Zehn Jahre und zehn Monate nach dem Sieg von Sonja Nef in Bormio steht wieder eine Schweizerin in einem Riesenslalom zuoberst auf Podest: Lara Gut entthronte in Sölden mit einem Überraschungscoup die Gattin von Cheftrainer Hans Flatscher – der Haussegen dürfte aber kaum in Gefahr sein. «Darauf habe ich schliesslich hingearbeitet», freute sich Flatscher.

«Ein genialer Auftakt», entfuhr es Verbandspräsident Urs Lehmann. «Dieser Sieg ist auch für das Männer-Team enorm wichtig. Es wird ihm einigen Druck wegnehmen.» In der Tat war dieses Resultat für das gebeutelte Schweizer Ski-Team mehr als Balsam. Das Sölden-Weekend ist schon jetzt gerettet.

Lara Gut sei Dank, einmal mehr. Die Tessinerin, die bisher im Riesenslalom erst zweimal auf dem Podest stand (3. vor vier Jahren am Semmering und letzte Saison auf der Lenzerheide), errang ihren vierten Weltcup-Sieg und gewann mit dem gewaltigen Vorsprung von 0,84 Sekunden vor Kathrin Zettel und 1,28 vor Olympiasiegerin Viktoria Rebensburg – das sind im modernen Skisport kleine Weltreisen.

Doch das Erfreulichste an diesem denkwürdigen Tag im Ötztal, wo noch nie eine Schweizerin siegte, bildete die Gesamtleistung des Swiss-Ski-Teams. Die Liechtensteinerin Tina Weirather, inzwischen voll in die Mannschaft integriert, stiess mit der Nummer 37 als Siebte in die Top Ten vor, Dominique Gisin verbesserte sich im zweiten Lauf um zehn Ränge. Fabienne Suter holte als 23. seit dem Winter 2011 erst zum zweiten Mal wieder Weltcuppunkte.

Aber am meisten verblüffte auf dem wohl schwersten Riesenslalom-Hang eine bis anhin völlig unbekannte Fahrerin: Jasmina Suter, die Ende der letzten Saison in Ofterschwang mit einem 36. Rang in Debüt gegeben hatte, fuhr im ersten Durchgang mit der Startnummer 50 rotzfrech auf den 21. Rang vor und powerte im zweiten Durchgang, als ob es kein Morgen gäbe. «Einfach nur runterfahren bringt ja nichts», meinte sie mit der Unbekümmertheit einer 18-Jährigen. So kam es, wie es fast kommen musste: Nach fünf Sechsteln des Parcours fuhr sie in ein Tor und schied aus.

«Ich habe das Rennen und die Ambiance trotzdem genossen», meinte die älteste Tochter einer aufstrebende Ski-Dynastie vom Stoos. Erst die Rennanalyse deckte Jasmina Suters effektiven Exploit auf: Sie war zum Zeitpunkt ihres Ausscheidens Siebtbeste – und im zweiten Lauf eine Sekunde schneller als Lara Gut! Auch das Resultat der Weltcup-Debütantin Rahel Kopp durfte sich sehen lassen: Als 33. verpasste sie den zweiten Lauf nur um 15 Hundertstel.

Geben im Schweizer Männer-Team österreichische Trainer den Ton an, so trägt diese eindrückliche Frauen-Bilanz die Handschrift von zwei Südtirolern. Alois Prenn ist Gruppentrainer von Jasmina Suter und Kopp, Roland Platzer von Fabienne Suter, Gisin, Weirather – und auch Gut. «Das ist die Arbeit des gesamten Betreuerteams», sagt Platzer bescheiden. «Aber ich gebe zu, dass dieses Ergebnis für mich eine grosse Genugtuung ist.» Platzer war im letzten Winter beim Schweizer Männer-Team entlassen worden. Frauen-Chef Flatscher liess sich nicht irritieren und engagierte ihn unverzüglich…

Auch Lara Gut sagt: «Dass Platzer ein guter Mann ist, wusste ich schon lange. Das merkte ich, wenn ich früher jeweils mit den Männern trainierte». Trotzdem wird die Tessinerin weiterhin ihre eigenen Wege gehen: «Ich schätze es einfach, nach eigenem Plan trainieren zu können. Wenn ich meine individuellen Wünsche anmelden würde, brächte das nur Unruhe. Deshalb ist allen gedient, wenn wir nur von Fall zu Fall zusammenarbeiten wie letzte Woche in Sölden.» Und sich Lara Gut auf solche Weise bedankt.

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