Herr Petkovic, überall wo Sie als Trainer ein Team übernahmen, entfachten Sie mit Ihrem Spielstil schnell Begeisterung. Gelingt Ihnen das auch mit der Schweiz?
Vladimir Petkovic: Ich hoffe es. Ich hoffe, dass es schnell gelingt. Aber vor allem hoffe ich, dass die Leute die Liebe von mir und meinem Team zum Fussball erkennen.

Wie erreichen Sie das?
Indem die Leute sehen, wie viel Energie ich für meinen wunderbaren Job gebe. Ich werde den Kontakt suchen zu unseren Fans. Was den Fussball betrifft: Wir stehen am Anfang eines Prozesses. Dieser Prozess ist kein Alleingang, sondern ich will und werde meine Spieler miteinbeziehen. Ich habe ein gutes Bauchgefühl. Und ich bin einer, der Probleme lösen will, bevor sie richtig da sind.

Sie waren bisher immer Klubtrainer. Ist es nun als Nationaltrainer schwieriger, Ihre Vorstellung von Fussball umzusetzen?
Es braucht sicher mehr Zeit. Ich muss deshalb eine Formel finden, wie ich meine Vorstellungen so schnell wie möglich umsetzen kann. Deshalb habe ich die letzten Wochen bereits genutzt, um meine Spieler zu besuchen und intensiv mit ihnen zu sprechen.

Wer hat Sie geprägt als Trainer?
Da gibt es einige. Vielleicht an erster Stelle mein Vater. Wir haben viele Fussball-Lehrer in unserer Familie. Als kleiner Bub durfte ich häufig mit ihm mitreisen. Ich war in der Kabine dabei, ich sass auf der Ersatzbank. So habe ich schon als Kind Fussball-Luft geschnuppert. Später mochte ich den konstruktiven, schönen Fussball von Arsène Wenger. Und den konkreten, direkten Fussball von Fabio Capello. Zudem habe ich von jedem meiner Ex-Trainer immer ein paar Sachen aufgeschrieben und gesammelt, die mir gefielen. So hat sich über die Jahre ein eigener Stil aufgebaut.

Wie ist er, der Petkovic-Stil?
Das ist schwierig zu beschreiben, das können Sie wahrscheinlich besser . . .

. . . Sie sind bekannt für einen dynamischen Offensivfussball . . .
. . . das kann sein. Aber vergessen wir nicht: Der Fussball von heute geht in alle vier Richtungen, nach vorne, nach hinten, nach links und rechts – und vieles passiert gleichzeitig. Wer angreift, muss gleichzeitig präventiv schon im Kopf haben, wie er sich defensiv verhält, weil alles so schnell geht. Neben dem Platz versuche ich, eine kommunikative Person zu sein. Und ich habe auch in physischer Hinsicht eine starke Ausstrahlung als Person und Mensch. Manchmal hatten einige Spieler wohl Angst vor mir.

Warum?
Vielleicht wegen meiner imposanten Postur (Petkovic ist 1,91 Meter gross, d. Red.). Früher habe ich auch seltener gelacht als jetzt. Ich musste lernen, manchmal weniger streng zu sein. Ich wollte und will immer Spass vermitteln auf dem Fussballplatz. Ich habe erkannt, dass ich dies nur mit Worten nicht immer erreichen kann, häufig braucht es eben auch Gestik und Mimik.

Sie sagten einmal: Ihr Führungsstil habe sich radikal geändert. Warum?
In der ersten Liga bei Malcantone Agno war ich fast schon ein diktatorischer Trainer. Aber das ging fast nicht anders, weil ich alles alleine entscheiden musste. Mittlerweile setze ich eher auf das Dialog-Prinzip. Auf diesem Niveau kann niemand alles alleine entscheiden. Die Diskussionen sind gefragt. Sicher verantworte ich die Entscheidungen, aber ich will verschiedene Meinungen hören.

Haben Sie als Spieler früher schon wie ein Trainer gedacht?
Nein. Mir fehlten in meiner Aktiv-Karriere lange das Durchsetzungsvermögen, die Überzeugung von mir selbst und die Offenheit, sonst hätte ich wahrscheinlich mehr herausholen können. Mein Werdegang als Fussballer spielte sich ja auf der zentralen Achse von vorne nach hinten ab. Ich agierte erst als Mittelstürmer, dann im Mittelfeld und schliesslich vor der Abwehr. Dort wuchs ich in eine Chef-Rolle hinein, begann zu dirigieren. Danach war ich drei Jahre Spielertrainer bei Agno. Dann habe ich mich zuerst auf die Bank gesetzt und schliesslich auf die Tribüne – so habe ich meine Karriere gesteuert.

Sie waren während fast acht Jahren nie Profitrainer. Auch bei Bellinzona arbeiteten Sie noch als Sozialarbeiter bei der Caritas. Dachten Sie manchmal: «Warum bekomme ich nie eine Chance?»
Nein, so dachte ich nie. Im Gegenteil. Die Entwicklung in meinem Leben war eben so. Ich habe immer von heute auf morgen geschaut. Am einen Tag gearbeitet, um am nächsten besser zu sein. Ich habe die Zeit mit meiner Familie genossen, ich habe Schulen absolviert. Ich wollte nicht einfach Profitrainer werden, ohne 100 Prozent davon überzeugt zu sein. Ich wartete auf den richtigen Moment – und dieser kam mit dem Angebot von YB.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Schweiz gemacht, als Sie mit 24 ins Land kamen?
Es war eine schwierige Zeit. Vor allem mit der Sprache musste ich kämpfen. Zuerst musste ich Deutsch lernen. Ein Jahr später Französisch. Dann wieder Deutsch. Schliesslich italienisch. Ich musste mir in jedem Jahr einen neuen Vertrag als Spieler erkämpfen. Das war nicht einfach, aber eine gute Schule.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Schweiz?
Eines stelle ich immer wieder fest: Früher, da war für alles Geld im Übermass vorhanden. Der Schnee war schon weggeräumt, bevor er überhaupt auf den Boden gefallen war (lacht). Generell ist die Entwicklung enorm. Ich spüre auch eine grössere Akzeptanz bei Secondos. Es ist kein Zufall, dass unsere Nationalmannschaft auch von Secondos geprägt wird. Und auch kein Zufall, dass in der Politik immer mehr Doppelbürger mitreden.

Sie haben viele Secondos im Team. Ist es ein Vorteil, wenn der Trainer sich selber in diesem Land durchsetzen musste, um erfolgreich zu sein?
Auf dem Trainingsplatz ist das egal. Vielleicht kann ich den einen oder anderen neben dem Platz besser lesen. Weil ich dasselbe Gefühl habe oder weil ich merke, wie mich einer anschaut oder wie er reagiert auf mich. Aber auf dem Platz muss jeder gleich viel leisten, um sich zu bestätigen. Überhaupt: Ich will niemanden, der zufrieden ist mit sich und seiner Position.

Welche Sprache sprechen Sie auf dem Platz?
Deutsch! Wenn es um Einzelgespräche oder solche in kleineren Gruppen geht, dann werde ich die Sprache anpassen. Wenn ich zusammen mit Drmic und Seferovic spreche, kann ich meine Sprache verwenden. Wenn ich mit Seferovic, Inler und Lichtsteiner spreche, kann ich italienisch sprechen, weil es alle verstehen. Aber offiziell – auch schriftlich – ist Deutsch.

Themawechsel: Der Schatten von Ottmar Hitzfeld ist gross. Wie können Sie sich von ihm abgrenzen?
Hitzfeld war bis zum 1. Juli. Jetzt ist meine Ära. Da muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich besser, schlechter, netter oder was auch immer bin als Hitzfeld. Seine Karriere war hervorragend, Chapeau, aber meine Gedanken sind bei mir und meinen Mitarbeitern und meinem Team.

Sie sehen also kein Dilemma? Es ist nicht schwieriger, von Hitzfeld zu übernehmen als von jemandem anderes?
Nein, daran denke ich überhaupt nicht. Was war, ist jetzt egal.

Ist die Schweiz auf Augenhöhe mit England?
Realistisch gesehen sind wir langfristig wohl nicht auf dem Niveau, das unserem derzeitigen Platz 9 in der Weltrangliste entspräche. Aber praktisch haben wir gegen Argentinien gezeigt: Wir können mit Überzeugung mithalten. Zu viel reden hilft auf jeden Fall nicht.

Was macht einen erfolgreichen Nationaltrainer aus?
Die Resultate.

Ausschliesslich?
Ja.

Ist das extremer als in einem Verein?
Nein, das ist überall so. Für einen Trainer ist Mathematik die entscheidende Sache. Aber klar ist auch, dass der Trainer neben den erreichten Resultaten auch eine Beispielfigur sein muss.

Und die spielerische Entwicklung? Kommt die nicht vor den Resultaten?
Ja, die Resultate kommen als Produkt. Nachdem man etwas geleistet hat. Sie sind der Beweis dafür, dass es eine messbare Entwicklung gibt. Improvisieren kann man nur auf kurze Zeit. Auf lange Sicht braucht es einen gemeinsamen Weg, ein Gesamtbild, das sich dann Spiel für Spiel in Punkten niederschlägt.

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