 2008 in der Schweiz und Österreich. «Damals war die Euphorie im Vorfeld im ganzen Land gross.» Ganz anders ist die Situation in Moment. Die Ski-Krise drückt auf die Stimmung. «Es ist typisch schweizerisch, dass wir uns über schlechte Leistungen im Sport ärgern, aber sobald es etwas kosten soll, das zu verbessern, sagen wir sofort Nein», sagt Gian Gilli, Leiter der Bündner Olympiakandidatur. Dabei würden sich Olympische Spiele positiv auf den Sport auswirken, ist er sicher. Doch wie soll der Sport zum Thema werden, wenn er keine positiven Schlagzeilen im Bereich Ski alpin liefert?

«Wir wollen die Misere nicht nützen, um Stimmung gegen die Olympischen Spiele zu machen. Das wäre den Sportlern gegenüber nicht fair», sagt Stefan Grass, Leiter des Komitees «Olympiakritisches Graubünden». «Doch es ist ein Problem von Gian Gilli, dass er es nicht schafft, die Abstimmung auf die sportliche Ebene zu verlagern.» Und genau hier kommen die Skifahrer ins Spiel. Mit positiven Resultaten in diesem Winter hätten sie Gian Gilli die Aufgabe erleichtern können. Aber der Chef der Olympia-Kandidatur will das so nicht gelten lassen. «Wenn der Männer-Skisport am Boden liegt, ist das nicht toll. Aber man darf dabei nicht vergessen: Wir sind immer noch eine Wintersportnation. Wir feiern im Snowboard oder Skicross grosse Erfolge.»

Trotzdem: In der Schweiz kommt eine Ski-Krise einer Wintersport-Krise gleich. Kann die WM dieses Bild noch ändern? Was ist, wenn die Schweizer zum Exploit ausholen und aus Schladming als gefeierte Medaillengewinner heimkehren? «Natürlich würde sportlicher Erfolg helfen. Eine grandiose WM könnte eine Rolle spielen. Doch die Frage ist: Kommt es zu spät? Die Abstimmung ist bald. Die Sporteuphorie kann wohl nicht mehr entstehen», sagt Hermann.

Medaillen würden den Befürwortern aber wohl trotzdem helfen, zumindest im letzten Abschnitt des Abstimmungskampfes nochmals Aufwind zu erhalten. Denn sportliche Misserfolge drücken auf die Stimmung. Das zeigt die Vergangenheit. «Die Erfahrungen von der Euro 2008 spielen noch mit. Denn was ist geblieben? Sportlicher Misserfolg und Stadien, wie in Genf, die nicht ausgelastet sind. Das ist wohl noch in den Köpfen der Menschen», sagt Hermann.

Wenn die sportlichen Erfolge fehlen, sind es die Kosten, die in Erinnerung bleiben. Und weil die sportlichen Erfolge fehlen, dreht sich auch im Moment in den Diskussionen um Olympische Spiele alles um ökologische und finanzielle Themen. Hermann sagt: «Olympische Spiele finden auch statt, wenn sie nicht in der Schweiz ausgetragen werden. Medaillen können die Schweizer Sportler auch irgendwo sonst gewinnen.»

Genau dieses Denken nervt Gilli. «Ich bin mir sicher, dass viele Olympia-Gegner ihre Kinder kostenlos in den Sportunterricht schicken. Dass dies nur möglich ist, weil sich Menschen gratis engagieren vergessen sie. Ohne freiwillige Helfer gäbe es keine Sport- und Kulturevents. Keine EM, keine WM oder Weltcups in der Schweiz. Die Freiwilligenarbeit lebt von sozial-kulturellen Erlebnissen und Emotionen und diese würde man mit den Spielen 2022, vor allem bei jüngeren Generationen wieder wecken.»

Auch der Skisport weckt Emotionen. Im Moment aber negative. Ein Exploit in Schladming könnte dies zwar langfristig ändern, für die Abstimmung ist es aber wohl zu spät. Doch bis zu den Winterspielen sind es noch neun Jahre. Bis dahin kann sportlich noch viel passieren. Das gilt es zu beachten.

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