Hereinspaziert in den Eisschrank Letzigrund! Willkommen bei einer Sensation aus der Welt des Profifussballs! Zu sehen gibt es, was es bisher im Spitzenfussball noch nicht gegeben hat: das Comeback eines 35-Jährigen, der während mehr als dreier Jahre kein Pflichtspiel bestritten hat und bis vor sechs Monaten sportlich nur noch sehr mässig aktiv gewesen ist. Es ist die Rückkehr von Johann Vogel in die höchste Schweizer Liga, die er vor zwölfeinhalb Jahren verlassen hat, um beim PSV Eindhoven, der AC Milan, bei Betis Sevilla und den Blackburn Rovers internationale Karriere zu machen. Gewiss, unerwartete Rentrées, vor allem nach langen Verletzungspausen, hat es schon viele gegeben. Noch nie aber ist ein Fussballer im Seniorenalter und nach einer derart langen Wettkampfpause auf diesem Niveau zurückgekehrt. Und die Geschichte von Vogels Comeback bei den Grasshoppers ist auch dann noch eine verrückte, wenn es nicht um eine europäische Topliga geht, sondern «nur» um die Super League.

Zeigt Vogel Mut? Oder ist es ein Hirngespinst? Spielt der Genfer gar mit seiner Gesundheit? Was sagen Physiologen und Psychologen aus dem Sport über einen Spieler, der sagt, in den letzten Monaten seiner Laufbahn bei Blackburn sei er gemobbt worden und habe sich nach seinem Rücktritt 2009 total ausgebrannt gefühlt? Über einen, der nach 17 Profijahren mit Fussball absolut nichts mehr zu tun haben wollte? Weshalb tut sich ein Familienvater diese Schinderei an, wenn er es aus finanziellen Gründen gar nicht nötig hat und als Trainer einer ambitionierten U15-Mannschaft zeitlich ausgefüllt ist? Patrick Müller, ein Freund Vogels seit der Jugendzeit und später auch Weggefährte bei GC und in der Nati, sagt: «Fussball ist sein Leben.» Müller wird heute da sein, um Johann zu sehen, wenn dieser sein Team gegen Thun für den verletzten Boris Smiljanic als Captain aufs Feld führt.

Alain Sutter, Vizepräsident des Verwaltungsrates von GC und 1992 noch mit Vogel zusammen auf dem Rasen, bezeichnet das Comeback als «Experiment». Hätte er einst nach seinem Rücktritt selbst auch eine solche Idee haben können? «Nein, ein solcher Blödsinn wäre mir nicht in den Sinn gekommen.» Damit will der 44-Jährige aber nicht gesagt haben, Vogel mache einen Blödsinn. «Er ist ein völlig anderer Spielertyp, als ich es war.» Und was sagt Ciriaco Sforza, der Trainer, der im letzten Frühherbst die Eingebung gehabt hat, Vogel die Rückkehr schmackhaft zu machen? «Für mich wäre so etwas nie infrage gekommen. Schliesslich habe ich im Fussball alles gewonnen. Johann aber konnte doch nicht so aufhören, wie er aufgehört hat!»

Wem also muss dieser Vogel, der für die einen ein Alibifussballer, für die andern ein genialer Mittelfeldstratege ist, etwas beweisen? Er selber sagt: «Ich will mir beweisen, dass ich noch das Niveau für die Super League habe und mit GC Erfolg haben kann.»

Ruedi Zahner, Mentalcoach Spitzensport und Wirtschaft, sagt: «Er hat die Sehnsucht, wieder in einem Team und wichtig zu sein.» Bei Menschen, die ein Burnout gehabt haben, sei dies oft der Fall. «Und bei GC kann er mit weniger Leistungsdruck als bei Milan oder Blackburn ein Leader sein.»

Stellt sich noch die Frage nach der Physis. In einem Monat wird Vogel 35 Jahre alt. Nur sechs Spieler (Chipperfield, Taini, Smiljanic, Obradovic, Rama und Benito) in der Super League sind älter als er. Die meisten von ihnen sind nicht mehr Stammspieler und kämpfen sich nach langen Karrieren mit allerlei Gebrechen herum. Macht ein Comeback überhaupt Sinn in einem Alter und einer Sportart, in der für die meisten wegen der grossen Verschleisserscheinungen mit 32 oder 33 Jahren Schluss ist? In der Figuren wie der 39-jährige Ryan Giggs von ManU die absoluten Ausnahmen sind? Gibt es gar gesundheitliche Risiken? «Nein, die gibt es nicht, wenn sich der Spieler entsprechend vorbereitet hat», sagt Markus Tschopp, Physiologe der Eidgenössischen Hochschule für Sport in Magglingen. Zumal wenn der Akteur zuvor kaum einmal verletzt gewesen sei und einen ökonomischen Stil wie Vogel gepflegt habe. «Es geht ja nicht um Einsätze in der Champions League», sagt Tschopp, «auf Stufe Super League kann er mit seinen taktischen und technischen Fähigkeiten viel kompensieren.»

Bemerkenswert: Wen immer man zu Vogels Comeback befragt, die Antworten sind positiv. «Er ist für uns ein Vorbild», sagt der 21-jährige Mitspieler Toko. «Er kann GC enorm weiterhelfen. Ich habe keine Angst, dass es nicht funktionieren könnte», sagt Rolf Fringer, ein früherer Förderer Vogels bei GC. «Er wird seine Leistung bringen», sagt der einstige Nati-Teamkollege Stéphane Chapuisat. «Als Sechser wird er ein Fixpunkt in einer Mannschaft mit laufstarken und willigen Spielern sein», sagt der frühere GC-Sportchef Erich Vogel. «Er wird GC mit seiner Klasse helfen», sagt Rekordnationalspieler Heinz Hermann, 1992 Vogels Teamkollege. Und ergänzt: «Falls es mit dem Trainer klappt.»

Liegt hier vielleicht der Hund begraben? Noch in guter Erinnerung ist, wie Vogel nach der WM 2006 gegen Coach Köbi Kuhn intrigierte, ehe ihn dieser rauswarf. Und bekannt ist auch, dass sich in der Nati die Platzhirsche Sforza und Vogel nicht hatten ausstehen können. «Das ist doch längst ausdiskutiert», sagt Sforza. Beide wollen nun Grösse und Reife zeigen. «Ich freue mich wie ein junges Reh auf heute», sagt Vogel.

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