Es geht aber nicht lange.» Interviews verursachen bei Ricardo Rodriguez mehr Nervosität als ein Duell gegen Bayern Münchens Starspieler Arjen Robben. Dabei ist es nicht Arroganz, die ihn betonen lässt, dass er nach 20 Minuten wieder los müsse. Es ist der Blick auf das Aufnahmegerät, das ihn daran erinnert, dass er sich auf ungeliebtem Terrain bewegt.

Es ist noch kein Jahr vergangen, seit dem letzten Besuch bei Rodriguez zu Hause. Damals blieb das Aufnahmegerät im Wagen. Und drinnen, im engen Reiheneinfamilienhaus am Rand von Zürich Schwamendingen, erzählte Ricardo seine Lebensgeschichte. Er kam am 25. August 1992 mit einer Zwerchfellhernie zur Welt. Zum Glück haben die Ärzte die Krankheit bemerkt, als Marcela Rodriguez, die mit elf von Chile in die Schweiz emigrierte, im achten Monat schwanger war. «Sonst wäre ich bei der Geburt gestorben.» Doch die Ungewissheit blieb, wie Marcela erzählt. Die Ärzte beordern einen Seelsorger ins Krankenzimmer. Doch Grossvater Nelson, der erst kürzlich gestorben ist, wirft ihn aus dem Zimmer. Die ersten drei Jahre ist Ricardo Stammgast im Zürcher Kinderspital. «Die Ärzte, die mich damals behandelt haben, sprechen noch heute von einem Wunder, weil ich heute Spitzensport betreibe», sagt Rodriguez.

Damals, als Rodriguez seine Geschichte erzählte, war er zwar schon U17-Weltmeister, aber noch ein kleines Licht beim FCZ. Damals teilte er sich noch das Zimmer mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Francisco. Unterdessen ist die Familie in eine grössere Wohnung nach Zürich Oerlikon umgezogen. Ricardo verdient unterdessen etwa doppelt so viel wie sein Vater José, ein Lagerist, der aus Galizien stammt. Irgendwie komisch, findet Ricardo. Doch das halte ihn auf dem Boden. Trotzdem sagt er: «Ich will noch viel mehr verdienen. Ich will so viel verdienen, dass mein Vater und meine Mutter (Red. Marcela arbeitet in einem Kinderhort) nicht mehr arbeiten müssen.»

Damals sprach er noch ungefiltert. Später wurden Schlagzeilen wie «FCZ-Verteidiger Ricardo Rodriguez vor Bayern-Match: Robben muss sich warm anziehen» kreiert. Rodriguez hat sich gewiss keine grossen Gedanken über die Wirkung dieser Schlagzeile gemacht. Aber es gab Leute in seinem Umfeld, denen beim Anblick der Schlagzeile die Zeitung aus der Hand fiel; die ihn angehalten haben, den Ball künftig flach zu halten. Doch Rodriguez blieb kalt. Eiskalt.

Er trat gegen Arjen Robben so auf, als hätte er sich nie mit jenem Artikel zusätzlich unter Druck gesetzt; als wäre Robben ein beliebiger Spieler aus der Super League. Rodriguez verdiente sich in den beiden Partien gegen den deutschen Rekordmeister Bestnoten und beeindruckte nicht nur den Holländer («Robben hasst ab jetzt Pferdeschwänze», die «Süddeutsche»), sondern auch die Münchner Teppichetage. «Egal, ob ich in Münsingen oder in München spiele. Ich habe nie Angst, mache mir nie zu viele Gedanken und bereite mich immer gleich vor.»

Heute ist Rodriguez nicht nur U17-Weltmeister, sondern Stammspieler beim FCZ und seit neustem auch Nationalspieler. Dass er dabei die U21 übersprungen hat, passt zur Pace dieser Ausnahmeerscheinung. Er selbst findet das Tempo seiner Entwicklung normal und gut, dass es so schnell gegangen ist. «Schliesslich habe ich die Fähigkeiten.» Doch FCZ-Sportchef Fredy Bickel ist gleichwohl überrascht. «Wir haben damit gerechnet, dass Ricardo im Verlauf der aktuellen Saison Ludovic Magnin als Stammspieler beim FCZ ablösen und nächstes Jahr ein Thema für die Nati wird. Doch nun hat er beides bereits erreicht. Er hat mindestens ein halbes Jahr Vorsprung auf unsere Langzeit-Planung.»

Andere Spieler tauchen nach dem bedeutungslosen 2:0 gegen Montenegro ins Zürcher Nachtleben ab. Rodriguez geht nach dem Länderspiel-Debüt nach Hause und steht am nächsten Morgen beim FCZ auf der Matte. Es sind solche Episoden, die Bickel dazu veranlassen, von einem gradlinigen Burschen zu reden. «Er ist der, der den Fussball über alles liebt und dem Fussball alles unterordnet.» Was Bickel damit auch meint. Rodriguez beschäftigt sich nicht mit Statussymbolen, mit seiner Wirkung in der Öffentlichkeit. «Er ist ein unerschütterlich unaufgeregter und gradliniger Bursche.» Und einer, der bereits Begehrlichkeiten bei ausländischen Klubs weckt.

Der Berater Gianluca Di Domenico sagt: «Die Partien gegen Bayern haben bestätigt, dass Ricardo auf höchstem Niveau bestehen kann. Nach diesen Auftritten haben sich diverse Leute bei mir gemeldet. Doch für den Moment ist er beim FCZ sehr gut aufgehoben.» Aber wie lange noch? Bickel sagt, dass ein Wechsel ins Ausland erst auf die Saison 2013/14 geplant gewesen sei. «Nun müssen wir uns damit beschäftigen, dass er schon früher gehen könnte. Und er wird nicht irgendwohin gehen, sondern zu einem Grossklub.» Also jener Klub, gegen den Rodriguez erst kürzlich für Aufsehen gesorgt hat? «Das spielt keine Rolle», so Bickel. Marcela und José Rodriguez können sich schon mal mit dem Vorruhestand befassen.

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