Einfach so durchs Leben fliegen. Einfach nur geniessen. Ohne Probleme. Ohne Sorgen. Alles im Fluss. Wer träumt nicht davon?

Es gäbe gute Gründe, warum sich Vladimir Petkovic gerade so richtig gut fühlen könnte. Die EM-Qualifikation ist geschafft. Die Schweiz hat den Kopf nach dem Fehlstart aus der Schlinge gezogen. Petkovic könnte sich frei fühlen wie ein Schmetterling.

Aber so ist das nicht. Als Petkovic am späten Freitagabend von einem Schmetterling spricht, dann tut er das nicht, um die Leichtigkeit des Lebens zu betonen. Petkovic sagt: «Kritik? Die perlt an mir völlig ab. Es ist, wie wenn ein Schmetterling auf meiner Schulter landet. Ich schüttle zweimal die Hand – und weg ist er.»

Dass es überhaupt Menschen gibt, welche die jüngsten Auftritte der Schweiz nicht nur berauschend fanden, versteht Petkovic nicht. Vor allem dann nicht, wenn sein Team San Marino gerade 7:0 besiegt hat.

Aber darum geht es nicht. Es geht um das grosse Bild. Darum, wie die Schweiz an der EM den Viertelfinal erreichen soll. Es ist das Ziel, das Verbandspräsident Peter Gilliéron gestern offiziell ausgerufen hat. Darum gibt es eben Fragen, die über ein 7:0 hinausgehen. Fragen, die sich darum drehen, warum die Schweiz mutlos und limitiert wirkt, sobald ein Gegner wie England wartet.

Am Tag darauf, gestern Samstag also, wirkt Vladimir Petkovic noch rätselhafter. 50 Minuten später als geplant erscheint er zum Medientermin. Und zeigt ziemlich schnell, dass er die Kritik eben zu sehr an sich heranlässt. Es beginnt ganz harmlos, Petkovic erzählt, wie er die Qualifikation mit der Familie und einem Glas Wein gefeiert hat. Sein Vertrag wird dann zum Thema. Aber nicht, weil er sich dank der erfolgreichen EM-Qualifikation bis zum Ende der EM verlängert hat. Die Frage ist, wie es danach weitergeht. Verlängern oder nicht?

Es ist ein heikles Thema, weil sich niemand, weder der Verband noch Petkovic, konkret dazu äussern will. Klar ist nur: Bald finden Gespräche statt. Bis allerspätestens Ende dieses Jahres soll und muss klar sein, wie es weitergeht. Aber Petkovic ringt sich nicht durch zu einem: «Ja, ich will weitermachen.»

Vielleicht will er den Eindruck vermeiden, vorzupreschen. Nicht, dass es heisst, er setze den Verband unter Druck. Vielleicht weiss er aber tatsächlich noch nicht einmal selbst, ob er Nationaltrainer bleiben will. Dieser Eindruck entsteht nämlich bei seiner unmittelbar folgenden Fundamentalkritik: «Ich spüre von allen Leuten rund um das Schweizer Nationalteam Vertrauen. Ich spüre Vertrauen, wenn ich Schwimmen oder Skifahren gehe oder sonst unterwegs bin. Und trotzdem gibt es immer wieder unnötige Polemiken.»

Petkovic hat es nicht gefallen, dass verschiedentlich andere Namen als Nationaltrainer ins Spiel gebracht wurden. Und noch schlimmer treffen ihn die ständigen Diskussionen über die Herkunft einiger Spieler. «Politik und Sport werden viel zu häufig vermischt», sagt er, «es gibt gewisse Dinge, die ich nicht akzeptiere.»

Das Problem: Es ist nicht ganz klar, was er wirklich meint. Aber es scheint, dass er von seinem Umfeld mit gewissen Aufarbeitungen über seine Person konfrontiert wird, die ihn stören. Aufarbeitungen, die manchmal auch auf seine eigene Herkunft und Geschichte zielen. Und nicht nur den Leistungsausweis als Nationaltrainer im Fokus haben. Petkovic mag sich nicht konkreter äussern oder präzisieren. «Stopp! Basta!», ruft er plötzlich, «jetzt sprechen wir über Fussball, es ist doch eine wunderbare Nachricht, dass die Schweiz an der EM dabei sein wird.»

Ja, die Schweiz an einer EM, an der vierten insgesamt, das ist eine schöne Geschichte. Aber es gibt auch die wiederkehrende Geschichte des Zweiflers Vladimir Petkovic, der hinter gar vielen Faktoren Intrigen oder Polemiken wittert. Sie begleitet ihn seit Beginn seiner Trainerkarriere. Doch diesmal gehen die (manchmal unausgesprochenen) Vorwürfe noch weiter. Es wird das Bild suggeriert, die Meinungshoheit im Nationalteam habe sich nur wegen Petkovic zugunsten der Spieler mit Migrationshintergrund verschoben. Eine Debatte wie jene über die Identifikation der «echten» und «anderen» Schweizer wie im Frühjahr von Stephan Lichtsteiner angestossen, nimmt schnell ungesunde Dimensionen an. Aus dem harmlos gedachten Meinungsaustausch wird eine ideologisch bis nationalistisch gefärbte Diskussion. Es sind solche Vorkommnisse, die Petkovic überlegen lassen, wie sehr er als Nationaltrainer genehm ist.

Gestern hat die Schweiz ihre letzte Dienstreise dieser EM-Qualifikation angetreten. Der Pilot begrüsste das Team mit den Worten: «Eure Leistung war 1A! Juhui!» Musik in Petkovics Ohren. Die Partie in Estland ist nun das erste Testspiel vor der Euro. Im November folgen aller Voraussicht nach zwei Spiele in der Slowakei und Österreich. Es sind weitere Gelegenheiten, die Ideen von Petkovic zu verinnerlichen.

Anfang der Woche hat Petkovic, angesprochen auf seine bisherige Trainer-Ära, gesagt: «Wir haben einen Eindruck hinterlassen wie ein Diesel-Motor – es hat etwas länger gedauert, bis wir in Fahrt kamen.» Sieben Tore, das sieht danach aus, als laufe der Motor nun prächtig. In Estland sollte nicht zwingend ein anderer Eindruck entstehen. Es wäre wichtig. Für das Team. Für das Umfeld. Und vor allem für Petkovic selbst.

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