Das ganze Team habe fantastisch gespielt, sagte Spaniens Doppeltorschütze Xabi Alonso. Da hat er wohl etwas übertrieben. Spanien machte lediglich, was es tun musste, um diese heterogene französische Mannschaft zu bezwingen.

Frankreichs Trainer Laurent Blanc lässt sich jedenfalls nichts Neues einfallen. Wie alle Trainer, die gegen Spanien antreten – Italien mal ausgenommen –, legt er das Hauptaugenmerk auf die Defensive. Mit Karim Benzema und Franck Ribéry nominiert «le Président» nur zwei offensiv ausgerichtete Spieler. Auf der rechten Seite agieren mit Mathieu Debuchy und Anthony Réveillère gar zwei Aussenverteidiger. Wobei agieren nicht ganz korrekt ist. Viel eher sind die beiden wie die gesamte «Equipe tricolore» hauptsächlich damit beschäftigt, Ball und Gegner hinterherzulaufen. Blancs Maurer-Taktik geht jedenfalls nicht auf. Denn ausgerechnet über die rechte Abwehrseite kassiert Frankreich das 0:1. Iniesta spielt steil auf Jordi Alba. Der 23-jährige Aussenverteidiger vom FC Valencia schüttelt Debuchy ab, schaut hoch, flankt und Xabi Alonso veredelt im 100. Länderspiel seinen fulminanten 30-Meter-Sprint mit einem kraftvollen Kopfball. In der 91. Minute erhöht der Stratege von Real Madrid mittels Penalty auf 2:0.

Möglich, dass nicht nur der Gegner, sondern auch das Kabinengewitter nach dem 0:2 gegen Schweden Einfluss auf die Aufstellung hatte. Mit Samir Nasri und Hatem Ben Arfa sassen nicht nur zwei begnadete Offensivspieler, sondern auch zwei Wettermacher auf der Bank. Die Folge: Frankreichs Offensivspiel war berechenbar wie der Mondkalender. Die erste Tormöglichkeit erspielten sich die Franzosen in der 60. Minute, als Debuchy eine Flanke von Ribéry übers Tor köpfelte.

Natürlich hatte Spanien wieder viel mehr Ballbesitz als der Gegner. Natürlich liefen sie kaum je Gefahr, einen Treffer zu kassieren. Und natürlich bestachen sie wieder mit ihrem Kurzpassspiel, ihrer Technik. Aber wie so oft war es ein spannungsarmer Monolog, weil die Spanier kaum Torchancen kreierten. Und wie so häufig vermitteln sie in solchen Spielen den Eindruck, dass sie nicht alle ihre Karten aufdecken. Schliesslich sind sie wie schon in ihrem Startspiel gegen Italien (1:1) ohne Stürmer aufgelaufen. Trainer Vicente del Bosque kann sich das leisten, weil seine Defensive kaum Chancen zulässt und jeder der sechs Mittelfeldspieler weiss, wo das gegnerische Tor steht. Spanien ist mit diesem System zwar unberechenbar, weil der Gegner nie weiss, welche Mittelfeldspieler in den Abschluss gehen. Was ohne Stürmer hingegen wegfällt, sind das Spiel in die Tiefe, die Präsenz im Strafraum, die dreckigen Tore. Man kann es als Zeichen der Stärke interpretieren, dass Del Bosque auf dieses eher archaische Stilmittel verzichtet.

Frankreich war nicht mehr als eine Episode, ein nettes Sparring auf dem Weg zum Triple. Das hat zwar noch nie eine Mannschaft geschafft. Für den Moment scheinen nur die Deutschen über die Mittel zu verfügen, diesen spanischen Ballvirtuosen das Leben so richtig schwer zu machen.

Frankreich ist eigentlich als Geheimfavorit zur EM gereist, weil die Trümmer nach dem Erdbeben von Knysna (Südafrika) zusammengefegt wurden. Damals, an der WM 2010, waren die französischen Spieler in einen Streik getreten und hatten einen desolaten Eindruck hinterlassen. Damals mittendrin war Franck Ribéry, was man ihm in Frankreich übel genommen hatte. Ribéry hat Busse getan, versprach Besserung und machte sich mit seinen Teamkollegen auf, Europa zu erobern. Schliesslich steht er noch immer im Schatten von Zinédine Zidane und Michel Platini. Es war schon fast zynisch, wie man ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, dass das 2:0 gegen die Ukraine der erste Sieg Frankreichs an einer EM ohne Platini oder Zidane war. Vielleicht wollte man mit dieser Geschichte Ribérys Stolz kitzeln. Gelungen ist es offenbar nicht. Der Starspieler des FC Bayern München war an dieser EM nie in der Lage, eine Leaderrolle zu übernehmen. Zwei Jahre nach dem Erdbeben von Südafrika steht Blanc wieder vor dem Nichts. Der Einzige, der an dieser EM angedeutet hat, künftig eine tragende Rolle übernehmen zu können, ist Yohan Cabaye. Das ist ziemlich wenig für eine einstige Fussball-Grossmacht.

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