VON FELIX BINGESSER

Pirmin Janka sitzt am Tisch im Restaurant Stein in Obersaxen. Seine Stimme ist heiser, am Tag davor wurde im Dorfsaal in der kleinen Gemeinde in der Surselva Fasnacht gefeiert. Pirmin bewegt sich nicht auf der ganz grossen Bühne. Derweil Carlo Janka bei seinen Auftritten im Ski-Weltcup die Massen entzückt, ist Bruder Pirmin als Mitglied der Infanteriebrigade 12 beim WEF in Davos und steht in der Kälte. Nun sitzt er da und beobachtet aus den Augenwinkeln seine Mutter, die das kleine Restaurant seit vielen Jahren führt. Mussten Pirmin und Carlo früher selbst mit anpacken? «Im Service braucht es flinke Hände. Carlo und ich waren dafür zu langsam», schmunzelt Pirmin. «Dafür haben wir auf dem Bauernhof nebenan bei unserem Onkel mit angepackt.»

Sie waren zu langsam für den Service im Restaurant, aber schnell auf den Ski. Wer in Obersaxen auf die Welt kommt, der hat bei der Freizeitgestaltung die Wahl. Skifahren oder Skifahren. Die Janka-Brüder und auch Schwester Fabienne entschieden sich für das Skifahren. Der Vater hat, wie er das heute bei den vielen Rennen in Obersaxen immer noch tut, den Kurs gesetzt und war Streckenchef. Ihr Idol war Hermann Maier, und Slalomfahrer Marco Casanova, der in der Nähe der Familie Janka zu Hause ist, hat den Beweis erbracht, dass man es aus Obersaxen auf die Weltcuppisten dieser Welt schaffen kann.

Pirmin, zwei Jahre älter als Carlo, hatte lange Zeit die Nase vorn. «Aber irgendwann habe ich geahnt, dass ich es im Skisport nicht schaffe. Ich glaube, so etwas spürt jeder Sportler», sagt Pirmin. Carlo war unbekümmerter, mutiger, «und früher war er auch temperamentvoller als heute». Vielleicht kommt dies daher, dass der Ältere halt früher Verantwortung für den Jüngeren übernehmen musste, vielleicht kann der Jüngere in der Obhut des Älteren frecher und angriffiger sein. Pirmin entschied sich für den Beruf, er ist heute Ingenieur bei einer Telekomfirma in Chur. Kein Neid, keine Wehmut, es selber nicht in den Spitzensport geschafft zu haben. «Lieber er als ich», sagt der stille Pirmin dazu.

Plaudertaschen sind die Jankas keine und Auftritte im Rampenlicht sind nicht ihr bevorzugtes Terrain. Hat Pirmin immer an den Durchbruch von Carlo geglaubt? Haben sie als Buben schon von Olympia geträumt? «Nein. Carlo war ja in jungen Jahren auch kein Überflieger. Erst als er im Europacup so schnell Fuss fassen konnte, da habe ich daran geglaubt, dass er es in den Weltcup schaffen kann», sagt Pirmin.

Carlo hat es nicht nur in den Weltcup geschafft. Er ist schon Weltmeister und er möchte nun in Kanada auch Olympiasieger werden. Pirmin wird daheim mitfiebern, er wird der «Star» sein, wenn das Dorf in der Mehrzweckhalle auf Grossleinwand das Rennen schaut. «Das ist für mich mehr als genug Rampenlicht», sagt Pirmin dazu. Die Erfolge seines Bruders haben auch ihn zumindest zur Lokalprominenz gemacht. «Diesbezüglich kann ich nur erahnen, was Carlo alles mitmachen muss. Darum kommt er auch gerne in die Beschaulichkeit von Obersaxen zurück.»

Jetzt aber lockt Olympia. «Mein Bruder», sagt Pirmin, «wird uns nicht enttäuschen.» Er muss es wissen.

Mehr Themen finden Sie in der gedruckten Ausgabe oder über E-Paper!